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Safeta ObhodjasSafeta Obhodjas

Sexuslkunde

Veröffentlicht am 14.12.2020

Sexuallehrer unter Kopftuch 

 

Seit langem schleppe ich diese Geschichte mit mir herum. Immer wieder, wenn ich die Äußerungen der mutigen Lehrer oder der Kritiker des Islamismus höre, dass viele gläubige Muslime gegen den Sexualkundeunterricht in Schulen protestieren und oft ihren Kindern verbieten, an solchen Aufklärungsstunden teilzunehmen, überfällt mich ein wütender Drang, diese authentische Story endlich allen im Netz zu erzählen, auch denjenigen, die das nicht hören wollen. Jetzt endlich hat mich die Frau, die sie mir anvertraut hatte, von meiner Schweigepflicht entbunden. Und die Ärztin, auch eine Bekannte von mir, lebt nicht mehr. 

Sie hatte eine Praxis für die innere Medizin, die sie mit ihrem Mann führte. Das Ehepaar war hochangesehen, besonders wegen seines humanitären Engagements. Sie sammelten Medikamente und Material für die Krankenhäuser in den armen und durch die Kriege zerstörten Ländern oder brachten kranke und verwundete Jugendliche zu einer medizinischen Behandlung nach Deutschland. Aber man konnte nicht sagen, dass sie selbst asketisch lebten, ganz im Gegenteil, sie genossen gerne ihren Wollstand. Privat ließ sich meine Bekannte im Wellness verwöhnen, trug meist Designerkleider und Schmuck, war wie eine Diva gestylt, wenn sie am Arm ihres Mannes an den humanitären, multikulturellen oder politischen Feierlichkeiten erschien, wo sie oft als Ehrengäste begrüßt wurden. Sie wussten nicht mehr, wie viele Auszeichnungen sich in ihrer Sammlung befanden.

Was wirklich hinter dieser glänzenden Fassade ablief, wird uns hier eine junge Frau erzählen, die sich in einem Sommer zufällig in ihre Praxis verirrte:

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Meine Schicksalsgefährtinnen

Veröffentlicht am 08.12.2020

In guter Gesellschaft mit Marina und Imgard

  Wuppertal, 1996 

 „Ein dunkles Loch. Konntest du nicht etwas Besseres finden?“, fragte mich meine Freundin und Unterstützerin Ingrid, als sie das erste Mal meine Wohnung in der Wiesenstraße betrat. Sie hatte recht, meine Behausung sah wirklich deprimierend aus, und das passte gut zu meinem seelischen Zustand. Tagsüber funktionierte ich irgendwie, ging zur Arbeit, manchmal in die Bibliothek, oder besprach mit der Übersetzerin Brigitte die Passagen aus meinen früheren Werken, deren Bedeutung ihr in meiner Muttersprache unklar war. Aber in den Abenddämmerungen fühlte ich mich elend einsam. Meine Deutschkenntnisse reichten zum Lesen solange das Schreiben in dieser Sprache noch in weiter Ferne lag. In dieser Zeit fiel mir das Buch „Die verbrannten Dichter“ von Jürgen Serke in die Hände, ein Lexikon mit vielen Schicksalen der deutschen Dichter und Denker, die während der Nazidiktatur vertrieben, ermordet oder in den Selbstmord getrieben worden waren. „Mir geht es im jetzigen Exil in Deutschland viel besser!“, ich bemühte mich positiv zu denken. Zwischendurch tauchte die russische Dichterin Marina Zwetajewa aus der Erinnerung auf. Über ihr Leben im Exil und ihre Tragödie im Heimatland hatte ich schon in Bosnien gelesen. Irgendwann, ich weiß wirklich nicht wie sich solche Prozesse im Gehirn entwickelten, begannen diese zwei, die russische Poetin und die Autorin Irmgard Keun, die zu den Verbrannten in Deutschland gehörte, einen Dialog miteinander zu führen. Ab und zu mischte sich auch meine Stimme in ihre Streitereien ein, und nach und nach begann ich aus ihren fiktiven Auseinandersetzungen ein Theaterstück zu machen, merkwürdiger Weise gleich auf Deutsch. Monatelang lebte ich praktisch mit diesen zwei Geistern in meinem "Wohnungsloch“. Das Theaterstück wurde erst zwanzig Jahre später, 2016, das erste Mal inszeniert. Diese zwei verlorenen Seelen besuchten mich immer wieder, wenn ich mich in einer Krise befand. Ich ließ sie noch einmal in meiner Novelle „Funken aus einem toten Meer“ wieder auferstehen, die ich im Jahr 2020 beim Verlag epubli veröffentlichte.

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Kurzstorys "Frauen aus der Karawane Sinais"

Veröffentlicht am 07.12.2020

 Alles gute Muslime

 

Die Weisheit des Literatur- Magiers  Luis Borges, es sei für die Religion leicht zu sterben aber recht schwierig für sie zu leben, traf auf meinen Vater nicht zu.  Er hatte keine Lust zu sterben, noch weniger, als Frömmler zu leben. Bereits in jungen Jahren war  ihm klar, dass er sich der Religion nicht unterwerfen konnte. Er wurde als Muslim geboren, glaubte an Gott, aber die vorgeschriebenen Pflichten des Islam konnte er nie erfüllen. Für seine Sünden stand er gerade und verabscheute jede Heuchelei.

Stellen wir uns vor, jemand hätte meinen Vater hierzulande zu einer türkischen Feier eingeladen. Schon auf den ersten Blick hätte er die Gäste mit seinem Humor erfreut: "Mein Sohn, bitte schenke mir keinen Schnaps aus dieser Aldi - Tüte ein. Der ist mir zu billig! Meinst du etwa, der liebe Allah ist blind und sieht nicht, was du da tust?! Oder diese Betrunkenen dort in der Ecke. Stell mein Glas auf den Tisch! Gottes Strafe dafür werde ich akzeptieren!"

Ich hatte aber eine sehr fromme Tante. Sie betete alle vorgeschriebenen Gebete, fünf Mal am Tag verneigte sie sich vor dem Allmächtigen. Und am Opfer- Kurban - Bajram gedachte sie ihres verstorbenen Mannes Mustafa. In seinem Namen ließ sie einen großen Schafsbock schlachten. Aber meine Tante war geizig und konnte diesem  Fluch nicht widerstehen. So verteilte sie an die Familie oder an arme Menschen nur ein Viertel des Kurbans, drei Viertel landeten in ihrem Kochtopf. Gerade umgekehrt sollte es sein.

Ich erinnere mich an unseren Nachbarn, Avdic hieß er, der die Böcke für den Opfer- Bajram züchtete. Er war ein Schlitzohr, konnte die kümmerlichsten Tiere zu den teuersten Preisen verkaufen. Und sich danach über die Dummheit seiner Kunden lustig machen.

Auch ich konnte meinem Laster nicht entkommen. Ich wurde  vomSchaitan selbst geritten, gerade diese schrägen Charaktere in meinen Geschichten darzustellen. Die Warnungen, das zu unterlassen, nahm ich nie wahr. Scheherazades Fluch ist mir zu einer Droge geworden, in deren Rausch ich keine Ängste kannte. Nur ich war nicht geschickt, um meine Geschichten märchenhaft zu schmücken. Als meine Charaktere wählte ich immer die Menschen aus, über deren Makel ich mich lustig machen konnte. Ernüchterung und Alpträume ließen nicht lange auf sich warten.

In der letzten Nacht träumte ich mir davon, ich wäre vor ein Gericht der Gerechten gestellt worden. Sowohl der Kläger als auch der Richter hatten vermummte Gesichter, aber dieselbe Stimme, die Stimme eines strengen Imam aus unserer Gemeinde.

"Wer hat dir das Recht gegeben, solche Karikaturen aus Muslimen zu machen?" zischte der Mann ohne Gesicht.

"Verehrtes Gericht, ich weiß nicht was Sie meinen?" ich mimte die Unschuld in Person.

 "Warum schreibst du nur über schlechte Muslime wie deinen Vater!" - erhob er seine Stimme.

"Aber mein Vater war ein guter Mensch. Er hat Tag und Nacht gearbeitet, um unsere Familie zu ernähren. Ich habe mit seiner Hilfe die Schule absolviert. Ab und zu ein Paar Gläschen, das ist doch keine Sünde, oder..."

"Was macht dieses Schlitzohr, Avdic, in deiner Geschichte?" - unterbrach der Richter mich.

"Avdic, den Kurban- Züchter meinen Sie? Er war auch ein guter Mensch. Er hat meinen Bruder aus dem Hochwasser führenden Bach gerettet", belehrte ich ihn.

"War diese Eule, diese Tante, die die Vorschriften der Religion nicht achtete, auch eine gute Frau?" lachte er, aber sein Blick bohrte mich durch.

"So schlimm war sie doch nicht. Sie konnte wunderschön singen, besonders unsere Volkslieder, so genannte Sevdalinken..."

Das war ein böser Traum. Nach dem Erwachen begriff ich, dass der Richter mich schon vor die Tür gesetzt und mir Hausverbot verpasst hatte. Ich durfte nie mehr in der Gemeinde erscheinen.

Jetzt frage ich mich, war das ein Traum oder Wirklichkeit!

 

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Meine Realität heute

Veröffentlicht am 03.12.2020

Die Wahrheit, mit der ich die Gefühle der jungen Menschen als Muslime verletzte

Eine Lesung an einer Gesamtschule im Ruhrgebiet

 

Das war einmal: viele Gastarbeiter, überwiegend aus der Türkei, wurden in das Ruhrgebiet, einst ein riesiger Ballungsraum der Stahl- und Kohleindustrie, geholt, damit sie durch die Verrichtung von schwierigsten Jobsdem deutschen Wirtschaftswunder beitragen. Damals machten sie sich keine großen Sorgen um die Zukunft ihres Nachwuchses; den Familien, die meist die Arbeitersiedlungen bevölkerten, schien eine schulische Bildung ihrer Jüngsten nicht so wichtig. Die schwere Industrie Deutschlands kam allen wie ein Gigant vor, der in der Lage war, ihre Kindeskinder zu ernähren. 

Die Stadtzentren in den Städten waren lebendig, bereichert durch zahlreiche Läden der Einzelhändler.  Obwohl die Abgase aus vielen Schornsteinen der Industrieanlagen die Luft verpesteten und die Väter schwer schufteten, war das Leben doch erträglicher als in ihrer alten Heimat voller Armut.

Und nun, einige Jahrzehnte später, stellen wir fest: die schwere Industrie aus den Zeiten des Wirtschaftswunders ist passé, die Schornsteine sind längst weggesprengt, wobei viele Autos auf den Straßen ihre Rolle übernahmen und Gifte in die Luft auspusteten.  Mit der Umwandlung verödeten die Fußgängerzonen, in letzter Zeit sehen sie oft wie ein Abbild der billigen orientalischen Bazare aus. Der Nachwuchs der ersten Gastarbeiter blieb meist dort, wo seine Eltern gelandet waren. Aber seine Kinder, die nächste, dritte Generation, und dann eine weitere, bekamen bessere Bildungschancen und damit auch mehr Hoffnung auf ein Leben auf einem höheren sozialen Niveau. Leider, solche Zukunftsaussichten kamen zu spät, nachdem sich die Parallelgesellschaften in den deutschen Städten bereits geformt und abgeschottet hatten.

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Mein Exil vor zwanzig Jahren

Veröffentlicht am 01.12.2020

Safeta Obhodjas über Leben und Schreiben einer Exilautorin in Deutschland

 

Meine erste Heimat ist Bosnien und Herzegowina. Ich habe dieses Land nicht freiwillig verlassen, ich wurde 1992 in einer Welle der „ethnischen Säuberung“ wegen meiner islamischen Herkunft zusammen mit meiner Familie vertrieben. Ich landete in Deutschland, in einem mir bis dahin unbekanntem Land, wo ich das Glück erfahren durfte, eine neue Sprache zu erlernen, und mich dadurch als Schriftstellerin weiterentwickeln konnte.

Meine erste Zeit in Deutschland, 1992–95, war eine Flüchtlingsagonie: Tagsüber hatte ich ein großes Programm zu bewältigen, ich hatte drei Stellen als Putzfrau, musste meine Familie versorgen, Sprachkurse an der VHS besuchen, mehrere Stunden Deutsch lernen. Dabei ständig diese Gedanken an die Kriegskatastrophe in Bosnien: das Morden und Sterben, der Hunger und das Elend meiner Landsleute. Bosnien war in allen Medien präsent, seine Tragödie wurde jeden Tag live in die Wohnzimmer weltweit übertragen. Viele Deutsche engagierten sich und sammelten für die Leidenden in Bosnien. Sie brauchten eine Stimme, die gerade dem Krieg entkommen war. Ich machte mit, wobei ich nach und nach begriff, wie wichtig Deutschkenntnisse waren, wie es mir gut tat, mich auf Augenhöhe zu Wort melden zu können.

Literatur aus Bosnien war damals gefragt, aber nicht die meine. Der Mainstream wollte der deutschen Öffentlichkeit sowohl das kosmopolitische Sarajevo als auch das harmonische Miteinander von Kulturen und Religionen in Titos Jugoslawien vorführen. Ich aber hatte keinen Roman, der das schöne multikulturelle Märchen meiner Heimat zum Thema hatte. Mein Stil des Erzählens gefiel einigen Lektoren, deshalb wollten sie bei mir einen Liebesroman bestellen. „Ich schreibe keine Liebesromane. Ich schreibe über bosnische Frauen, die im Namen der Liebe ausgebeutet werden, sogar von ihren eigenen Familien“, antwortete ich. Man sagte mir: „Keine Emanze jetzt. Die Liebe zwischen einem serbischen Jungen und einem muslimischen Mädchen kann man zurzeit gut verkaufen.“ Ich konnte keinen Roman mit diktiertem Inhalt schreiben und blieb lieber bei meinen Putzstellen.

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