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Safeta ObhodjasSafeta Obhodjas

Abraham, Avram, Ibrahim

Veröffentlicht am 16.05.2021

Abraham, Sarah und Hagar – eine Patchwork-Familie im Sinne der heiligen Bücher

In den Kulturen des Westens haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten einige neue Formen des Familienlebens entwickelt. Die alte klassische Familie bleibt erhalten, aber die Moderne hat viel mehr anzubieten: Homoehe, offene Ehe, offene Beziehung, Alleinerziehende, Patchworkfamilie... Wenn eine Ehe oder eine Partnerschaft ohne Trennungskriege zu Ende geht, bildet sich manchmal danach eine glückliche Kombination aus den verflossenen und den neuen Partnern und aus „meinen, deinen, unseren“ Kindern. In so einem Bündnis  aus  mehreren Elternteilen und deren Kindern entwickelt sich auch eine neue Zusammengehörigkeit, in der alle Erwachsenen aus freien Stücken entscheiden können, mit wem sie in einer Partnerschaft weiter leben wollen und wer für sie nur ein Freund geworden ist. Diese Entwicklung der Familie ist direkt mit der Emanzipation der Frauen verbunden. Ohne Gleichberechtigung der Geschlechter wäre sie nie möglich gewesen.

In den Ländern, wo Religion und Tradition seit eh und je Mann-Frau-Verhältnisse bestimmen, hat sich eine andere Art der Flickwerk-Familie erhalten, die man schon aus dem Alten Testament kennt: ein Mann und mehrere Frauen, ein Vater, mehrere Mütter unter einem Dach, wobei der Patriarch manchmal den Überblick verliert, wie viele Kinder und mit welcher Frau er gezeugt hat. In vielen islamischen Ländern darf ein Mann legal bis zu vier Frauen ehelichen. Wenn er wohlhabend ist, achtet er diese Regel nicht und nimmt viel mehr Frauen als ihm zustehen. Er kann jederzeit eine Frau verstoßen und eine jüngere nehmen, und oft müssen ihm die Mägde im Haus zur Verfügung stehen. In dieser Tradition, die man als „Vielweiberei“ bezeichnet, hat nur der Mann das Recht, eine Patchworkfamilie zu gründen, wie das in Abrahams Zeit auch üblich war, als die Menschheit an viele Götter glaubte.

 

Abraham und sein Vermächtnis an die Menschheit

 

Abrahams Lehre oder genauer seine Visionen sind ein Meilenstein aller monotheistischen Religionen auf ihrem Weg von der Vielgötterei zu einem Gott, zu einem Allmächtigen. Abram, Abraham oder Ibrahim – das ist der erste Prophet,  dessen Geschichte sich in Judentum, Christentum und Islam zwar in mehr oder weniger unterschiedlichen Versionen findet und wo neben ihm auch noch zwei seiner Frauen, Sarah und Hagar, als die Mütter seiner Kinder in die heiligen Bücher Eingang gefunden haben. Abraham heißt auf Arabisch Ibrahim, seine Frauen Saria und Hadzera, die erstgeborenen Söhne Ismail und Isaak. Aber wahrscheinlich hat man im Islam gedacht, dass nur zwei Frauen für so einen mächtigen und wichtigen Propheten zu wenig wären. Laut mündlicher Überlieferungen nahm er nach Hagar noch zwei weitere Frauen, die dritte hieß Qeturah und die vierte Sabah. Vier Frauen, das kommt uns bekannt vor, nicht wahr? Vielleicht haben die islamischen Vorreiter Abrahams Maß für alle Männer für legitim erklärt.

Im Islam gilt der Koran als ein vollkommenes, in sich geschlossenes Buch,

dessen Suren man nur theologisch auslegen darf. Es gibt deshalb wenig Dichtungen über das Leben der Propheten. Ich habe nur einen Artikel gefunden, der mir, obwohl auch ziemlich theologisch, als Grundlage für meinen Aufsatz dienen konnte, und zwar den Text „Abraham, Sarah und Hagar“, verfasst von der  islamischen Theologin Halima Krausen[1]. Für ihren Artikel hat sie das Material zweier Quellen benutzt, den Koran selbst, aber viel mehr die mündliche Überlieferungen, die in der arabischen Kultur, wenn es um die Festigung der Tradition geht, manchmal mehr Bedeutung haben als das Heilige Buch selbst.

Mancher jüdische und christliche Leser, der sich zum ersten Mal mit dem Koran befasst, ist überrascht, wenn er in dem zunächst doch ziemlich fremden Buch vertraute Gestalten entdeckt, darunter Abraham, dem der islamische Name Ibrahim entspricht, so beginnt der Artikel „Abraham, Sarah und Hagar“ von Halima Krausen. Ihre theologischen Erklärungen  finde ich wertvoll, aber für mich ein bisschen einseitig. Sie geben dem Leser kein vollständiges Bild dieser drei Menschen, deren Schicksale miteinander so verflochten waren. Deshalb werde ich als Quellen auch die anderen mündlichen Überlieferungen benutzen, die ich schon in meiner Kindheit gehört habe. Diese Sagen wurden uns Kindern von den älteren Frauen in der Familie erzählt, als sie versuchten uns zu erklären, wie schwer es die ersten Propheten hatten, den Glauben an einen Gott durchzusetzen.

Die Suren im Koran sind berühmt für ihre Knappheit und ihre nicht gerade präzisen Formulierungen. Sie kennen diese epische Art des Erzählens nicht, die  im  Alten Testament vorkommt. Im Koran sind meist Werte und Handlungen der Propheten dargestellt, die das Verhältnis Mensch-Gott im Mittelpunkt haben. In fast allen Suren wird mehrfach betont „Allah ist groß, einzigartig, allmächtig, barmherzig“. Diese Wiederholungen sollten sich dem Unterbewusstsein des Menschen einprägen und den früheren Glauben an die Götzen ausradieren.

 

Im Tal vieler Götter

 

Die Zeit vor Abraham

Wie schon bekannt, die alte griechische Mythologie ist voll von den sowohl guten als auch bösen Gottheiten. Die unsterblichen Götter saßen auf ihrem Olymp und beeinflussten das Leben armer Menschenkinder von oben. Genauso war es in der Wiege der Zivilisation, dem assyrischen Reich Babylon zwischen Euphrat und Tigris. Ein Gott war für den Krieg, ein anderer für den Frieden, eine Göttin für die Liebe, eine andere für die Ernte zuständig. Sie waren Spezialisten auf den unterschiedlichen Gebieten. Jeder Schritt der Menschen wurde von Göttern ins Visier genommen, und sie konnten jederzeit von den Allmächtigen bestraft oder gesegnet werden. Mal schickten die Götter den Menschen Glück, mal Unglück für die Jagd, den Krieg, die Liebe, für die langen Reisen über das Meer oder durch die Wüste. Doch die Götter waren fehlbar, nicht einmal sie konnten ihre Begierde unter Kontrolle halten. Manchmal verführten sie irdische Frauen und zeugten Halbgötter... Sicher haben einige von Ihnen dasGilgamesch Eposgelesen oder von ihmgehört. Es ist das erste uns bekannte literarische Werk auf der Erde. Sein Held, König Gilgamesch, wurde zwar von einem Gott gezeugt, hat aber von seinerMutter, einer stolzen Mensch-Frau, die Sterblichkeit geerbt.

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1949 Geboren in Aachen. Ihr besonderes Interesse an Religion ist dadurch ausgelöst worden, dass ihre Familie mütterlicherseits evangelisch und väterlicherseits katholisch war. Jedenfalls mit 13 Jahren fand sie im Islam die sinnvollsten Antworten auf ihre Fragen über Einheit und Vielfalt der Religionen. Schon während ihrer Schulzeit lernte sie Arabisch und fing an, aus Büchern zu studieren, später auch bei Gelehrten verschiedener Denkschulen und auf Reisen sowohl in Europa als auch im Orient…

www.halimakrausen.com



[1]

 

Mutter, einer stolzen Mensch-Frau, die Sterblichkeit geerbt. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als selbst nach der Unsterblichkeit seines Vaters zu suchen, was ihm nicht gelungen ist.

Sowohl bei den Assyrern als auch bei den alten Griechen wurden im göttlichen Reich Aufgaben je nach Geschlecht verteilt. Männliche Götter waren überwiegend für Kriege und andere männliche Machtproben zuständig, weibliche für Liebe und Fruchtbarkeit. Sie waren zwar unsterblich, aber ihr Charakter kam mir immer sehr menschlich vor. Ein berühmtes Menschenopfer möchte ich an dieser Stelle erwähnen: Agamemnon war bereit, seine Tochter Iphigenie zu opfern, um günstiges Wetter für den Krieg in Troja zu bekommen. Glücklicherweise rettete die Göttin Artemis Iphigenie. Sie nahm das Menschenopfer nicht an.

Die alten Zivilisationen gingen unter, doch die Nachkommen schöpften ihr geistiges Erbe aus diesen Wiegen der Zivilisation. So auch die Stämme, die in den Grenzgebieten zwischen Afrika und Asien lebten, auf der arabischen Halbinsel und im heutigen Ägypten. Nur wollten sie sich nicht auf ein paar große Götter beschränken. Es ist unglaublich, wie viele Götzen ihre Phantasie jeden Tag erschaffen konnte. Irgendwann wussten sie nicht mehr, woran sie wirklich glaubten. Ihre Götzenverehrung verwandelte sich allmählich in Wahnsinn. Ihnen schien es, dass ihre Allmächtigen ständig neue Opfer verlangen würden. Menschen vergeudeten ihre Zeit mit der Opferjagd. Überall in den Ortschaften standen Statuen von vielen Göttern und daneben die Altäre mit den verkrusteten Blutspuren ihrer Opfer. Man weiß nicht genau, ob bei ihnen auch Jungfrauen als Opfer beliebt waren.

In einem Dorf lebte ein Mensch, der die Götzenverehrung verabscheute. Wann genau, in welcher Zeit, darüber gibt es keine Angaben im Islam. Er hieß Abram, Abraham oder Ibrahim. Er glaubte an einen einzigen Gott und fühlte sich verpflichtet, diese Botschaft an alle Menschen weiterzugeben und den Wahnsinn der Opferung zu stoppen. Aber wer wollte in diesem Opferrausch seine Worte wahrnehmen?! Nicht einmal seinen eigenen Vater Azar konnte er zum Umdenken bewegen. Er litt schrecklich darunter. Und er versuchte immer wieder, die Idee eines einzigen Gottes durchzusetzen. Zum Glück stand seine Frau Sarah zu ihm und unterstützte ihren Mann. Leider hatten sie keine Kinder, an die sie ihre Lehre weitergeben konnten. Abraham hatte viel Ärger mit seinem Vater, der sich in der Götzenverehrung verirrt hatte. Der Sohn zerstritt sich mit seinem Vater und anderen Stammesführern. Danach musste er fürchten, als Opfer auf einem Alter zu enden, samt seiner Frau Sarah, die zu ihm stand. Zum Glück hatten sie keine Kinder und ohne diese Belastung konnten sie leichter ihren Stamm verlassen.

Wochenlang zogen die beiden durch ein fremdes Land, von einer Ortschaft zur anderen. Keiner wollte sie aufnehmen, ihnen einen Unterschlupf anbieten. Erschöpft und müde gingen sie weiter und weiter bis sie ein Königreich in Ägypten erreichten, wo sie endlich willkommen waren. Eine Weile lebten sie in diesem Reich ohne Sorgen, konnten sogar ihren Glauben an nur einen Gott predigen und Menschen dort für ihre Ideen begeistern. Unter den Zuhörern befand sich auch die blutjunge Sklavin Hagar oder Hadzera.

 

„Abraham und das Vermächtnis seiner Frauen“ von Lydia Thalmayer

Abrahams Patchworkfamilie war auch kaum ein interessantes Thema für die Autoren, die sich in ihren Schriften mit der christlichen Mythologie auseinandersetzten. Sarah und Hagar sind beide einem Mann treu geblieben, an erster Stelle waren sie Mütter seiner Kinder, und in ihr Los ließ wenig Stoff für künstlerische Phantasie. Aus diesen zwei Nebenbuhlerinnen konnte man keine Verführerinnen oder Sünderinnen machen, wie es später vielen anderen Frauen aus der Bibel widerfahren war. Um die christliche und die islamische Auslegung derselben Geschichte miteinander vergleichen zu können, nahm ich das Buch „Abraham und das Vermächtnis seiner Frauen“, das die Autorin Lydia Thalmayer  als „Eine ökumenische Vision der Versöhnung zwischen Juden und Arabern“ verfasst hat.

In Thalmayers Buch war auch Mesopotamien die erste Heimat Abrahams, das Land zwischen den beiden großen Flüssen Euphrat und  Tigris. Die Autorin ist sicher, dass sich seine Geschichte etwa 1800/1750 v.Chr. abspielte. Er arbeitete im Betrieb seines Vaters Terach, in dem sie unermüdlich die Statuen der zahlreichen Götter herstellten. Nach einem Feuer im Tempel, bei dem Abrahams Bruder starb und dem er selbst nur knapp entkommen konnte, setzten bei Abraham die Visionen ein. Eine Stimme flüsterte ihm ein, dass es nur einen Gott gebe, der keine Statuen und keine Opfergaben wolle und brauche, da er nicht als ein blutsüchtigerAllmächtiger auf dem Olymp weile.

Abrahams Neffe Lot, der Sohn seines toten Bruders, war sein erster Anhänger. In diesem Buch ist das Verhältnis zwischen Abraham und seinem Vater ganz anderes dargestellt als in den islamischen Quellen. Der Vater stand zu seinem Sohn Abraham und überredete die ganze Sippe, ihre Heimat zwischen den zwei Flüssen zu verlassen, weil ihre Familie wegen Abrahams Umdenken angefeindet wurde.

 

Hagar oder Hadzera

 

Die christliche und die islamische Mythologie sind sich in einem einig, in seiner ersten Heimat lebte  Abraham nur mit einer Frau, Sarah, zusammen, die ihn sehr liebte, ihm vertraute und sich innig wünschte, die Mutter seiner Kinder zu werden. Halima Krausen hat alle Überlieferungen über diesen Weg nach Ägypten durchleuchtet und sie ist sich ziemlich sicher, dass das Ehepaar nur mit dem Neffen Lot unterwegs war, um Gottes Mission zu erfüllen. Auf diesem Weg wurde das Paar  von Gott selbst beschützt. Die Theologin beschreibt Sarah als eine treue Begleiterin, die die Mission ihres Mannes unterstützte. Als Ehefrau fühlte sie sich schuldig, weil sie Abraham keine Kinder gebar. Er brauchte Nachfolger, die seinen Glauben fortsetzen und weiter verbreiten konnten.

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