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Safeta ObhodjasSafeta Obhodjas

Safeta Obhodjas, Autorin auf Bosnisch und Deutsch, Sargon Boulus, Dichter auf Arabisch und Englisch

Veröffentlicht am 01.03.2021

Legenden und Staub - auf christlich-islamischen Pfaden des Herzens

 Einleitung

 

Im Frühling des Jahres neunzehnhundertachtundneunzig trafen sich zwei Schriftsteller aus unterschiedlichen Gegenden der Welt im Künstlerdorf Schöppingen, Nordrhein-Westfalen: Safeta Obhodjas, bosnische Muslimin, die Sprache ihrer Prosa ist slawisch, Deutschland ihr Exil, und Sargon Boulus, arabischer Dichter, assyrischer Christ aus dem Irak, seit langem schon Weltreisender.

Bereits in den ersten Gesprächen entdeckten sie, daß sie sich mit einem bescheidenen Vokabular arabischer, türkischer, undpersischer Herkunft unterhalten konnten, das in Safetas slawischer Sprache überlebt hatte. Es seien nur einige schöne Worte erwähnt: Asik (Liebster), Nadir, somun (Fladenbrot) sevdah (Liebe), dud (Maulbeere), hamam (Bad). Beide haben zudem dasselbe Sternzeichen: Wassermann. Wenn man in ihren Biographien weitere Berührungspunkte finden will, muß man sich schon anstrengen.

Ihre wie seine Familie waren arm, aber auf unterschiedliche Weise. Sein Vater war ein landloser Arbeiter, der bei den Engländern, den damaligen Kolonialherren des Irak, eine Anstellung fand, später bei Erdölgesellschaften in Kirkuk und Bagdad. Ihr Vater war Arbeiter, aber als seine Jugend verrann, kaufte er ein paar Äcker in der Nähe von Pale, sechzehn Kilometer vor Sarajevo, und schuftete dort Tag und Nacht, um seine Kinder zu ernähren. Sargons Heimat ist bekannt für die langen und heißen Sommer, Safetas für die langen, schneereichen Winter. Er begeisterte sich in seiner Jugend eine Zeitlang für die kommunistische Revolution und Revolutionäre, träumte davon, daß diese große arabische Welt über Nacht in eine ›helle Zukunft‹ gehen würde. Dann begriff er, daß er persönlich nur an einer einzigen Revolution teilhaben wollte: der Erneuerung der arabischen Poesie, seit seinem sechzehnten Lebensjahr widmet er sich ihr und wurde rasch zu einem ihrer Hauptvertreter. Safeta kam zu ihrem ›Glück‹ in einem Land zur Welt, das nach dem Zweiten Weltkrieg den hinterwäldlerischen Kapitalismus mit dem Sozialismus vertauscht hatte. In ihrer Jugend glaubte sie an Titos Illusionen, daran, daß die Völker ihrer Heimat auf Dauer in Frieden und gegenseitigem Verständnis leben würden. Ihre persönliche Revolution ereignete sich – viel später als die seine –, als sie sich dem dreißigsten Lebensjahr näherte und beschloß, in der Literatur jenes Landes neue Themen aufzugreifen: Sie wollte die Gesellschaft der Gegenwart und die Rolle der Frauen beschreiben. Ihr Sinn für praktische und rasche Problemlösungen wurde durch langjährigen Zeitmangel geformt. Nur mit einem gut organisierten Alltag konnte sie neben allen Verpflichtungen einer ganztags arbeitenden Ehefrau und Mutter einige Stunden fürs Schreiben und Lesen abzweigen. Im eng abgezirkelten Familienleben war für Spontaneität und durchwachte Nächte kein Platz. Eine regelrecht professionelle literarische Arbeit begann sie erst in reifen Jahren, im Exil. Lange dauerte es, bis sie sich daran gewöhnt hatte, daß ihr das Schreiben eine besondere Rolle in der Öffentlichkeit verschaffte, und ihre Lebenserfahrung und ihr Denken für andere Menschen interessant waren.

Sargon hat niemals geheiratet, er hat keine Kinder, hat sich nie an einen Ort gebunden und nie geglaubt, daß er irgendwohin gehöre. Für ihn gestalten sich die einfachsten Dinge des praktischen Lebens zum Problem. Mit fünfzehn oder sechzehn begann er seine Laufbahn als Berufsschriftsteller, er hat in Krisenzeiten diesen Weg oft verlassen, kehrte aber jedesmal zu ihm zurück, denn er konnte nicht ohne die Illusion leben, daß dem dichterischen Wort jene Magie eignet, welche die Welt im Innersten zusammenhält. Seine umfassende Kenntnis verschiedener Kulturen, besonders ihrer jeweiligen Literatur, gibt er mit Begeisterung weiter, besonders an junge Menschen. Er hat längst vergessen, daß die Nacht zum Schlafen da ist. In ihr feilt und hämmert er mit leiser Intensität in seiner Dichterwerkstatt. Während er mit seinem gemächlichen orientalischen Schritt um die halbe Welt gezogen ist, hastete sie in immerzu auf kleinem Raum hin und her, denn ihr standen nur die fünfzehn, sechzehn Kilometer zwischen Sarajevo und Pale zur Verfügung. Als Safeta neunzehnhundertsiebenundsechzig ihre erste Tochter gebar, brach Sargon mit dem Kopf voller Träume von Bagdad nach Beirut auf. Dort angelangt, träumte er von dem Tag, an dem er sich nach Amerika einschiffen würde. Als neunzehnhundertdreiundsiebzig ihre zweite Tochter zur Welt kam, war ihm Amerika schon zu eng geworden. Er bereiste mehrmals den alten Kontinent, weilte monatelang in Paris und London, fuhr durch Deutschland, kehrte aber immer wieder nach San Francisco zurück. Vor fünf Jahren verkraftete seine Psyche das Tollhaus der amerikanischen Zivilisation nicht mehr, er ließ alles zurück, sogar seine umfangreiche Privatbibliothek, in der er alle bedeutenden literarischen und philosophischen Werke von Orient und Okzident zusammengetragen hatte, packte seine Koffer und kaufte ein One-way-Ticket nach Europa. Berlin, Köln und München waren Stationen, an denen er sich länger aufhielt, ab und zu sogar für mehrere Monate.

Kurz bevor er Amerika verließ, zerschnitten der Krieg in Bosnien und der Genozid an dem Volk, dem sie angehörte, Safetas Bindung an einen Ort. Mit ihrer Familie kam sie nach Deutschland. Der Instinkt, die Kinder aus der Kriegskatastrophe des Balkan zu retten, führte sie dorthin. Sie hatte das Glück, daß sie in dieser Wartehalle auf Rückkehr in die Heimat nicht nur warten mußte, ihr Exilland wurde zum Ort schriftstellerischer Arbeit.

So trafen sich ihre Wege im Künstlerdorf Schöppingen. Er war neunzehnhundertsiebenundneunzig dort Stipendiat, sie neunzehnhundertachtundneunzig.

Nachdem sie sich ein paar Nächte hindurch über Gott und die Welt unterhalten hatten und er sich schon auf seine Fahrt nach London vorbereitete, sagte Sargon: »Wenn wir gescheit wären, würden wir unsere Gespräche aufzeichnen, daraus kann ein ganzes Buch werden.«

 

 

 

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