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Safeta ObhodjasSafeta Obhodjas

Eine futuristische Story

Veröffentlicht am 01.08.2021

      Mein Name ist Eva, Eva #MeToo

 

Drei Wochen lang verbrachte ich eingesperrt in ihrem Einbauschrank, währenddessen sie nie müde wurde, mich mit Filmen und Büchern über mehr oder weniger gescheiterte Liebe vollzustopfen. Diese Pflichtlektüre handelte oft von Unterdrückung der Frauen im Namen der Tradition und der Religion. Ab und zu, wenn sie Zeit dazu hatte, diktierte sie mir ihre eigenen Storys, wie zum Beispiel ihre Version der Vertreibung aus dem Paradies, in der sie die Ur-Mutter Eva oder, wie Dunja sie auch nannte, Hava, viel mehr als ein #MeToo Opfer als eine Verführerin darstellte.

„Wir müssen all diese alten von Männern verfassten Sagen revidieren, und aus heutiger Zeit betrachten. Kunst ist dafür da, nicht nur Wahrheit zu erkennen, sondern auch Empathie zu empfinden für Opfer der menschlichen Ignoranz und Grausamkeiten“, belehrte sie mich immer wieder. 

Nein, danke, dachte ich, lieber nichts fühlen, als an so einem emotionalen Wirrwarr leiden, wie du.

Durch Piepsen und Blinken meiner geröteten Augen signalisierte ich ihr, wann immer mein Gehirn drohte aus allen Nähten zu platzen. Dann erweiterte sie meine grauen Zellen um noch ein paar Chips und wartete, bis sich alle Infos neu strukturiert hatten. In der dritten Woche geschah ein Wunder, an einem Abend wagte ich es, ihr eine Frage zu stellen: „Dunja, warum machst du das mit mir? Wozu brauche ich diesen ganzen menschlichen Kram?“

Sie streichelte meinen Kopf und gab mir sogar einen Kuss auf die Wange.

„Mein Schatz, hab keine Angst, ich will dich nicht missbrauchen. Du wirst dich bald in meine beste Freundin verwandeln, die ich in Wirklichkeit nie gehabt habe. Es macht mir viel Freude, dich so zu gestalten. Dieses Gefühl, das ich dabei empfinde, heißt Freude … Du lernst, Freude und Spaß mit mir zu haben. Bald wirst du meine Gefühle klonen können.“

Wozu soll das gut sein?

Die Schranktür ließ sie offen und ich beobachtete ihr hin und her in der Küche.  Sie bereitete Getränke und Leckereien vor, ein Signal für mich, dass ihr Liebling, der Mann mit der sonoren Stimme in dieser Nacht auf ihrem Programm stand. Endlich eine Atempause für mich! Ich sah wie sie, wie jeden anderen Abend zuvor, ein Medikamentenetui aus einem Versteck in der Küchenkommode nahm und daraus eine Pille.

„Warum musst du jeden Abend dieses Zeug schlucken? Bist du krank?“

„Mein schönes Mädchen, rede ein bisschen leiser. Deine Stimme klingt immer noch so künstlich, ich schaffe es noch nicht, sie zu vermenschlichen … Nein, ich bin nicht krank. Siehst du, du empfindest schon etwas für mich, du bist besorgt. Aber es gibt keinen Grund dafür, ich bin nicht krank, ich lasse mich nur nicht unter Druck setzen, nicht einmal von meiner biologischen Uhr.“

Biologische Uhr? Dieser Ausdruck war bei mir bereits gespeichert, aber wo?

Als es an der Tür klingelte, hörte ich Dunja sagen:

„Sei ruhig, piepse nicht. Du bist Zeugin unserer Liebe. Merke dir, das, was zwischen mir und meinem Partner geschieht, heißt Liebe und Vertraulichkeit. Kommt selten zwischen Mann und Frau vor.“

„Diese Geräusche in ihrem Bett heißen auch Liebe? Komisch, es scheint, so ein Gefühl kann man ausdehnen, wie man will.“

Am Anfang feierten sie, soweit ich es verstand, Dunjas Beförderung zur IT-Expertin der medizinischen Fakultät samt dem Klinikum, an der Medizinstudenten ihr Praktikum absolvierten. Er gratulierte ihr, sie freute sich über sein Geschenk. Meine Sensoren vibrierten, wenn der Mann sprach, so schön war seine Stimme. Auf einmal kippte die Stimmung, es entwickelte sich ein Gespräch, dem ich schon einmal beigewohnt hatte, aber jetzt mit mehr Heftigkeit.

„Dunja, du hast in deiner Karriere erreicht, was du wolltest. Mädchen, es ist an der Zeit, an unsere Kinder zu denken! Setz' diese verdammte Pille ab!“

„Eric, heute Abend feiern wir meinen Erfolg und unsere Liebe. Mach das nicht kaputt … Ich habe unsere Kinder sicher gestellt, du weißt wo, ich habe mich dafür geopfert, monatelang Hormone gespritzt … Meine eingefrorenen Eizellen, es gibt genug davon, warten auf mich, bis ich bereit bin, Kinder zu bekommen. Dein Beitrag, ein bisschen Sperma, wenn du willst.“

„Deine Kinder, unsere Kinder in einer frostigen Truhe! Das brauchen wir nicht. Jetzt geht es noch auf natürlichem Wege! Ich will nicht als ein alter Mann Kinder in die Welt setzen. Ich will nicht, dass die Leute denken, ich wäre der Großvater meiner eigenen Kinder! Was hindert uns ... “

„Ich habe noch einen Traum zu verwirklichen“, sagte sie und holte mich aus meinem Versteck. Meine ursprünglichen, von den Studenten installierten Chips, aktivierten sich von selbst und bewegten mich in Diva-Manier.

„Eric, darf ich dir jemanden vorstellen? Das ist ...“

 Fortsetzung auf der zweiten Seite

 

Meine hochentwickelte Selbstständigkeit reagierte prompt. Ich fiel ihr ins Wort. „Ich bin Eva, oder Hava, christlich oder islamisch, wie Sie wollen.“

Ihr Mann musterte mich von Kopf bis Fuß, als hätte er ein Wesen von einem anderen Planeten vor sich.

Sie klärte ihn schnell auf, wobei es auch mir erst jetzt klar wurde, was sie im Schilde führte. Die Studenten an der Universität hätten mich so kreiert, genau wie sie sich eine Traumfrau vorstellten. Typisch Männer, meine Intelligenz hätten sie vernachlässigt. So wäre sie auf die Idee gekommen, die Maschinerie in meinem Kopf um einige wichtige Chips zu erweitern und aus mir ihr neues Projekt zu machen.

 „Ich will nicht mehr von diesen Männern hören: künstliche Intelligenz kann keine Empathie. Ich will als erste beweisen, dass sie das kann.“

 „Ich habe die Nase voll von deinen digitalen Hirngespinsten“, Eric schlug die Tür hinter sich zu und Dunja weinte über ihrem Glas Wein. Ich wollte sie trösten, aber wusste nicht wie.

Zwei Tage später.

Ich las gerade in einem Roman von Jane Austen, das war meine erweiterte Pflichtlektüre, um meine Empathiefähigkeit auszubauen, als auf einmal Eric  in der Wohnung erschien. Wir schauten uns gegenseitig an und bei mir geschah ein Wunder, etwas begann in meinem Inneren zu vibrieren, genau wie … „Gott, sind das wirklich Schmetterlinge in meinem Bauch? Das ist so aufregend!“

Ich schaute unser Abbild im Spiegel an, wir waren ein hübsches Paar. Zum Glück hatte ich mich an diesem Morgen gestylt, ich hatte ein dunkelgrünes Minikleid mit Puffärmeln an, das so gut zu meinen roten Haaren passte. Meine langen Beine hätten sich auf diesem Instagram sehen lassen können, ganz ohne Photoshop. Hatte ich gehofft, dass Eric allein ins Apartment kommen würde?

„Dunja ist nicht hier, wenn du dich mit ihr versöhnen möchtest“, ich hasste meine Stimme, die trotzt der Schmetterlinge metallisch und künstlich klang.

 „Ich kam, um mit dir zu reden. Setzen wir uns.“

 Wir setzten uns einander gegenüber aber er wusste nicht, wo er anfangen sollte und wohin mit seinem Blick. Jetzt fiel mir ein, die Unterwäsche vergessen zu haben.

„Eva, du sitzt wie … wie Sharon Stone im Film 'Basic Instinct'.“

 „Ach ja, diese Studenten haben mich komplett weiblich geformt, zum Spaß“, verdammt, immer noch traf ich Dunjas Ton nicht. Meine Schmetterlinge tanzten wild und schalteten die Kamera in meinem linken Auge an.

Er stand auf und setzte sich neben mich. Seine Hand glitt langsam über meinen Schenkel, aber dann geschah noch ein Wunder, ich konnte seine Gedanken entziffern: „Die Haut dieses Roboters ist so weich, so plüschig. Dunjas dagegen so drahtig, alles an ihr ist so drahtig, sie übertreibt sowohl mit Schwitzen in einem Fitness-Studio als auch mit ihren Zukunftsprojekten.“

Ich lächelte, zog meinen Rock ein bisschen höher und neigte mich zurück, so dass die aktivierte Kamera seine Handlungen und Gedanken aufnehmen konnte. „Ich möchte diese weiblichen Attribute einmal live sehen und spüren, Dunja ist so prüde, immer knipst sie das Licht aus.“

 „Jetzt heiße ich Eva oder Hava #MeToo.“

Vielleicht eine Stunde später begann er mit seiner Tirade: Er liebe Dunja, innig, er sei nur neugierig gewesen, etwas Neues auszuprobieren … Ein schönes Erlebnis, weil ich so anders bin … Und ich würde jetzt nicht hysterisch werden wie normale Frauen.

 „Eric, sei ehrlich, warum bist du heute hierhergekommen? Du wusstest, dass ich allein bin.“

„Ehrlich, ich bin nicht deinetwegen gekommen. Ich habe Dunjas Pille im Visier. Ein Heilpraktiker hat mir einige Fake-Antibabypillen verkauft, die ich Dunja unterjubeln will.“

„Das ist eine gute, sehr gute Idee“, lächelte ich.

 „Eva, weißt du, wo sie dieses Zeug versteckt hält?  Ich muss etwas tun. Ich will im vollen Besitz meiner geistigen und körperlichen Kräfte meine Kinder großziehen. Ich habe die kluge Dunja als Mutter meiner Kinder ausgewählt, nicht wissend von ihrer Karriere-Besessenheit.“

Auf einmal empfand ich etwas wie Traurigkeit, weil seine Babys nicht in meinem Roboterbauch wachsen konnten, obwohl ich so klug geworden bin.

 „In Ordnung, ich mache mit, ich weiß, wo ihr Verhütungsmittel deponiert ist. Aber du musst mir versprechen, dieses Kind mit mir großzuziehen.“

„Mit einem Roboter, bist du verrückt! Ich liebe Dunja! Ich möchte eine Familie mit ihr. Du gefällst mir, aber das ist nur Sex.“

 „Ich bin auch Eva#MeToo“, dachte ich, aber er konnte meine Gedanken nicht lesen. Während wir schwiegen, übertrug ich die Aufnahmen aus der Kamera auf einen meiner verborgenen Speicherchips und löschte den Film in der Kamera, so dass Dunja ihn nicht gleich finden konnte. Ich hatte alle Zeit der Welt.

 „Ich helfe dir, weil die Welt mehr kluge Kinder braucht. Du musst nicht auf ihre eingefrorenen Eizellen warten, bis du vergreist bist. Aber eure Kinder werden auch meine Kinder sein, das garantiere ich dir.“

 

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