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Safeta ObhodjasSafeta Obhodjas

Feministinnen und ihre Geschäftsmodelle

Veröffentlicht am 30.04.2021

 Frauenvernetzung

 Das Internet bietet viele Webseiten der Vereine und Organisationen an, welche groß auf ihre Fahne Frauenfreiheit schreiben. Ihre Programme können sich allgemein sehen lassen; oft beinhalten sie auch eine Kampfansage an den politischen Islam, der in seiner fundamentalistischen Lehre Frauenrechte nicht wahrnimmt. Das Vorgehen der deutschen, feministischen Aktivistinnen ist hinlänglich erprobt: engagierte und aufgeklärte Frauen setzen sich für unterdrückte Zeitgenossinnen ein, indem sie in ihrem Namen agieren und von der deutschen Politik verlangen, durch die Gesetzgebung die Rechte der Musliminnen zu stärken, sowohl in ihren Familien als auch in der Gesellschaft. So steht es wenigstens in ihren Programmen.

Ich bin eine Autorin, die seit fast vierzig Jahren über ähnliche Problematik schreibt, und gleichzeitig versucht, Aufklärungsarbeit an der Basis zu leisten. Deshalb habe ich viele Male versucht, Kontakt zu den Trägerinnen solcher Programme aufzunehmen. Ich stelle mich bei den bekannten Aktivistinnen vor, wobei ich meine Bücher, Texte und Projekte als Referenzen beilege, in der Hoffnung, ihr Interesse für eine Zusammenarbeit zu wecken. Vergeblich. Bis jetzt ist es mir nie gelungen, von ihnen wenigstens eine nette Antwort zu bekommen. Meist ignorieren sie meine Anrufe und meine E-Mails, nur ab und zu bekomme ich eine kurze Rückmeldung: Nein, danke, Sie passen nicht zu unserem Geschäftsmodell. Trotz der Ablehnung nehmen sie meine E-Mail-Adresse in ihren Verteiler auf, und so bekomme ich regelmäßig Infos darüber, in welchen Projekten bezüglich Frauenfreiheit sie aktuell engagiert sind, meist mit immer dem gleichen Inhalt, den ich schon lange und neunzig Prozent kenne. Neulich hat mich eine ihrer Aktionen animiert, wieder einen Kontaktversuch zu wagen, weil ich einige Essays zu ihrem Thema schon geschrieben hatte. Aber das war wirklich keine gute Idee, es vergrößerte nur meine Frustration.

Hier können meine Besucher ein paar schriftliche Belege meines Scheiterns lesen:     

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Unterdrückung durch politische Korrektheit

Veröffentlicht am 30.04.2021

Eine vollkommene Kontrolle ist das Schicksal von vielen Musliminnen im Heute und Hier

 

Neulich erzählte eine Kollegin von mir in einer renommierten Kultursendung im Fernsehen von ihrem neuen Krimi dessen Inhalt ich teilweise kannte. Darin geht es nicht um das gegenwärtige Leben der menschlichen Spezies. Es scheint, dass die realistischen Problemedes Daseins keine Herausforderung für die Phantasie dieser Schriftstellerin darstellen. Das Buch handelt von einer Großstadt in Deutschland, wo eine ideale Gesellschaft aus der Zukunft lebt. Sowohl der öffentliche als auch der private Bereich sind vollkommen reguliert und überwacht, von wem auch immer, aber dieser jemand hat so viel Power, dass er die Grenzen schließen kann, wann immer er das will, und er ist fähig jedem Stadtbewohner alles zu schenken, was dieser zu einer gemütlichen Existenz benötigt. In dieser Stadt ist alles vorhanden außer Freiheit. Ein Kriminalfall in so einer idealen, geschlossenen Welt, das kann man sich schwer vorstellen.

Ich hörte sie reden und erinnerte mich an ein reales Treffen mit dieser Frau, an ein Gespräch, das viel absurder endete als das, was sie in der Sendung von ihrem futuristischen Roman präsentierte. Sie arbeitete auch als Lektorin in einem kleinen Verlag und deswegen kannte sie einige meiner Bücher. Vor diesem Treffen in Berlin hatte sie sich am Telefon als großer Fan meines literarischen Stils ausgegeben. Ich habe mich so gefreut, endlich einen richtigen Kontakt zu jemandem aus der Literaturwelt zu haben. Sie wünschte auch eine Begegnung live und bald bekamen wir eine Chance uns zu treffen, weil ich zu einem Festival nach Berlin eingeladen war. Ich träumte davon, ihr von meiner Arbeit an der Basis zu erzählen, von den Lesungen an den Schulen, von den Auftritten in den Multikulti-Vereinen, aus denen ich letztendlich mein Schreibmaterial schöpfte.

Ihre Begrüßung war jedoch viel distanzierter als ich es mir vorgestellt hatte. Es war ein sehr heißer Tag, und wir konnten nicht gleich ein Café mit einer Terrasse im Schatten finden. Sie hatte nicht viel Zeit, musste gleich zu einem anderen Termin, deshalb gaben wir die Suche auf und landeten in einer ungemütlichen Imbissbude. Unser Gespräch begann sehr holperig. Sie zeigte keinerlei Interesse an meiner Arbeit, viel lieber erzählte sie von ihrer, von dem Verlag, in dem sie ihr Geld verdiente. Dann begann sie mir den Inhalt ihres neuen Kriminalromans zu schilden. Ich fühlte mich in meiner Zuhörerrolle unwohl, ohnehin konnte mir dieses Genre gestohlen bleiben. Als sie begann von den Menschen zu reden, die bald unter vollkommener Kontrolle des digitalen, selbst erschaffenen Monsters würden leben müssen, entschied ich mich, sie zu unterbrechen, und ihr etwas von unserer kontrollierten Realität zu erzählen.

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Zwiegespräch am Wupperufer mit Helene Stöcker

Veröffentlicht am 10.04.2021

Ketten reißen nie von selbst

Dr. Helene Stöcker, Frauenrechtlerin, Publizistin und Philosophin, kam 1869 in Wuppertal zur Welt. 1933 trieben die Nazis diese überzeugte Pazifistin ins Exil.  Danach wurde sie ausgebürgert und man erkannte ihr den Doktortitel ab. Sie starb 1943 in New York, im Exil.

 Ich musste Bosnien und Herzegowina wegen der Vertreibung der nicht serbisch stämmigen Bevölkerung verlassen, die 1992 die serbischen Nationalisten in meinem Heimatland durgeführt hatten. Nach der Ankunft in Deutschland fand ich ein Refugium in der Geburtsstadt von Helene Stöcker. Eines Tages entdeckte ich bei einem Spaziergang ein Ufer, das ihren Namen trug. Das weckte meine Neugier. Wer war diese Frau, die man in Wuppertal nur durch die Namensgebung einer kurzen, einsamen Strecke entlang der Wupper geehrt hatte?

Beim Erforschen ihres Lebenslaufs und ihrer Werke in der Stadtbibliothek entdeckte ich, wie wichtig ihre Mission sowohl für die Frauenbewegung als auch für Menschenrechte war. Fast unbewusst begann ich einen Dialog mit ihr, indem ich unsere persönlichen Schicksale im Rahmen der Weltumwälzungen der jeweils erlebten Zeiten nebeneinander stellte. Irgendwann zeichnete ich unser Zwiegespräch am Wupperufer auf und gab ihm den Titel Ketten reißen nie von selbst. Hier lade ich meine Leser ein, ein bisschen an unserem Austausch teilzunehmen.

 

Helene S. trifft Safeta O. Ein Zwiegespräch am Wupperufer

Musik – Einleitung

 SZENE 1

Safeta sitzt am Laptop, tippt. Sie ist konzentriert, murmelt etwas vor sich hin. Dann nimmt sie ein Buch, blättert darin Das kann nicht sein! Helene, die Zeit ist wie im Flug vergangen. Vor fünfzehn Jahren haben wir mit unseren Zwiegesprächen angefangen, Helene.

Helene kommt aus dem Halbdunkel, mürrisch Darf ich dich fragen, von welcher Tarantel du jetzt gestochen bist, um wieder mal meine Gesellschaft zu suchen? Damals hast du dich über Einsamkeit beklagt und in einer Kiste … deutet auf den Laptop, überrascht Warte, damals hattest du eine große Kiste vor dir, nicht so ein kleines Ding wie jetzt. Du hast auch in einem Buch gelesen, ein Buch voller Frauennamen, die ich sogar kannte … Wie hieß das Buch noch mal? Ach ja, „Lexikon der Rebellinnen“. 

Safeta ironisch Du hast ja ein langes Gedächtnis! Das stimmt! Blättert im Buch Durch dieses Lexikon habe ich auch von der ersten promovierten Philosophin Deutschlands erfahren. Jetzt ist dein ganzes Leben in meiner kleinen Kiste aufgezeichnet: Helene Stöcker, geboren vor genau 150 Jahren in Wuppertal. Höhere Töchterschule. Studium der Literaturwissenschaft in Berlin.  Gründerin des Bundes für Mutterschutz … Frauenrechtlerin, Friedenskämpferin, Vermittlerin zwischen den Geschlechtern, Herausgeberin von Zeitschriften. Flucht vor den Nazis über die Schweiz, Schweden, Russland nach Amerika ... 

Helene Stopp! Was willst du heute von mir, an meinem Geburtstag? Führ  deine Monologe mit dir selbst!

Safeta Das sind keine Monologe sondern Zwiegespräche. Siehst du, ich lebe immer noch in deiner Geburtsstadt Wuppertal ...

Helene Ich bin aber in Elberfeld geboren.

Safeta Das weiß ich, das ist jetzt Wuppertal, seit länger als hundert Jahren schon.

Helene energisch Elberfeld, Wuppertal, was auch immer, ich habe nicht lange in dieser Stadt gelebt.

 Safeta Das weiß ich auch. Aber deine Stadt erinnert sich ab und zu an dich. Und ich, eine Eingedeutschte, tanke bei dir meine Kraft auf … Wie kann ich dir das erklären? Du warst eine großartige Theoretikerin, aber gleichzeitig auch eine Praktikerin. Zum Beispiel beim Mutterschutz hast du Menschen zum Umdenken bewogen ...

Helene Aber mein Engagement als radikale Pazifistin nach dem Ersten Weltkrieg erwähnst du kaum, und zwar ohne parteiliche und weltanschauliche Bindung ... Darauf lege ich großen Wert!

 Safeta Entschuldigung ... Aber um dir die Wahrheit zu sagen, deinen radikalenPazifismus kannst du dir heutzutage in die Haare schmieren …

Helene Wie kannst du so etwas behaupten? Ich hatte so viele Gleichgesinnte nach dem Ersten Weltkrieg …

 Safeta Ach ja. Einige Namen deiner Gleichgesinnten kenne ich sogar, aber ihr habt nicht einmal den Zweiten Weltkrieg verhindern können ...

Helene irritiert Gibst du uns die Schuld dafür? ...

Safeta Es ist ja gut … nein! Ich beneide dich, du hattest deine Prinzipien. Ironisch Du wolltest die Welt retten. 

 Helene Und was willst du? Bist du etwa auch eine Rebellin geworden? Und in einem modernen „Lexikon der Rebellinnen“ gelandet?

Safeta Ach, nein! Ich habe dir schon gesagt, auf dem Balkan wachsen nur brave Frauen auf. Ist das nicht traurig? Und ich ...

 Helene ironisch Ach, und deswegen weckst du mich immer wieder, weil du immer noch keine lebendige Zuhörerin gefunden hast für deine Klagen? Aber ich weigere mich, immer demselben Jammer der Frauen zuzuhören.

Safeta gekränkt Ich muss mit jemandem reden. Ich bin es leid, immer alleine an meinem Schreibtisch zu hocken.

Helene Was ist aus dir geworden? Keine Philosophin, keine Rebellin, keine ...

 Safeta Das weißt du ja schon. Seit unserem Zwiegespräch vor vielen Jahren hat sich  meine Bibliografie nur verlängert. Stolz Schau mal hier, auf dem  Bildschirm … Das sind meine neuen Werke.

Helene Bildschirm? Hmm  … Du meinst dieses kleine Ding da?Liest Safeta Obhodjas stammt aus Bosnien und Herzegowina. Überlegt Wo ist dieses Land? Ach ja, auf dem Balkan ... Ihre slawische Herkunft und ihre muslimischen Wurzeln brachten sie in ein doppeltes Dilemma der Zugehörigkeit, die sich in ihren ersten Werken widerspiegelt. Ende 1992 muss sie aus ihrer Heimat fliehen, um der von den serbischen Politikern gesteuerten „ethnischen Säuberung“ zu entgehen. Seither lebt sie in Wuppertal. Schreibt zweisprachig, Deutsch und Bosnisch. Deutsch? Donnerwetter!

 Safeta lacht Ja, ich bin eingedeutscht, wie man heutzutage sagt, auch durch deine Texte und deine Lehre. Wollen wir nicht unser Zwiegespräch fortsetzen?

HeleneTja, was es nicht gibt in dieser Welt. Eine Philosophin aus dem vorigen Jahrhundert und eine Literatin von heute können nicht aufhören, sich auszutauschen. Aber hier, in deiner Bude ist es so eng und langweilig.

Safeta Ich schlage vor, einen Spaziergang durch Wuppertal zu machen.  Komm Helene, ich zeige dir deine und meine erneuerte Stadt. Du bist hier geboren, ich habe hier meine deutsche Heimat gefunden. Lacht Und meinen Laptop nehmen wir mit.

Helene Warte, warte, nicht so schnell! Mein Hut sitzt ja schon auf dem Kopf. Aber wo ist meine Pelerine, wo ist mein Regenschirm?

Safeta Brauchst du nicht! Im Moment scheint die Sonne. Wir lieben den Klimawandel, wenn wir die mediterrane Wärme  genießen dürfen, und verfluchen ihn, wenn sintflutartige Gewitter über Europa toben.

Helene verlegen Klimawandel? Was redet diese Frau?

Safeta Komm, heute scheint die Sonne! Du wirst sehen, wie lebendig unsere Stadt geworden ist.

 

Szene 2 kommt gleich

 

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Frauen aus der Karawane Sinais

Veröffentlicht am 31.03.2021

Die ersten Storys auf Deutsch schrieb ich Ende des Zwanzigsten Jahrhunderts, in denen ich mein schreibendes Pendeln zwischen den Kulturen thematisierte. In dieser Zeit ahnte ich nicht einmal, was für eine brisante Problematik der Zukunft ich in meine Geschichten einfließen ließ. Das bezeugen auch diese zwei Kurzstorys aus dem Bändchen Frauen in der Karawane Sinais. Als erste biete ich meinen Lesern Alles gute Muslime an, in einer Woche folgt Eine Konvertierte – eine Geborene.

Wenn Sie interessiert sind, können Sie das Büchlein immer noch beim NordPark-Verlag Wuppertal erwerben.

Alles gute Muslime

 Die Weisheit des Literatur- Magiers Luis Borges, es sei für die Religion leicht zu sterben aber recht schwierig für sie zu leben, traf auf meinen Vater nicht zu.  Er hatte keine Lust zu sterben, noch weniger, als Frömmler zu leben. Bereits in jungen Jahren war ihm klar, dass er sich der Religion nicht unterwerfen konnte. Er wurde als Muslim geboren, glaubte an Gott, aber die vorgeschriebenen Pflichten des Islam konnte er nie erfüllen. Für seine Sünden stand er gerade und verabscheute jede Heuchelei.

Stellen wir uns vor, jemand hätte meinen Vater hierzulande zu einer türkischen Feier eingeladen. Schon auf den ersten Blick hätte er die Gäste mit seinem Humor erfreut: "Mein Sohn, bitte schenke mir keinen Schnaps aus dieser Aldi-Tüte ein. Der ist mir zu billig! Meinst du etwa, der liebe Allah ist blind und sieht nicht, was du da tust? Oder diese Betrunkenen dort in der Ecke. Stell mein Glas auf den Tisch! Gottes Strafe dafür werde ich akzeptieren!"

Ich hatte aber eine sehr fromme Tante. Sie betete alle vorgeschriebenen Gebete, fünf Mal am Tag verneigte sie sich vor dem Allmächtigen. Und am Opfer-Kurban-Bajram gedachte sie ihres verstorbenen Mannes Mustafa. In seinem Namen ließ sie einen großen Schafsbock schlachten. Aber meine Tante war geizig und konnte diesem Fluch nicht widerstehen. So verteilte sie an die Familie oder an arme Menschen nur ein Viertel des Kurbans, drei Viertel landeten in ihrem Kochtopf. Gerade umgekehrt sollte es sein.

Ich erinnere mich an unseren Nachbarn, Avdić hieß er, der die Böcke für den Opfer-Bajram züchtete. Er war ein Schlitzohr, konnte die kümmerlichsten Tiere zu den teuersten Preisen verkaufen. Und sich danach über die Dummheit seiner Kunden lustig machen.

Auch ich konnte meinem Laster nicht entkommen. Ich wurde vomSchaitan selbst geritten, gerade diese schrägen Charaktere in meinen Geschichten darzustellen. Die Warnungen, das zu unterlassen, nahm ich nie wahr. Scheherazades Fluch ist mir zu einer Droge geworden, in deren Rausch ich keine Ängste kannte. Nur ich war nicht geschickt, um meine Geschichten märchenhaft zu schmücken. Als meine Charaktere wählte ich immer die Menschen aus, über deren Makel ich mich lustig machen konnte. Ernüchterung und Alpträume ließen nicht lange auf sich warten.

In der letzten Nacht träumte ich mir davon, ich wäre vor ein Gericht der Gerechten gestellt worden. Sowohl der Kläger als auch der Richter hatten vermummte Gesichter, aber dieselbe Stimme, die Stimme eines strengen Imam aus unserer Gemeinde.

"Wer hat dir das Recht gegeben, solche Karikaturen aus Muslimen zu machen?" zischte der Mann ohne Gesicht.

"Verehrtes Gericht, ich weiß nicht was Sie meinen!" ich mimte die Unschuld in Person.

 "Warum schreibst du nur über schlechte Muslime wie deinen Vater!" - erhob er seine Stimme.

"Aber mein Vater war ein guter Mensch. Er hat Tag und Nacht gearbeitet, um unsere Familie zu ernähren. Ich habe mit seiner Hilfe die Schule absolviert. Ab und zu ein Paar Gläschen, das ist doch keine Sünde, oder ..."

"Was macht dieses Schlitzohr, Avdić, in deiner Geschichte?" - unterbrach der Richter mich.

"Avdić, den Kurban-Züchter meinen Sie? Er war auch ein guter Mensch. Er hat meinen Bruder aus dem Hochwasser führenden Bach gerettet", belehrte ich ihn.

"War diese Eule, diese Tante, die die Vorschriften der Religion nicht achtete, auch eine gute Frau?" lachte er, aber sein Blick bohrte mich durch.

"So schlimm war sie doch nicht. Sie konnte wunderschön singen, besonders unsere Volkslieder, sogenannte Sevdalinken ..."

Das war ein böser Traum. Nach dem Erwachen begriff ich, dass der Richter mich schon vor die Tür gesetzt und mir Hausverbot verpasst hatte. Ich durfte nie mehr in der Gemeinde erscheinen.

Jetzt frage ich mich, war das ein Traum oder Wirklichkeit?

 

Jetzt kommt die zweite Geschichte

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Safeta Obhodjas, Autorin auf Bosnisch und Deutsch, Sargon Boulus, Dichter auf Arabisch und Englisch

Veröffentlicht am 10.03.2021

Legenden und Staub - auf christlich-islamischen Pfaden des Herzens

 Einleitung

 

Im Frühling des Jahres neunzehnhundertachtundneunzig trafen sich zwei Schriftsteller aus unterschiedlichen Gegenden der Welt im Künstlerdorf Schöppingen, Nordrhein-Westfalen: Safeta Obhodjas, bosnische Muslimin, die Sprache ihrer Prosa ist slawisch, Deutschland ihr Exil, und Sargon Boulus, arabischer Dichter, assyrischer Christ aus dem Irak, seit langem schon Weltreisender.

Bereits in den ersten Gesprächen entdeckten sie, daß sie sich mit einem bescheidenen Vokabular arabischer, türkischer, undpersischer Herkunft unterhalten konnten, das in Safetas slawischer Sprache überlebt hatte. Es seien nur einige schöne Worte erwähnt: Asik (Liebster), Nadir, somun (Fladenbrot) sevdah (Liebe), dud (Maulbeere), hamam (Bad). Beide haben zudem dasselbe Sternzeichen: Wassermann. Wenn man in ihren Biographien weitere Berührungspunkte finden will, muß man sich schon anstrengen.

Ihre wie seine Familie waren arm, aber auf unterschiedliche Weise. Sein Vater war ein landloser Arbeiter, der bei den Engländern, den damaligen Kolonialherren des Irak, eine Anstellung fand, später bei Erdölgesellschaften in Kirkuk und Bagdad. Ihr Vater war Arbeiter, aber als seine Jugend verrann, kaufte er ein paar Äcker in der Nähe von Pale, sechzehn Kilometer vor Sarajevo, und schuftete dort Tag und Nacht, um seine Kinder zu ernähren. Sargons Heimat ist bekannt für die langen und heißen Sommer, Safetas für die langen, schneereichen Winter. Er begeisterte sich in seiner Jugend eine Zeitlang für die kommunistische Revolution und Revolutionäre, träumte davon, daß diese große arabische Welt über Nacht in eine ›helle Zukunft‹ gehen würde. Dann begriff er, daß er persönlich nur an einer einzigen Revolution teilhaben wollte: der Erneuerung der arabischen Poesie, seit seinem sechzehnten Lebensjahr widmet er sich ihr und wurde rasch zu einem ihrer Hauptvertreter. Safeta kam zu ihrem ›Glück‹ in einem Land zur Welt, das nach dem Zweiten Weltkrieg den hinterwäldlerischen Kapitalismus mit dem Sozialismus vertauscht hatte. In ihrer Jugend glaubte sie an Titos Illusionen, daran, daß die Völker ihrer Heimat auf Dauer in Frieden und gegenseitigem Verständnis leben würden. Ihre persönliche Revolution ereignete sich – viel später als die seine –, als sie sich dem dreißigsten Lebensjahr näherte und beschloß, in der Literatur jenes Landes neue Themen aufzugreifen: Sie wollte die Gesellschaft der Gegenwart und die Rolle der Frauen beschreiben. Ihr Sinn für praktische und rasche Problemlösungen wurde durch langjährigen Zeitmangel geformt. Nur mit einem gut organisierten Alltag konnte sie neben allen Verpflichtungen einer ganztags arbeitenden Ehefrau und Mutter einige Stunden fürs Schreiben und Lesen abzweigen. Im eng abgezirkelten Familienleben war für Spontaneität und durchwachte Nächte kein Platz. Eine regelrecht professionelle literarische Arbeit begann sie erst in reifen Jahren, im Exil. Lange dauerte es, bis sie sich daran gewöhnt hatte, daß ihr das Schreiben eine besondere Rolle in der Öffentlichkeit verschaffte, und ihre Lebenserfahrung und ihr Denken für andere Menschen interessant waren.

Sargon hat niemals geheiratet, er hat keine Kinder, hat sich nie an einen Ort gebunden und nie geglaubt, daß er irgendwohin gehöre. Für ihn gestalten sich die einfachsten Dinge des praktischen Lebens zum Problem. Mit fünfzehn oder sechzehn begann er seine Laufbahn als Berufsschriftsteller, er hat in Krisenzeiten diesen Weg oft verlassen, kehrte aber jedesmal zu ihm zurück, denn er konnte nicht ohne die Illusion leben, daß dem dichterischen Wort jene Magie eignet, welche die Welt im Innersten zusammenhält. Seine umfassende Kenntnis verschiedener Kulturen, besonders ihrer jeweiligen Literatur, gibt er mit Begeisterung weiter, besonders an junge Menschen. Er hat längst vergessen, daß die Nacht zum Schlafen da ist. In ihr feilt und hämmert er mit leiser Intensität in seiner Dichterwerkstatt. Während er mit seinem gemächlichen orientalischen Schritt um die halbe Welt gezogen ist, hastete sie in immerzu auf kleinem Raum hin und her, denn ihr standen nur die fünfzehn, sechzehn Kilometer zwischen Sarajevo und Pale zur Verfügung. Als Safeta neunzehnhundertsiebenundsechzig ihre erste Tochter gebar, brach Sargon mit dem Kopf voller Träume von Bagdad nach Beirut auf. Dort angelangt, träumte er von dem Tag, an dem er sich nach Amerika einschiffen würde. Als neunzehnhundertdreiundsiebzig ihre zweite Tochter zur Welt kam, war ihm Amerika schon zu eng geworden. Er bereiste mehrmals den alten Kontinent, weilte monatelang in Paris und London, fuhr durch Deutschland, kehrte aber immer wieder nach San Francisco zurück. Vor fünf Jahren verkraftete seine Psyche das Tollhaus der amerikanischen Zivilisation nicht mehr, er ließ alles zurück, sogar seine umfangreiche Privatbibliothek, in der er alle bedeutenden literarischen und philosophischen Werke von Orient und Okzident zusammengetragen hatte, packte seine Koffer und kaufte ein One-way-Ticket nach Europa. Berlin, Köln und München waren Stationen, an denen er sich länger aufhielt, ab und zu sogar für mehrere Monate.

Kurz bevor er Amerika verließ, zerschnitten der Krieg in Bosnien und der Genozid an dem Volk, dem sie angehörte, Safetas Bindung an einen Ort. Mit ihrer Familie kam sie nach Deutschland. Der Instinkt, die Kinder aus der Kriegskatastrophe des Balkan zu retten, führte sie dorthin. Sie hatte das Glück, daß sie in dieser Wartehalle auf Rückkehr in die Heimat nicht nur warten mußte, ihr Exilland wurde zum Ort schriftstellerischer Arbeit.

So trafen sich ihre Wege im Künstlerdorf Schöppingen. Er war neunzehnhundertsiebenundneunzig dort Stipendiat, sie neunzehnhundertachtundneunzig.

Nachdem sie sich ein paar Nächte hindurch über Gott und die Welt unterhalten hatten und er sich schon auf seine Fahrt nach London vorbereitete, sagte Sargon: »Wenn wir gescheit wären, würden wir unsere Gespräche aufzeichnen, daraus kann ein ganzes Buch werden.«

 

 

 

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Theorie und Praxis

Veröffentlicht am 10.03.2021

Warten auf den„man“-Messias

Wer kümmert sich um die muslimischen Frauen?

 

Seit etwa zwei Jahrzehnten sind viele wirkliche und selbsternannte Freidenker aufgetreten, die in der Medienlandschaft  als kompetente Islam-Experten und Kenner der gesellschaftlichen Zerwürfnisse fungieren. Sie arbeiten gewöhnlich in Hochschulen und tragen die höchsten akademischen Titel. Sie haben das Privileg, sowohl ihre Erfahrungen als auch ihre Analysen der Situation in den ghettoisierten muslimischen Gemeinden an die Öffentlichkeit zu bringen. Dafür stehen ihnen alle möglichen Medien zur Verfügung. Ihre Berichte registrieren übereinstimmend eine auf der Strecke gebliebene Integration (und fordern verstärkte Bemühungen). Man kann sie kaum voneinander unterscheiden. Sehr gefragt sind sie immer dann, wenn die Gesellschaft wieder einmal durch grausame Taten zugewanderter junger Männer erschüttert worden ist, handle es sich um Terrorattacken irgendwo in Europa oder um Vergewaltigungen und Ermordungen junger deutschstämmiger Mädchen und Frauen.

Die Liste solcher in der Öffentlichkeit stehenden Forscher und Analytiker ist nicht lang. Ich könnte ihre Namen rasch aufzählen. Aber das unterlasse ich, denn sie sind ohnehin gut bekannt.

Natürlich gibt es auch viele Forscher, Publizisten und Journalisten mit  deutschen Namen, die immer wieder das Scheitern der Integration feststellen, ganz ähnlich wie die eingedeutschten Denker und Analytiker.

Als Schriftstellerin versuche ich zum einen, die Situation der Menschen, die ihre Herkunft mit der Orientierung an den sogenannten Werten der deutschen Gesellschaft vereinbaren wollen, in meinen Werken kritisch zu erfassen. Zum anderen bemühe ich mich, aufklärende Kulturprojekte zu entwickeln und diese an die Alltagswelt der Zugewanderten und ihrer Nachkommen heranzutragen. Das liegt mir besonders am Herzen, zumal ich zeit meines Lebens immer wieder mit einem doppelten Dilemma der Zugehörigkeit konfrontiert war, nämlich dem meiner slawischen Herkunft und dem meiner muslimischen Wurzeln. Hinzu kam die Weiterbildung in der deutschen Sprache und Kultur – ich halte mich seit Jahren für ziemlich eingedeutscht. Ich fühle mich innerlich getrieben, etwas zu tun, um die verhängnisvolle Situation nicht nur zu beschreiben, sondern auch zu ihrer Überwindung beizutragen.

Deshalb versuche ich seit Jahren, solche oben erwähnten Forscher, Kenner, Analytiker, Journalisten, Publizisten zu kontaktieren, meist per E-Mail oder telefonisch, in der Hoffnung, dass sie meine Berichte, Vorschläge und Anregungen wahrnehmen. Wahrscheinlich bin ich ihnen lästig, zumal ich sie stets frage, was wir an der Basis unternehmen können, um endlich die Tür zur Integration zu öffnen, insbesondere für diejenigen, die schon jahrzehntelang in diesem Land leben. Auf meine Initiativen mit dem Schwerpunkt „Frauen und Nachwuchs“ erhalte ich nur sehr selten eine Antwort. Ab und zu landet in meinem Postfach ein Schreiben  mit einem knappen Dankeschön für meine Informationen: Sie seien sehr wertvoll. Manchmal gibt man mir auch das Versprechen, meine Werke weiterzuempfehlen, obwohl ich gar nicht darum gebeten habe.

 

Wer ist und wo befindet sich jenes „Man“, das alles richten soll?

 

Die Liste meiner Adressaten ist lang. Hier möchte ich nur einen meiner gescheiterten Versuche darstellen, in dem sich meine ganze Frustration wegen der Blockade an der Basis offenbart.

Nach dem grausamen Tod von mehreren Mädchen und jungen Frauen, ermordet durch junge Männer aus anderen Kulturen, wurde eine Islam-Expertin und Forscherin, Frau Dr. Sch., von vielen Medien um eine Beurteilung gebeten. Ich zitiere zwei Aussagen von ihr, die mich dazu bewegt haben, ihr zu schreiben:

„Viele junge arabische Männer sehen Frauen als ‚reine Sexobjekte‘, mit denen man tun kann, was man möchte.“

 Und dann erläutert sie, was aus ihrer Aussage folgt:

„Darüber hinaus geht es natürlich auch darum, dass all das, was ja bei uns auch in langen und zähen Auseinandersetzungen schwer erkämpft worden ist, nämlich die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, beileibe keine Selbstverständlichkeit ist, auch nicht in unserer eigenen Geschichte, dass das jetzt natürlich auch verteidigt werden muss gegenüber Zuwanderern, die nicht davon überzeugt sind, dass Frauen und Männer die gleichen Rechte haben.“

Ihre Aussagen haben mich nicht nur erschüttert, sondern auch empört, zumal Frau Dr. Sch. nur die deutschen Frauen, die von arabischstämmigen Männern als „Sexbeute“ wahrgenommen werden, im Sinn hatte. Ich konnte das nicht einfach auf sich beruhen lassen. Deshalb schrieb ihr die folgende E-Mail:

 „Sehr geehrte Frau Sch.,

ich bin eine eingedeutschte Schriftstellerin mit slawisch-islamischen Wurzeln. [….]  Ich schreibe Ihnen bezüglich Ihrer Äußerung, dass es jetzt sichtbar geworden sei, was für ein Frauenbild die jungen zugewanderten Männer aus anderen Kulturen hätten.

Ich bin ganz Ihrer Meinung, jetzt weiß jeder, nicht nur die AfD, wie sie ticken, sich untereinander schlagen, null Respekt vor allem haben, wie sie prügeln und töten. […]

Wenn Sie aber als Forscherin in diesem Gebiet tätig sind, wissen Sie sicher, dass alle diese Grausamkeiten gegenüber Frauen schon vorhanden waren, aber unsichtbar, in den Parallelgesellschaften, wo die deutsche Öffentlichkeit sie sehr selten wahrnahm oder komplett ignorierte.

 Sie wissen sicher, wie viele Mädchen gezwungen werden, ihre Cousins zu heiraten, um dann von denen vergewaltigt zu werden. Wie viele Mädchen sich umbringen, weil sie nicht so leben wollen. Oder sie wurden von der eigenen Familie umgebracht, nur weil sie einen Freund aus anderen Kulturen hatten. Vor einigen Jahren hat Dr. Meryam Schouler-Ocak eine Aktion in Berlin gestartet: ‚Beende Dein Schweigen, nicht Dein Leben.‘ Das hat nicht viel geholfen, die deutsche Gesellschaft hat sich wenig darum gekümmert, die Rechte der zugewanderten Frauen zu stärken. Zu den ewig Gestrigen, die schon vorhanden sind, kommt vielleicht noch eine Million junge Männer dazu, die von dieser Kultur keine Ahnung haben. Ich lebe an der Basis und ich bin sicher: Ihre Sozialisation kann nicht nur durch Forscher, durch Sichtbarmachung oder die Diskussionen in den Talkshows stattfinden. Welche Krankheit könnte man nur durch Diagnosen, aber ohne passende Medikamente heilen? Diese Frage habe ich persönlich an zahlreiche deutsche Institutionen und Redaktionen gestellt und wurde immer wieder mehr oder weniger unfreundlich abgewiesen. Besonders grob und herablassend von den engagierten deutschen Frauen.

     Mit vielen freundlichen Grüßen und auch Wünschen für eine Zusammenarbeit.

     Um der jungen Menschen auf beiden Seiten willen.

             Safeta Obhodjas“

 

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Mein erster Streaming-Auftritt

Veröffentlicht am 17.02.2021

Liebe Leserinnen und Leser,

am 11.03.2021 habe ich meine erste Streaming-Lesung aus dem Roman „Schwesternliebe – eine Halal-Seifenoper". Die ganze Organisation hat Frau Ursula Lauterjung übernommen, die mein Engagement seit Jahren unterstützt, wofür ich ihr sehr dankbar sind. Die Corona-Krise hat auch mich erwischt und ausgebremst, sodass ich keine Chance hatte, diesen Roman, der im vorigen Jahr erschienen ist, dem Publikum vorzustellen. Das ist das erste Mal und digital.

Schwesternliebe - eine Halal-Seifen-Oper 

Hier nur eine kurze Beschreibung dieses Buches

Meryam wird in eine arabische Familie in Deutschland hineingeboren. Als Teenie rebelliert sie gegen die traditionelle Lebensart ihrer Familie. Ihre Mutter stiftet den ältesten Sohn an, Meryam zu verprügeln. Diese läuft von zuhause fort und versteckt sich bei der Familie ihrer Schulfreundin Anne. Von einer staatlichen Einrichtung betreut, arbeitet Meryam hart, studiert, und es gelingt ihr, als junge Frau auf eigenen Füßen zu stehen. Nach dem Studium arbeitet sie als Assistentin in einer Anwaltskanzlei, während Anne im Sozialwesen tätig ist. Von der Freundin erfährt Meryam, dass ihre Großfamilie nicht mehr existiert: Einige Mitglieder sind tot, andere im Knast oder krank. Nur ihre Schwester, die noch ein Kind war, als Meryam das Elternhaus verlassen hatte, ist übriggeblieben und obdachlos geworden. Anne setzt Meryam unter Druck, ihre noch immer minderjährige Schwester bei sich aufzunehmen. Letztendlich holt Meryam ihre Schwester zu sich. Doch die Weltanschauungen der beiden prallen aufeinander. Die jüngere Latifah hat die traditionellen Werte ihrer Mutter verinnerlicht und verabscheut Meryems westliche Lebensart. Anne verlangt von ihrer Freundin, Geduld mit der Schwester zu haben … Aber Geduld ist kein Zaubermittel, um diesen culture clash zu verhindern. 

 

Später werde ich einen kurzen Auszug in den Blog eintragen

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Mein Erzählband "Das Geheimnis - die Frau"

Veröffentlicht am 05.02.2021

  Sarajevo, im Jahr 1982

 Die Freundin

Mein erster Erzählband auf Bosnisch „Die Frau und das Geheimnis“ entstand Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre in Pale, wo ich lebte, und in Sarajevo, wo ich arbeitete. Das waren die ersten Storys, die ich in den unterschiedlichen Kulturzeitschriften und manchmal auch im Rahmen der literarischen Radio-Sendungen publizierte. In dieser Zeit gab es im ganzen serbokroatischen Sprachraum – damals hieß unsere Sprache Serbokroatisch, die später in: Bosnisch, Kroatisch, Serbisch geteilt wurde -, gab es kaum Literatinnen, die die Prosa schrieben, nur ein Beispiel: in der ersten Anthologie der Kurzstorys in Bosnien und Herzegowina (1978) erschienen fast dreißig Geschichten, davon nur drei aus der Feder einer Frau. In den literarischen Werken unserer Männer wurden Frauenfiguren meist stereotypisch dargestellt: entweder als hingebungswolle Mütter, Schwestern, Ehefrauen oder als böse Femme Fatale, die den hilflosen Männern den Verstand raubten und sie ins Unglück verführten. Mit dem Leben unserer Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hatte unsere ganze Literaturszene nichts zu tun, insbesondere nichts mit der Lage der Frauen in der Gesellschaft.  

In meinen Geschichten wollte ich mich mit solchen Stereotypen auseinandersetzen und die Realität meiner Zeitgenossinnen darstellen. Aber bald habe ich begriffen, dass die modernen Themen voller Heimtücken waren; ich musste wohl aufpassen, nicht aus dem Rahmen der ideologischen Korrektheit zu fallen.

An vieles aus dieser Zeit meiner Anfänge als Schriftstellerin kann ich mich gut erinnern aber ein Moment hat sich besonders tief in mein Gedächtnis geprägt.  Als ich die Geschichte „Die Freundin“ schrieb, ist es mir klar geworden, dass es nicht egal war, welche Namen meine Protagonisten im Plot trugen. Die Erkenntnis von damals hat nie aufgehört, ihre Warnung in meinem Hinterkopf auszustrahlen, bis heute.

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Hilde Domin (1909-2006) Leben und Dichtung

Veröffentlicht am 31.01.2021

Mit leichtem Gepäck auf der Suche nach der Heimat

 

Ich kann die Story über die Lyrikerin Hilde Domin nicht   beginnen, ohne Ihnen, liebes Publikum, die Situation zu beschreiben, in der mir ihr Name das erste Mal begegnet ist. Das geschah in der Zeit meiner Heimatlosigkeit, und das ist die Verbindung zwischen uns beiden, weil die Dichterin auch länger als zwei Jahrzehnte heimatlos war. Ein Merkmal aller Diktaturen ist, „Menschen wie wir, wir unter ihnen“, wie Domin dichtete, gnadenlos zu vernichten und zu vertreiben.  

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Ex-Jugoslawien als eine Föderation der Südslawen eingerichtet. Diese sozialistische Republik hat man im Westen oft politisch verklärt, indem man sie als ein gelungenes Konglomerat von Religionen und Kulturen bezeichnete. Es ist mir rätselhaft, wie dieses idealistische Bild meiner ersten Heimat entstehen konnte, weil sie im Prinzip eine Diktatur war, in der Ideologie, Zensur und Selbstzensur alle Freigeister – Denker und Künstler – lähmten und mundtot machten. Die Machthaber passten wohl darauf auf, welche Bücher man aus dem Westen, auch aus dem deutschsprachigen Raum, in unsere Sprache übertragen durfte. Die Herausgeber der marxistischen Schriften wurden reichlich unterstützt, und diese Werke stellten die Pflichtlektüre dar, an allen Schulen und Fakultäten. Deutsche Klassik war auch beliebt, von Goethe bis Thomas Mann. Die Werke des Nobelpreisträgers zum Beispiel lieferten eine Menge an Beweisen, dass die Kapitalisten seit eh und je eine verdorbene, dekadente Kaste bildeten, die Arbeiter ausbeutete.

Die Werke von Autorinnen wurden sehr selten übersetzt, außer denen der Sozialistin  Rosa Luxemburg, die mich persönlich nicht interessierten. 

Die Schriftstellerinnen und Denkerinnen der deutschen Sprache waren mir vollkommen unbekannt, und überhaupt hatte ich keine Ahnung davon, wie sich die Kultur in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hatte.

Anfang der Neunziger krachte der Sozialismus in Ex-Jugoslawien zusammen, besonders verheerend und blutig in Bosnie+n und Herzegowina. In einem fast vierjährigen Krieg registrierte die Kriegsstatistik etwa 150 000 Tote, meist Muslime, und eine Million Flüchtlinge. 

Meine Familie hatte mit viel Glück überlebt und Ende 1992 landeten wir in Deutschland, in einem uns total fremden Land. Einerseits waren wir, meine Töchter und ich, dem Schicksal dankbar, weil wir dem Inferno unversehrt entkommen waren. Anderseits aber geriet ich in ein geistiges Vakuum, das ich psychisch kaum ertragen konnte. Ich hatte keine Sprache zum Lesen und ohne Lesen konnte ich mir mein Leben nicht vorstellen. Ein paar absolvierte Deutsch-Kurse reichten aber gerade, um als Haushaltshilfe arbeiten zu können.

Niedergeschlagen und von meiner Sprachlosigkeit gehandikapt, wohnte ich eines Abends 1993 einem Kirchenkreis bei, der im Wohnzimmer einer engagierten, deutschen Familie stattfand. Es ging um humanitäre Hilfe für die Kriegsflüchtlinge in Bosnien. Die Gastgeber und ihre Freunde besprachen die Transportmöglichkeiten für die gesammelten Hilfsgüter in die belagerte Stadt Sarajevo.

Ich konnte kaum verstehen, worüber sie diskutierten. Auf einem kleinen Tisch zwischen zwei Sofas lag ein Gedichtband, den ich gedankenlos aufschlug. Plötzlich las ich Worte, die ich verstehen konnte: „Sisyphus“, das war der Titel eines Gedichts, darunter eine Zeile mit: Variationen, Imperativ, Mallarmé“. Für einige Sekunden fand ich mich in meiner Welt wieder und merkte mir den Namen der Dichterin: Hilde Domin. Ich überflog ihre Biographie und das Wort „Exil“ fiel mir auf. Exil war ein Code, der mir vertraut vorkam.

„Diese Dichterin ist jetzt sehr in“, sagte die Frau, die neben mir saß. „In“, verwundert sah ich mich um, weil ich das als „Hilde Domin ist unter uns“ verstand. Zum Glück sagte ich das nicht laut.

Beim Abschied schenkte mir die Gastgeberin Domins Gedichtband. Es dauerte eine Weile, bis sich mein Deutsch so weit entwickelt hatte, dass ich Domins Gedichte wirklich lesen und verstehen konnte. Aber von Anfang an hatten sie für mich eine heilende Wirkung. Sie weckten mein Interesse für die anderen Dichter, Schriftsteller und Denker Deutschlands, die in der Ära der Nationalsozialisten verfolgt und vernichtet worden waren. Das half mir, meine Probleme zu relativieren, mich aufzuraffen und das Exil als eine Bereicherung zu betrachten.

Nun beginne ich endlich mit ihrer Geschichte, die mich so tief berührt hat, genauso wie ihre Gedichte.

 

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Mein Schreiben auf Bosnisch 1

Veröffentlicht am 30.01.2021

Ein Genre-Raster der politischen Korrektheit

Ich habe nicht gezählt, wie viele Male ich durch so ein Raster bei den deutschen Verlagen und Agenturen durchgefallen bin. Vielleicht war nicht immer dasselbe Raster im Spiel, aber die Durchfälle waren gleichermaßen schmerzhaft. Und jedes Mal, wenn ich mit meinem neuen Manuskript versucht habe, das Interesse eines Lektorats zu wecken, dachte ich an die dänische Schriftstellerin Karin Blixen (1885-1962) (Jenseits von Afrika), die einmal ihrer Sekretärin sagte: „Wir haben so lange allein gearbeitet, nun muss endlich etwas von außen kommen.“ Unter außen meinte sie: Aus der literarischen Welt, der Blixen sich verschrieben hatte, müssten endlich Interesse, Unterstützung, Anerkennung zu ihr kommen. Sie wäre müde, selbst nach ihnen zu suchen. Dieses Glück traf irgendwann ein, vielleicht als sie begann, ihre Manuskripte unter dem männlichen Pseudonym Isak Denisen an die Lektorate zu senden.

Lange Zeit dachte ich auch: nach so viel Arbeit in der Einsamkeit würde mir ein bisschen Interesse und Unterstützung aus der literarischen Welt guttun. Leider wurde das nie zur Wirklichkeit, fast nichts kam zu mir von außen. Irgendwann hörte ich auf, auf so ein Wunder zu hoffen und nach einem deutschen Verlag zu suchen. Trotzdem wollte meine literarische Berufung mich nicht loslassen, und drängte mich weiter zu schreiben, meist zweisprachig, zuerst auf Deutsch, danach folgte die Übertragung ins Bosnische. Gerade jetzt, mitten in der Corona-Pandemie, ist mein Roman Bitter waren die Früchte in Goethes Obstgarten im Verlag Bosnisches Wort – schönes Wort auf Bosnisch erschienen, dessen Veröffentlichung von einem Deutschen privat unterstützt wurde.

Bei demselben Verlag habe ich früher etliche Bücher publiziert, unter anderen die Romane Scheherezade im Winterland und Die Bauchtänzerin. Mein erster Roman Auf einem bosnischen Gastmahl ist nie auf Bosnisch erschienen, nur auf Deutsch. Die Hauptfiguren in diesen drei Romanen sind Amila, eine arbeitslose Biologin, Nadira, eine Journalistin und Schriftstellerin und Vildana, eine Designerin und Schneiderin. Alle drei Frauen kommen zusammen in meinem neuen Werk. Wegen des Kriegsinfernos mussten sie ihr Heimatland verlassen. Danach landeten sie in Deutschland, wo sie sich im Frauenzentrum Schwestern in Not kennenlernten und anfreundeten. Dieser neue Roman handelt davon, wie sie im Frauenzentrum auf die Idee kamen, natürlich mit der Unterstützung dessen deutscher Leiterin, ein multikulturelles Projekt ins Leben zu rufen, in dem auch Goethe selbst eine Rolle spielt.  

Hier der Link des Romans Bitter waren die Früchte in Goethes Obstgarten , wo Sie sein Cover auf Bosnisch sehen können.

https://bosanska-rijec.com/romani/opori-su-bii-plodovi-u-goetheovom-voćnjaku-detail.html

Weiterlesen die ersten Seiten des Romans auf Deutsch

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