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Safeta ObhodjasSafeta Obhodjas

Aus der Anthologie "Mein Hermann Hesse"

Veröffentlicht am 30.08.2021

Das ist einer meiner ersten auf Deutsch verfassten Texte

Ende des zwanzigsten Jahrhunderts

Unterwegs mit Hesses Helden

 Die Ankunft am Ufer des Flusses

Meine Jugend, wie die der vielen jungen Menschen in Ex-Jugoslawien, die lernen und studieren wollten, wurde durch die russische, klassische Literatur geprägt. Unsere Politiker und Kultur-Götter schrieben uns vor, als Vorbild das zu nehmen, was der russische schöpferische Geist zum Weltkulturerbe beigetragen hatte. Ich las aber die Werke von Tolstoi, Dostojewski oder Tschechov nicht nur aus Pflicht, sondern weil sie mir sowohl die beste Analyse der slawischen Seele, sondern auch eine Vielfalt der weiblichen Charaktere boten. In diesen Büchern wurden Frauen beschrieben, die fähig waren, intellektuell anspruchsvollen Gespräche zu führen, was in unserer vollkommen männlich orientierten Literatur nie gab.

In der Bibliothek führte mich eines Tages meine Neugier zu den Regalen der modernen westlichen Klassik. Dort wurde ich von dem Titel Narziss und Goldmund angezogen. Beim ersten aufschlagen des Buches bezauberte mich das präzise und plastisch gezeichnete Bild des Kastanienbaums im Klosterhof. Ich lieh mir dieses Buch gleich aus, obwohl ich zu jenem Tag den Namen des Schriftstellers Hermann Hesse nie gehört hatte.

Zuhause konnte ich kaum warten, dass die anderen Familienmitglieder schlafen gingen und ich in Ruhe lesen konnte, was für ein Leben in der Nähe des prächtigen Baums, der in einem fremden Umfeld wuchs, geführt wurde. In dieser Nach fand aber keine glückliche Begegnung mit dem literarischen Schöpfer einer anderen Welt statt. Die Beziehung zwischen Narziss und Goldmund am Anfang des Buches gab mir nur neue Gründe für meinen Ärger über männliche Literatur. ‚Sie sind so ähnlich, wenn sie mit einer Idee im Kopf schreiben‘, dachte ich, von Schlaflosigkeit gequält. ‚Es ist wohl egal, ob ihre Herkunft slawisch oder germanisch ist, welche Ideologie oder welches Dogma sie vertreten, sie variieren immer dasselbe Thema: arme Männer, die mit ihrer Intelligenz höhere Ziele anstreben! Ihr Ideal ist, vor ihre Götter oder Götzen mit einer reinen Seele, ohne die Belastung von den moralischen Niederlagen, zu treten. Aber zu ihrem Kummer müssen sie immer wieder gegen die Versuchungen des Lebens kämpfen, die meistens in den weiblichen Wesen verkörpert sind. Die Frauen sind zu dumm, um etwas von ihrem Dilemma mitzukriegen. Sie sind nur das Mittel, mit dem der Teufel die Sünden versüßt.‘

Nach dieser Auseinandersetzung las ich lange Zeit keine Zeile von Hermann Hesse mehr. Unsere nächste Begegnung ereignete sich in der Zeit, als ich selbst in einer Krise steckte, weil ich geistig zum europäischen Feminismus strebte und gleichzeitig in einer tief patriarchalischen Gesellschaft auf dem Balkan lebte. Dazu war es schwierig, mein literarisches von meinem journalistischen Schreiben trennen. Bei dem Schreiben meiner Erzählungen konnte ich meiner Phantasie nicht vertrauen, ich wurde immer durch die Wirklichkeit blockiert.

„Einbildungskraft des Schöpfers ist Essenz der Literatur. Die Wahrheit in einer Erzählung ist deine Kreation, nur sie muss für die Leser glaubwürdig sein“, sagte mir damals meine sehr gebildete ältere Freundin und gelegentliche Mentorin I.L. Sie schenkte mir „Siddhartha“ von Herman Hesse, mit der Bemerkung, durch dieses Buch habe sie den Zauber der schöpferischen Phantasie kennengelernt.

Ich las die ersten Seiten des geschenkten Buches ohne viel Interesse, weil ich meine erste Begegnung mit Hesse nicht vergessen hatte. Ich glaubte nicht, dass ich von seiner Lehre profitieren konnte. Aber in dem Moment als Siddharta ablehnte, der Mönch von Gotama zu werden, musste ich stehen bleiben und sein Monolog zwei Mal lesen. Den Satz: „Eins aber enthält die so klare, die so ehrwürdige Lehre nicht: sie enthält nicht das Geheimnis dessen, was der Erhabene selbst erlebt hat, er allein unter Hunderttausenden …“ lernte ich auswendig.

Sogar einige Jahre später, als ich ein paar literarische Erfolge gesammelt hatte, konnte ich, immer wenn ich einen Blick auf meine Vergangenheit warf, noch immer Siddharthas Licht erkennen. In dem Moment, in dem ich seinen Monolog verstand, fand die Wende in meinem denken statt, ich war Eine von Hundertausenden geworden. ‚Nein, ich kann nicht wie europäische Feministinnen, wie Simone de Beauvoir oder Alice Schwarzer sein, ich kann zwar viel von ihnen lernen, aber ich habe ihre Erfahrungen nicht gemacht, nie in ihrem Umfeld gelebt. Der Balkan ist kein westliches Europa, hier müssen die Frauen ihre Emanzipation in Verborgenheit halten und diplomatisch anwenden, um nicht an ihr zu zerbrechen.‘ Ich hatte damals noch mehr von Siddhartha gelernt, zum Beispiel am Ufer meines Flusses des Lebens zu sitzen und seiner Geschichte zu zuhören. Mit seinem Wasser flossen viele Schicksale mir nahe stehenden Menschen, die ich mit Hilfe meiner Phantasie in Literatur umwandeln konnte.

Ich kaufte mir die erste in unserer Sprache erschienene Ausgabe der gesammelten Werke von Hermann Hesse und las sie mehrfach, natürlich auch Narziss und Goldmund. Und jedes Mal als Goldmund eine neue Frau getroffen hatte, entbrannte mein alter Ärger von neuem. Von vielen Frauenwesen in dieser Erzählung blieb mir nur da jüdische Mädchen Rebekka im Gedächtnis, obwohl mir unklar blieb, warum sie Goldmunds Hilfe abgelehnt hatte.

 

Sommer im verpesteten Tal

Sommer 1992 in meinem Heimatort Pale, in der Nähe von Sarajevo. Meine Familie und ich in dem Ghetto unserer Wohnung isoliert. Ringsum, in dem ganzen Tal, zwischen zwei Gebirgen, wüten Hass und Tod, deren Echo die Explosionen der Minen und Granaten in dem naheliegenden Sarajevo ständig zu uns brachten.

Um meine Psyche nicht untergehen zu lassen, holte ich wieder Hessens Bücher aus dem Regal. Warum gerade seine, kann ich nicht rational erklären. Wahrscheinlich, weil viele seiner Helden ständig auf Reisen waren. Ich wollte unbedingt aus diesem Tal, obwohl alle Wege für uns gesperrt waren. Ich setze alle meine Einbildungskräfte ein, klammerte meinen Geist an Goldmund fest, um ihn bei seinen Wanderungen durch die unbekannten Gegenden zu begleiten. Diese Reisen schenkten mir ein paar Stunden Freiheit, aber als ich zurück in die Wirklichkeit kam, warteten auf mich weiterhin Ängste vor dem bevorstehenden Tod und noch mehr vor der Folter. Wenn ich die Ängste nicht kontrollieren konnte, las ich noch einmal die Seiten, wo Goldmund mit seinen Kameraden durch die verpestete Umgebung irrt. Ich brauchte etwas, das stärker als meine Verzweiflung war und mich gleichzeitig mit dem Tod vertraut machen konnte. Jedes Mal las ich diese Seiten, die ich in meinem früheren Leben immer übersprungen hatte, mit den unterschiedlichsten Gefühlen.

Während ich Goldmund durch das Haus des Bauerhofes begleitete, in dem die Pest schon das Leben ausgelöscht hatte, bewunderte ich den Schriftsteller für seine Fähigkeit, mit so wenig Worten so präzise Bilder des Horrors zu malen. Ich fand auch die Parallelen in dem Verhalten der Menschen, der von einer tödlichen Krankheit bedroht oder vor dem Hass, diesem Hauptprodukt der Propaganda, besessen sind. Die Vernunft entfliehet, verblendete menschliche Horden sind nicht mehr fähig, rational zu denken. Sie stürzen sich selbst in die Orgie der Vernichtung. „Im Irrsinn der Angst und Erbitterung wurden überall die Unschuldigen totgeschlagen, verbrannt, gefoltert. Mit Wut und Ekel sah Goldmund zu, die Welt schien zerstört und vergiftet, es schien keine Freunde mehr auf Erden zu geben …“ Zum ersten Mal konnte ich das jüdische Mädchen Rebekka innig verstehen.

Obwohl das alles eine hart psychische Prüfung war, brachten mich Hesses Helden wieder an das Ufer meines Flusses zurück, der mir noch etwas zu sagen hatte: ‚Das ist doch dein Kismet, das Schicksal Einer von Hunderttausenden. Wenn dich lieber Gott aus diesem Tal des Todes herausführen wird, wirst du phantastisches literarisches Material mitnehmen. Wie viele Bücher kannst du nur mit den Ereignissen der letzten drei Monate ausfüllen?‘

Durch Zufall, oder lieber Gott hat so gewollt, konnte ich das Tal des Hasses heil verlassen. Das phantastische literarisches Material dieses Sommers hatte sich inzwischen in einen seelischen Ballast verwandelt. Jetzt träume ich davon, mich eines Tages durch Schreiben davon zu befreien.

So habe ich diesen Text vor vielen Jahren beendet. Jetzt habe ich dieses Ende umgeschrieben wie folgt:

Das phantastische literarische Material habe ich nie richtig in ein Werk einfließen lassen, vielleicht nur ein paar Fragmente. Ein Grund: ich wollte den Sommer 1992 in Pale nicht noch einmal, wenn auch nur schreibend, erleben. Der zweite: mein neues Leben, in einer anderen Kultur, in einer fremden Sprache, brachte in sich viele komplizierte Herausforderungen, die meine Vergangenheit verdrängten.



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