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Safeta ObhodjasSafeta Obhodjas

Deutschland als Heimat 2

Veröffentlicht am 11.12.2021

 - erfolgreiche Integrationsprozesse (ein dokumentarisch-literarisches Projekt)

 

Mohamed H., Musiker und Schüler einer Berufsschule

 

Ich erzählte Ursula Lauterjung, einer meiner Gleichgesinnten, die mich bereits bei einigen Integrationsveranstaltungen unterstützt hatte, von meinen Plänen und sie hatte gleich eine Idee, wen ich in diesem Sinne ansprechen könnte: „Ich möchte dir den Musiker Mohamed vorstellen! Er ist mein Mitstreiter im Sprachprojekt Wortklang. Das ist unser rhythmischer Deutschunterricht! Bekanntlich tun sich die Menschen aus dem arabischen Sprachraum sehr schwer mit der Aussprache von bestimmten Buchstaben und Wörtern auf Deutsch. Wir versuchen den Teilnehmern unseres Deutsch-Kurses das Artikulieren durch den Rhythmus zu erleichtern, den Mohamed ihnen auf Saz oder Gitarre vorgibt. Dazu fungiert er während des Unterrichts als Übersetzer.“

Gleich sendeten wir Mohamed eine E-Mail-Anfrage und kurz danach bekam ich eine positive Rückmeldung von ihm; er war bereit ein Gespräch mit mir zu führen.

Hier biete ich meinen Lesern eine kurz gefasste Version seiner Geschichte an, komplett wird sie hoffentlich eines Tages in meinem Buch erscheinen.

Mohameds Heimatstadt Hasaka liegt in den kurdischen Gebieten Syriens; in dieser Stadt hatte er eine relativ behütete Kindheit mit noch zwei Geschwistern verbracht. Sein Vater arbeitete als Schneider, mit seinem Handwerk sicherte die Existenz der Familie. Zuhause sprachen sie Kurdisch, pflegten die kurdische Tradition, aber gleichzeitig lernten sie Arabisch in der Schule, die offizielle Landessprache. Zweisprachigkeit wurde den Kindern in die Wiege gelegt, und natürlich die islamische Religion. Sein Vater dachte nie daran, die schöne Heimatstadt zu verlassen …

2011 brachen die Proteste gegen Assads Diktatur aus. Aus den ersten harmlosen Demonstrationen entflammte nach und nach ein apokalyptischer nicht enden wollender Bürgerkrieg. IS-Truppen attackierten die Kurdengebiete, bedrohten auch die Stadt Hasaka. Mohameds Vater entschied sich, seine Familie in Sicherheit in der Türkei zu bringen. Im Moment als sie die Grenze überquerten, war Mohameds behütete Kindheit vorüber.

 „Unser Leben in der Türkei! Da gibt es nicht viel zu erzählen: alle Mitglieder der Familie haben Tag und Nacht gearbeitet, meist in der Textilindustrie. Trotzdem konnten wir uns kaum über Wasser halten … Meine Geschwister und ich hatten keine Chance, zur Schule zu gehen, wir verdienten nicht genug, um Schulgeld bezahlen zu können. Meine Eltern verzweifelten, zurück konnten und wollten sie nicht, als Flüchtlinge wurden wir in der Türkei nicht gerne gesehen, oft erlebten wir Diskriminierung und Entlassung ohne Lohn … Ich versuchte diesen Verhältnissen zu entkommen, indem ich Türkisch lernte und mich mit Musik beschäftigte. Zuerst brachte ich mir Spielen auf der Saz bei, später musizierte ich auch auf anderen Zupfinstrumenten. In der Türkei war Musik meine geistige Rettung, die mich weiter nach Deutschland begleitete.

Eines Tages entschied sich mein Vater für den Versuch, nach Europa zu gelangen. Er ging weg, wir blieben mit unserer Mutter zurück, schutzlos … An diese Zeit will ich mich gar nicht mehr erinnern, an das Hoffen und Bangen, an die vielen schlaflosen Nächte und Alpträume. Werden wir unseren Vater je wiedersehen? Was wird aus uns, wenn er es nicht schafft, das Meer zu überqueren. Und wenn er schafft, werden wir je eine Möglichkeit bekommen, ihm zu folgen?

Mein Vater hatte das Glück, nach dem langen, mühsamen Weg in Deutschland zu landen. Er tat alles, was er konnte, um die Zusammenführung der Familie bei den deutschen Behörden durchzusetzen. Wir kamen nach NRW.“

Mohamed erinnert sich auch nicht gern an die ersten deprimierenden Jahre in Deutschland. Sein Bewegungsradius war sehr begrenzt, und erstreckte sich nur auf den Weg zwischen der Wohnung, wo er mit seiner Familie lebte, und der Hauptschule, wo er sich so fremd fühlte. Musik half ihm auch diese psychische Belastung zu überstehen und ermöglichte ihm, sich ein bisschen zu sozialisieren. Schnell lernte er Deutsch, aber seine Eltern taten sich schwer mit der Sprache. Es gelang ihnen nicht, den Krieg in ihrer Heimat aus ihren Köpfen zu verdrängen und sich aufs neue Land zu konzentrieren. Physisch waren sie in Deutschland aber geistig in ihrer alten Heimat und sie bestanden darauf, weiterhin ihre kurdische Tradition aus Syrien zu pflegen. Mohamed tat aber alles, von all dem Abstand zu nehmen. Er wollte das Land, in dem er jetzt lebte und zur Schule ging, kennen lernen, und lehnte ab, die Weltanschauung seiner Eltern zu verinnerlichen. Gleichzeitig wünschte er doch nicht, sich von seiner Familie zu entfremden. So einen Spagat ist schwer zu meistern, sogar für einen Sohn. „Eine Tochter hätte keine Chance sich aufzulehnen“, sagt er.

Mohamed absolvierte die Hauptschule, mit der Sprache klappte es immer besser und er schaffte den Sprung auf eine Berufsschule. Seine Saz vernachlässigte er nicht, oft musizierte er bei Kulturveranstaltungen für Flüchtlinge mit. Dadurch erweiterte sich sein Bekanntenkreis, und schließlich begann seine Mitarbeit am Projekt Wortklang.

„Ich will nicht mit der alten Heimat im Hinterkopf leben, nach dem Diktat meiner Eltern. Junge Menschen in unserer Kultur heiraten sehr früh, mit 22 wäre ich längst reif für eine Verheiratung. Ja, es ist so, Eltern entscheiden, wann und wen ihre Kinder heiraten. In meiner Familie ist … eigentlich ist mein Vater viel liberaler als meine Mutter. Meine Mutter ist stets auf der Suche nach einer zukünftigen Schwiegertochter, möglichst eine, die sehr traditionell erzogen wurde. So viele Male musste ich schon sagen, nein, ich lasse mich nicht nach deinen Wünschen verloben. Aber die ganze Sippe, sowohl Mutters und als auch Vaters Verwandtschaft, erwarten das von mir. Ein Onkel hat schon meinen Vater gefragt, ob ich seine Tochter, meine Kusine, heiraten wolle oder nicht. Mein Vater, das  Oberhaupt der Familie, sagte ihm, dass er diese Entscheidung mir überlassen möchte. Ich entschied, nein, ich will nicht jetzt heiraten, ich will zuerst meine Ausbildung zu Ende bringen … danach sehen, mit wem ich zusammenleben möchte. Jetzt denkt mein Onkel, dass meine Eltern etwas gegen ihn hätten; sie hätten mich manipuliert, ihn und seine Tochter zurückzuweisen. Meine Ablehnung wird uns, dessen bin ich sicher, viel Feindseligkeit in der Großfamilie bescheren ... Ich bin aber meinem Vater dankbar, dass er mich nicht unter Druck setzt. Meine Mutter schon, aber gegen sie kann ich mich noch wehren. Gegen den Vater wäre das schwieriger.“

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