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Safeta ObhodjasSafeta Obhodjas

Deutschland als Heimat 1

Veröffentlicht am 27.12.2021

 - erfolgreiche Integrationsprozesse (ein dokumentarisch-literarisches Projekt)

Zwei Schicksale: Valbone M. und Mohamed H.

 Einleitung

Ich bin selber nach Deutschland als Schutzsuchende gekommen, geflohen vor dem Krieg in meiner ersten Heimat Bosnien und Herzegowina. Auf Grund gemachter Erfahrungen, zuerst als Flüchtling, dann als Schriftstellerin und Publizistin, scheint es mir, dass die Debatten über Identität und Diversität in den Medien und im Internet in der Regel ziemlich einseitig ablaufen und dass sie an unserer Wirklichkeit vorbeigehen. In der Praxis bekleiden viele gut gebildete, nicht ursprünglich deutschstämmige Menschen sehr hohe Posten und üben wichtige Berufe aus: in Medizin, Schulwesen, Verwaltung, Politik, Kultur. Deshalb habe ich vor, im Rahmen meines Projekts Deutschland als Heimat, meine Befragungen unter den betreffenden Zugewanderten durchzuführen. Ich möchte die Meinung von denjenigen einholen, die alles tun, damit unsere Normalität im Alltag funktioniert.

Oder von denjenigen, die sich wirklich Mühe geben, einen Platz in unserer Leistungsgesellschaft zu finden.

Ich werde sicher viel recherchieren und mit vielen solchen Menschen ein Gespräch führen müssen, um die Vielfalt der Zuwanderung in unserem Land darstellen zu können. Ich nehme an, das wird viel Zeit in Anspruch nehmen. Ich habe bereits damit begonnen und möchte hier, auf meinem Blog,meinen Lesern zwei junge Menschen vorstellen, die mir ihre Geschichten anvertraut haben.

 

Valbone M., Lehrerin für Germanistik und Spanisch

Diese junge Frau habe ich durch meine Freunde und Unterstützer, Dorothee und Jürgen Ackermann, kennengelernt, die sich für bessere Ausbildungschancen der Flüchtlingskinder einsetzen.

Valbone wurde in einem Dorf in Kosovo geboren, in der Nähe der Stadt Gjakova, die im Südwesten des Landes nahe der Grenze zu Albanien liegt und den Amtssitz der gleichnamigen Gemeinde und des Bezirkes darstellt. Der Kosovo gilt offiziell als muslimisches Land, aber in diesem Land lebten vor dem Krieg 1999 auch viele Katholiken. Valbones Familie ist katholisch, sozial lebten sie ähnlich wie ihre muslimischen Nachbarn, und meist von dem, was sie auf ihren Bauernhöfen erwirtschafteten. Eine Großfamilie, zwei Brüder mit ihren Frauen und Kindern unter einem Dach. Ab und zu gingen die Männer nach Deutschland als Saisonarbeiter auf Baustellen, aber sie hatten nie vor, ihren von den Vorfahren geerbten Hof für immer zu verlassen. Als 1999 die serbische Armee, zusammen mit den serbischen Paramilizeinheiten, den Kosovo überfielen, mussten sie aber Hals über Kopf aus ihrem Dorf fliehen. Valbones Erinnerungen an diese Flucht sind traumatisch:

 „Mitten in der Nacht hat jemand Alarm in der Nachbarschaft geschlagen: Eine serbische Einheit rücke im Dorf ein und verhaftete Männer und Burschen! Die Dörfler hatten gar keine Waffen, um sich zu verteidigen, sie hatten mit der UCK- Armee nichts zu tun. Die Mitglieder meiner Familie, einige der Kinder barfuß, sind zu einem entfernten Dorf geflohen … In den nächsten Tagen erlebten wir einen Alptraum nach dem anderen: Aus der Ferne haben wir beobachtet, wie sie unsere Häuser und Ställe niederbrannten! Eine Gruppe Soldaten hat meinen Onkel verschleppt! Wir wussten nicht, wo wir uns verstecken konnten; tausende der Menschen aus den umliegenden Ortschaften bildeten einen Track und bewegten sich Richtung Grenze. Über uns kreisten die Nato-Flieger, aber sobald sie weg waren, griffen uns die serbischen Soldaten an, machten Jagd auf die Männer. Die verschleppten Männer wurden wahrscheinlich gleich umgebracht. Den Bruder meines Vaters haben wir nie wieder gesehen; seine Gebeine wurden viele Jahre später in einem Massengrab in Serbien gefunden.

 

Es gab keine Rückkehr, unser Hab und Gut lag in Schutt und Asche. Wir haben uns irgendwie bis nach Deutschland durchgeschlagen und landeten in einem Flüchtlingsheim in NRW. Meine Familie lebte in einem Zimmer, und die Familie meines Onkels in einem anderen. Immer noch warteten wir auf ihn …“

Die Atmosphäre in ihrer Familie, aber auch in der ganzen Flüchtlingsunterkunft, war so deprimierend, dass Valbone froh war, die Schule als Zufluchtsort zu haben. Sehr schnell lernte sie Deutsch, um sich verständigen zu können, und bekam eine Erlaubnis, an den anderen Fächern teilzunehmen, die nicht viel Sprache verlangten, wie Mathe zum Beispiel. Ein paar Stunden fühlte sie sich frei von all dem, was sie erlebt hatte.

„Natürlich hatten weder meine Eltern noch ich eine Ahnung vom deutschen Schulsystem. Wenn wir informiert gewesen wären, hätte ich vielleicht versucht, gleich nach der Grundschule aufs Gymnasium zu kommen. Es war schwierig in einem Zimmer, wo meine drei Brüder stets tobten, zu lernen und ich weiß wirklich nicht, wie ich geschafft habe, immer wieder sehr gute Noten zu bekommen. Trotzdem hat mich die Lehrerin weiter zu Hauptschule geschickt, und meine Eltern dachten, Schule ist Schule, egal wie sie heißt.“

Der Schulleiter der Hauptschule erkannte das Potenzial dieser Schülerin, schenkte ihr mehr Aufmerksamkeit und suchte nach Möglichkeiten, ihr mehr Unterstützung zu sichern. Das fand er bei einer Stiftung, die sich um begabte Kinder aus zugewanderten Familien kümmerte; diese Stiftung genehmigte ihr das Start-Hilfe-Stipendium.

Bis zur zehnten Klasse blieb sie in der Hauptschule, wobei einige ihrer Lehrer sie ermutigten, nicht aufzugeben und mit ihren sehr guten Zeugnissen den Sprung aufs Gymnasium zu wagen. Ihre Eltern sagten nur: Liebe Tochter, wenn du denkst, dass du Abitur erreichen kannst, mach das, wir werden dich nicht daran hindern aber wir sind auch nicht in der Lage, dich zu unterstützen. Die Familie lebte weiterhin in einem Zimmer im Asylantenwohnheim.

„Ich ahnte nicht einmal, wie mich Lehrer und Mitschüler wahrnahmen, als ich in die elfte Klasse des Gymnasiums kam.  Ich dachte, ich wäre eine ganz normale Schülerin. Nach der ersten Mathe-Klausur verkündete der Lehrer etwas kaum Vorstellbares: Wie könnte das sein, dass gerade Valbone, die zehn Jahre eine Hauptschule besucht hätte, auf einmal die beste Arbeit geschrieben hätte. Ich verstand nicht, warum sie sich so wunderten, Mathe hat mir nie Probleme gemacht, für alle war das ein Wunder, nur für mich nicht. Ich hätte lieber auf so viel Aufmerksamkeit verzichtet.“ 

Nach und nach ist es ihr klar geworden, welche Wissensdefizite sie tatsächlich hatte. "Jetzt musste ich eine Menge nachholen, besonders in den Fächern Deutsch und Englisch" … Alle Mitschüler hatten Englisch seit Jahren gelernt, sie hatte aber nicht einmal Grundkenntnisse. Englisch wurde zu meinem Horror-Fach. Ich tat mich auch mit den Interpretationen deutscher Klassik schwer … Ich musste pauken, pauken, pauken! Stundenlang, tagelang! Ich hatte gar kein soziales Leben und kaum Platz zum Lernen. Aber Aufgeben, das kam nicht in Frage.

In der nächsten Schulklasse bekamen wir noch eine Fremdsprache, Spanisch. In diesem Fach hatte ich dann denselben Start wie alle anderen, und bald wurde diese Sprache mein Lieblingsfach. Nach dem Abitur entschied ich mich fürs Lehramtstudium, Germanistik und Spanisch … Die Bibliothek an der Uni wurde mein zweites Zuhause.“

Valbone hatte auch mehrere nicht deutschstämmige Kommilitoninnen, mit denen sie sich gut verstand. Oft diskutierten sie über Rassismus und Diskriminierung in Deutschland, die jeder von ihnen im Alltag mehr oder weniger erlebte. Nicht an der Universität, während des Studiums sei die Benotung immer fair gewesen. „Aber an den Schulen, wo wir unsere Unterrichtspraxis absolvierten, wurden wir nicht immer nett und wohlwollend behandelt. Ein Lehrer sagte meiner türkischstämmigen Kollegin, die aber in Deutschland geboren war: ‚Ich komme damit nicht klar, dass eine Türkin Germanistik unterrichtet! Das ist ein Armutszeugnis für Deutschland …“

Trotz aller Widrigkeiten, schaffte Valbone ihren Master und startete als Lehrerin an einer Gesamtschule.

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