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Safeta ObhodjasSafeta Obhodjas

Hilde Domin (1909-2006) Leben und Dichtung

Veröffentlicht am 31.01.2021

Mit leichtem Gepäck auf der Suche nach der Heimat

 

Ich kann die Story über die Lyrikerin Hilde Domin nicht   beginnen, ohne Ihnen, liebes Publikum, die Situation zu beschreiben, in der mir ihr Name das erste Mal begegnet ist. Das geschah in der Zeit meiner Heimatlosigkeit, und das ist die Verbindung zwischen uns beiden, weil die Dichterin auch länger als zwei Jahrzehnte heimatlos war. Ein Merkmal aller Diktaturen ist, „Menschen wie wir, wir unter ihnen“, wie Domin dichtete, gnadenlos zu vernichten und zu vertreiben.  

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Ex-Jugoslawien als eine Föderation der Südslawen eingerichtet. Diese sozialistische Republik hat man im Westen oft politisch verklärt, indem man sie als ein gelungenes Konglomerat von Religionen und Kulturen bezeichnete. Es ist mir rätselhaft, wie dieses idealistische Bild meiner ersten Heimat entstehen konnte, weil sie im Prinzip eine Diktatur war, in der Ideologie, Zensur und Selbstzensur alle Freigeister – Denker und Künstler – lähmten und mundtot machten. Die Machthaber passten wohl darauf auf, welche Bücher man aus dem Westen, auch aus dem deutschsprachigen Raum, in unsere Sprache übertragen durfte. Die Herausgeber der marxistischen Schriften wurden reichlich unterstützt, und diese Werke stellten die Pflichtlektüre dar, an allen Schulen und Fakultäten. Deutsche Klassik war auch beliebt, von Goethe bis Thomas Mann. Die Werke des Nobelpreisträgers zum Beispiel lieferten eine Menge an Beweisen, dass die Kapitalisten seit eh und je eine verdorbene, dekadente Kaste bildeten, die Arbeiter ausbeutete.

Die Werke von Autorinnen wurden sehr selten übersetzt, außer denen der Sozialistin  Rosa Luxemburg, die mich persönlich nicht interessierten. 

Die Schriftstellerinnen und Denkerinnen der deutschen Sprache waren mir vollkommen unbekannt, und überhaupt hatte ich keine Ahnung davon, wie sich die Kultur in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hatte.

Anfang der Neunziger krachte der Sozialismus in Ex-Jugoslawien zusammen, besonders verheerend und blutig in Bosnie+n und Herzegowina. In einem fast vierjährigen Krieg registrierte die Kriegsstatistik etwa 150 000 Tote, meist Muslime, und eine Million Flüchtlinge. 

Meine Familie hatte mit viel Glück überlebt und Ende 1992 landeten wir in Deutschland, in einem uns total fremden Land. Einerseits waren wir, meine Töchter und ich, dem Schicksal dankbar, weil wir dem Inferno unversehrt entkommen waren. Anderseits aber geriet ich in ein geistiges Vakuum, das ich psychisch kaum ertragen konnte. Ich hatte keine Sprache zum Lesen und ohne Lesen konnte ich mir mein Leben nicht vorstellen. Ein paar absolvierte Deutsch-Kurse reichten aber gerade, um als Haushaltshilfe arbeiten zu können.

Niedergeschlagen und von meiner Sprachlosigkeit gehandikapt, wohnte ich eines Abends 1993 einem Kirchenkreis bei, der im Wohnzimmer einer engagierten, deutschen Familie stattfand. Es ging um humanitäre Hilfe für die Kriegsflüchtlinge in Bosnien. Die Gastgeber und ihre Freunde besprachen die Transportmöglichkeiten für die gesammelten Hilfsgüter in die belagerte Stadt Sarajevo.

Ich konnte kaum verstehen, worüber sie diskutierten. Auf einem kleinen Tisch zwischen zwei Sofas lag ein Gedichtband, den ich gedankenlos aufschlug. Plötzlich las ich Worte, die ich verstehen konnte: „Sisyphus“, das war der Titel eines Gedichts, darunter eine Zeile mit: Variationen, Imperativ, Mallarmé“. Für einige Sekunden fand ich mich in meiner Welt wieder und merkte mir den Namen der Dichterin: Hilde Domin. Ich überflog ihre Biographie und das Wort „Exil“ fiel mir auf. Exil war ein Code, der mir vertraut vorkam.

„Diese Dichterin ist jetzt sehr in“, sagte die Frau, die neben mir saß. „In“, verwundert sah ich mich um, weil ich das als „Hilde Domin ist unter uns“ verstand. Zum Glück sagte ich das nicht laut.

Beim Abschied schenkte mir die Gastgeberin Domins Gedichtband. Es dauerte eine Weile, bis sich mein Deutsch so weit entwickelt hatte, dass ich Domins Gedichte wirklich lesen und verstehen konnte. Aber von Anfang an hatten sie für mich eine heilende Wirkung. Sie weckten mein Interesse für die anderen Dichter, Schriftsteller und Denker Deutschlands, die in der Ära der Nationalsozialisten verfolgt und vernichtet worden waren. Das half mir, meine Probleme zu relativieren, mich aufzuraffen und das Exil als eine Bereicherung zu betrachten.

Nun beginne ich endlich mit ihrer Geschichte, die mich so tief berührt hat, genauso wie ihre Gedichte.

 

Kindheit und Jugend in Köln

 

In ihrer Geburtsurkunde, – sie ist am 27. Juli 1909 geboren, – stand der Name Hildegard Löwenstein. Hildegard, zu lang für ein Mädchen in der Wiege, sodass die Eltern es gleich Hilde nannten. Später hat Domin mehrfach geäußert, dass sie sich kaum an das Judentum in ihrem Elternhaus erinnern konnte. Das ist verständlich, weil ihre Familie zu den gut integrierten, praktisch zu den assimilierten Juden in der deutschen Gesellschaft zählten.

Ihre Geburtsstadt war Köln. „Meine Vaterstadt“, schrieb sie in ihrer Biographie. Eugen Siegfried Löwenstein, ihr Vater, war ein promovierter Jurist und in diesem Bereich tätig. Mutter Paula hatte keinen Beruf erlernt, wie das für Frauen anfangs des Zwanzigsten Jahrhunderts üblich war. Sie hatte jedoch eine schöne Stimme, sang gerne und spielte Piano, und Hilde glaubte, ihre Mutter wäre eine ausgebildete Sängerin. 

Hilde besaß noch einen Bruder, John, mit dem sie eine behütete Kindheit genoss, und der ihr später, im reifen Alter, oft unter die Arme griff. Ein reger Briefwechsel hielt ihre Geschwisterliebe in all den Jahren des Exils lebendig, und auch später, als die beiden, nach dem Zweiten Weltkrieg, in Deutschland lebten.

Als Mädchen ging Hilde nicht in eine öffentliche Grundschule, sondern sie wurde zuerst privat unterrichtet. Danach besuchte sie das Merlo-Mevissen-Lyzeum, wo sie ihre Reifeprüfung ablegte.  Als junge Frau war Hilde sehr aktiv, unter anderem fühlte sie sich vom Schwung der Frauenemanzipation inspiriert. Für Poesie interessierte sie sich wenig oder nur als Leserin. Fest entschlossen in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten, ging sie 1929 nach Heidelberg, um Jura an der Ruprecht-Karls-Universität zu studieren. Irgendwann begriff sie, dass sie für den Beruf des Vaters nichts übrig hatte. Bald kehrte sie nach Köln zurück und begann an der dortigen Universität Wirtschaftspolitik und Volkswirtschaft zu studieren. Schon 1930 verließ sie wieder Köln und zog nach Berlin. In dieser Zeit begann ihre Liebesgeschichte mit Erwin Walter Palm, die ihr ganzes Leben prägte. Der junge Mann fand die längst verflossenen Epochen viel interessanter als die Gegenwart, und studierte Altphilologie und Archäologie. Sein Studium wollte er in Rom abschließen, näher den Fundgruben der alten Römer. Hilde folgte ihm nach Italien, wo sie ihr Studium seinetwegen erweiterte. Neben ihren Fächern studierte sie noch Kunstgeschichte, mit dem Schwerpunkt Zeichnung. Sie zeichnete die archäologischen Funde, die er, durch und durch ein schlecht organisierter Wissenschaftler, für seine Studien und Forschungen  benötigte.

Sie hatte schon zu Beginn eine Vorahnung, in welcher Richtung sich diese Liebesgeschichte entwickeln könnte. Am 13.12.1931 schrieb sie an den Studenten Erwin Walter Palm: “Meine große Angst, mich noch fester an dich zu binden ... Ich sehe mit Unbehagen ins neue Jahr ... Ich habe so eine große Angst, mich unwiderruflich unglücklich zu machen.”

Trotzdem konnte sie nicht loslassen und entschied sich, wie viele andere Frauen auch, sich in die Karriere ihres Mannes einzubringen. Gleich nach ihrer Niederlassung in Rom übernahm sie die Rolle einer zuverlässigen Sekretärin des zukünftigen Wissenschaftlers Palm.

1936 heirateten Hilde und Erwin, um eine gemeinsame Wohnung in Rom beziehen zu können. Sie bekam von ihm den Nachnamen Palm, er fand in ihr eine Stütze mit mehreren Fähigkeiten, die er für seine wissenschaftliche Karriere gut gebrauchen konnte, und als Zugabe profitierte er von der finanziellen Unterstützung ihrer wohlhabenden Familie.  

 

Santo Domingo

 

Hilde Löwenstein-Palm dagegen, strengte alle ihre Kräfte an, den Rücken ihres Mannes frei zu halten und ihn von den alltäglichen Problemen und Sorgen zu schützen. Die Zeiten vor dem Krieg waren ohnehin turbulent, und Europa wurde von vielen politischen Erdbeben erschüttert. Die Nationalsozialisten festigten ihre Diktatur in Deutschland und der Holocaust kündigte sich an.

Palms konnten nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren, weil die Verfolgung der Juden schon im Gange war. Von 1934 bis 1939 verweilten sie in Rom und dann flohen sie über Paris nach England, aus England 1940 nach Kanada und letztendlich landeten sie per Schiff in der Dominikanischen Republik.

Viele Jahre später, als anerkannte Dichterin, verfasste sie  das Gedicht „Graue Zeiten“, in dem sie ihre Verzweiflung als Vertrie­bene ausdrückte. Diese Gefühle kennen alle  Menschenkinder, die in ihrem eigenen Land, in der Heimat der Muttersprache, uner­wünscht und bedroht sind. In diesem Gedicht erkenne ich mein Empfinden und meine Ängste wieder, und kann nur betonen, dass die Erinnerungen an solche „graue Zeiten“ nie verblassen.

 

Graue Zeiten

 

Graue Zeiten

Es muß aufgehoben werden

als komme es aus grauen Zeiten

Menschen wie wir wir unter ihnen

fuhren auf Schiffen hin und her

und konnten nirgends landen

Menschen wie wir wir unter ihnen

durften nicht bleiben

und konnten nicht gehen

Menschen wie wir wir unter ihnen

grüßten unsere Freunde nicht

und wurden nicht gegrüßt

Menschen wie wir wir unter ihnen

standen an fremden Küsten

um Verzeihung bittend daß es uns gab

Menschen wie wir wir unter ihnen

wurden bewahrt

Menschen wie wir wir unter ihnen

Menschen wie ihr ihr unter ihnen

jeder

kann ausgezogen werden

und nackt gemacht

die nackten Menschenpuppen

nackter als Tierleiber

unter den Kleidern

der Leib der Opfer

Ausgezogen

die noch morgens die Schalen um sich haben

weiße Körper

Glück hatte wer nur

gestoßen wurde

von Pol zu Pol

Ich spreche von den grauen Zeiten

als ich jünger war als ihr jetzt

 

„Die Welt ändert sich nicht, vergeblich wird sie älter“, lautet ein altes Sprichwort.

 

Alle Nöte des Lebens im Exil änderten das Verhältnis zwischen den Eheleuten nicht, Hilde und Erwin Palm blieben in dem Schema gefangen, das sie aus Rom mitgebracht hatten. Er, in den praktischen Dingen von ihr abhängig, versuchte als Wissen­schaftler Fuß zu fassen. Sie übersetzte und tippte seine Arbeiten, dokumentierte seine Studien, zeichnerisch und fotografisch. Sie nannte sich selbst „die beste Sekretärin, die man sich vorstellen konnte“.

Eine Sekretärin aber immer noch keine Dichterin.

Von außen betrachtet schien es, dass Palms nicht nur das Glück hatten, entkommen zu sein, sondern auch dass sie auf einer paradiesischen Insel Lateinamerikas verweilten, weit weg von Europa, wo Sodom und Gomorrha des Faschismus  wüteten. In der kurzen Biographie Domins wurden die Fakten so dargestellt: Sie hatten ein bisschen Geld und fanden eine Wohnung in Santo Domingo. Nachdem sie die Umgebung erkundet hatten, setzten sie ihre Arbeit fort. Herr Palm schrieb Gedichte, übersetzte einige Dichter spanischer Sprache ins Deutsche, erforschte auch die alte Architektur in der Stadt Santo Domingo, und erfasste das in einer Dokumentation. Frau Palm übersetzte seine Texte, fotografierte die Bauobjekte, und organisierte den Alltag. Später bekam er eine Stelle an der dortigen Universität und reiste oft umher, um an den Ausgrabungsstätten in anderen Staaten Lateinamerikas, z.B. Mexiko, zu arbeiten oder Vorträge zu halten … Die heißen Sommer verbrachte Hilde Palm in den Bergen, deren Natur ihr so gut tat.

Soweit eine idyllische Darstellung! Die Realität war ein mühsamer Kampf ums Überleben, für Hilde Domin dazu sehr bitter, weil ihr Mann sie ausnutzte und oft alleine ließ. Gleich nach der Landung hatte sie ein schreckliches Erlebnis: sie war schwanger, aber unter diesen Umständen durfte sie das Kind nicht behalten. Sie, mit ihrem praktischen Sinn, hätte das irgendwie hingekriegt, aber ihr Mann machte ihr die Hölle heiß und drängte sie, einen Arzt aufzusuchen. In einem Dokumentarfilm äußerte sie, dass er Kinder strikt ablehnte, weil er die Aufmerksamkeit seiner Frau mit niemandem teilen wollte. Bis zum Ende ihres Lebens litt sie darunter, keine Kinder bekommen zu haben.

Professor Palm verdiente wenig, sehr oft monatelang nichts, weil seine Kurse an der Uni unbelegt blieben, und bei seinen Reisen gab er die Honorare, sofern er welche hatte, gleich aus. Seine Ehe konnte er nur als „offen“ ertragen, und die Liste seiner Geliebten war ziemlich lang. Ihre wohlhabende Familie und Freunde in Amerika schickten ihnen regelmäßig Geldgeschenke, damit sie sich wenigstens ein Dach über den Kopf leisten konnten.

In diesem fremden Land, in dem sie oft von ansteckenden Krankheiten, besonders von Typhus, geplagt wurde, stellte ihr die  Muttersprache, Deutsch, den einzigen Zufluchtsort dar, in dem sie ein bisschen Schutz und Trost finden konnte. Sie war jedoch immer am Schreiben, sie notierte Gedanken  in ihrem Tagebuch, schrieb Briefe an ihre Freunde oder ihren Mann, und ab und zu flossen Verse aufs Papier, die sie nicht richtig einordnen konnte. Diese freie Nische, Dichtung, in der sie sich psychisch erholen konnte, sorgte für heftige Auseinander­setzungen mit ihrem Mann, der versuchte, auch durch Gewalt, ihre Entwicklung als Dichterin zu verhindern.

Ein Zitat darüber aus dem Buch „Dass ich sein kann, wie ich bin“,  von ihrer Biographin Marion Tauschwitz:

 

„Die Auseinandersetzungen hatten bei Hilde Palm „allerlei Riegel springen lassen. Schon seit langem hatte sie in einsamen Nächten schnelle Gedichte geschrieben, wenn sie ihrer seelischen Ausweg­losigkeit eine Stimme zu geben versuchte. Diese Art der schöpfe­rischen Kreativität verärgerte Palm. „So leicht ist das also!“, sagte er empört, als er nach vielen Sträuben sich ihr erstes Gedicht endlich angesehen hatte: Im Tor schon/ hobst du den Blick. /Wir sahen uns an./ Eine große Blüte stieg/leuchtend blass/aus meinem Herzen.

Was danach geschah hat Hilde aufgezeichnet: „Was ist leicht?“ „Gedichte schreiben“, sagte er. „Du hast das nie getan. Es ist ein Gedicht.“ Er knallte die Tür hinter sich zu. Als ich die Tür knallen hörte, wusste ich, dass das ein Gedicht war.

Erwin Walter Palms Reaktionen erschöpfen sich offenbar nicht im Türenknallen. In den Nächten nach heftigen Auseinander­setzungen kniete Hilde Palm vor dem Bett des Mannes und küsste die Hand, die sie verletzt hatte, und wusch sie um sie wieder zu einem 'Instrument der Zärtlichkeit' werden zu lassen.“

Die Dichterin selbst verfasste in ihrer Autobiographie die folgenden Zeilen über ihre Anfänge: „Ich, Hilde Domin, bin erstaunlich jung. Ich kam erst 1951 auf die Welt. Weinend, wie jeder in diese Welt kommt. Es war nicht Deutschland, obwohl Deutsch meine Muttersprache ist. Es wurde Spanisch gesprochen, und der Garten vor dem Haus stand voller Kokospalmen.“

1951! Ihr 42. Geburtstag war bereits vorbei, als sie ihr erstes Gedicht verfasste. Die Welt begann sich neu zu ordnen. Überall in Europa, auch in Deutschland, versuchte man wieder auf die Beine zu kommen. Die reife, neugeborene Dichterin, Hilde Domin wollte unbedingt die Insel ihrer Einsamkeit verlassen, aber sie wusste nicht, wohin sie gehen konnte. Ihr Mann hatte eine andere sehr wohlhabende Frau in Mexiko kennen gelernt und träumte davon, sich von seiner komplizierten Gattin scheiden zu lassen und diese neue Flamme, die keine Gedichte schrieb, zu heiraten. Aber Hilde machte seine Pläne zunichte, die Scheidung kam für sie nicht in Frage.

Nach vielen Auseinandersetzungen verließen Palms die Insel, obwohl sie nicht wussten, wo sie eine Bleibe finden und ihre Existenz sichern konnten. An eine Publikation ihrer Dichtungen dachte Hilde Palm gar nicht, sie handelte im Namen ihres Mannes, schrieb und sprach alle Freunde und Stiftungen an, die ihnen helfen konnten, eine neue Perspektive zu öffnen. Und das war sehr mühsam und alle Projekte und Stipendien waren befristet.

 Amerika und Spanien

 Von außen betrachtend schienen die 10 Jahre, zwischen 1951 und 1961 sehr aufregend gewesen zu sein, weil sie ständig unterwegs war. Aber in der Realität war sie auch in dieser Zeit eine Getriebene. Mehrmals reiste Hilde Domin nach Amerika, New York, wo sich viele jüdische Intellektuelle, auch aus Deutschland, tummelten. Wie berauscht vom Kulturangebot der Metropole besuchte sie Konzerte und Theater, aber versuchte auch gleichzeitig  möglichst viele Kontakte zu knüpfen. Einige wohlhabende Freundinnen unterstützten sie finanziell. Hildes Bruder John war schon in Deutschland und schlug ihr vor, in die Heimat zurück zu kehren. Ihr Mann erpresste sie ständig: entweder ich oder Poesie. Ihre Sehnsucht nach Liebe und Verständnis ließ sie in ihre Gedichte fließen.

In einem Dokumentarfilm betonte sie, dass sie fast alle Gedichte aus diesem Lebensabschnitt ihrem Mann gewidmet hat.

 

 Nur eine Rose als Stütze

 

Ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft
unter den Akrobaten und Vögeln:
mein Bett auf dem Trapez des Gefühls
wie ein Nest im Wind
auf der äußersten Spitze des Zweigs.

Ich kaufe mir eine Decke aus der zartesten Wolle
der sanftgescheitelten Schafe die
im Mondlicht
wie schimmernde Wolken
über die feste Erde ziehen.

Ich schließe die Augen und hülle mich ein
in das Vlies der verläßlichen Tiere.
Ich will den Sand unter den kleinen Hufen spüren
und das Klicken des Riegels hören,
der die Stalltür am Abend schließt.

Aber ich liege in Vogelfedern, hoch ins Leere gewiegt.
Mir schwindelt. Ich schlafe nicht ein.
Meine Hand
greift nach einem Halt und findet
nur eine Rose als Stütze

 

Im Pendeln zwischen den Kontinenten erreichte sie viel mehr für ihren Mann, als für sich, zum Beispiel ein Guggenheim Stipendium, das ihnen eine Atempause gönnte und einen längeren Aufenthalt in Amerika ermöglichte. Dennoch schleppte sie die ganze Last der nicht aufgearbeiteten Vergan­genheit mit sich herum, wobei der Kampf mit ihrem Mann nie nachließ. Nach dem Stipendium in Amerika ging ihr Mann nach Spanien, Andalusien, wo er bei Ausgrabungen in der Nähe von Madrid tätig war. Obwohl sie sich psychisch angeschlagen fühlte, begleitete sie ihn dorthin. In Spanien fühlte sie sich heimatlos und einsam wie nie zuvor und das spiegelte sich in ihren Gedichten wieder.

 

Fortsetzung in ein paar Tage

 

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