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Safeta ObhodjasSafeta Obhodjas

Scheinsolidarität

Veröffentlicht am 11.01.2021

 Feministische Scheinsolidarität als Integrationshindernis

 

„In deinem Text hört man einen persönlichen Schrei danach, gehört zu werden“, so ungefähr lautet einer der Vorwürfe, die ich meist von Frauen höre, wenn ich offen über die Unterdrückung der Migrantinnen, nicht nur Musliminnen, in der Familie und in der Gesellschaft rede und meine Storys vorlese.
Ich gebe zu, ich wünsche mir, mehr gehört zu werden, aber das hat nichts mit meiner Person zu tun. Es ist allgemein bekannt, dass die Frauensowohl in den Parallelgesellschaften als auch den optisch gut integrierten Kreisen der Zugewanderten, ihre Unterdrückung im Namen der Tradition, der Nation und der Religion sehr oft schweigend erdulden. Meiner Meinung nach es ist meine Pflicht, als eine schreibende, nicht deutschstämmige Frau mit islamischen Wurzeln darüber Klartext zu reden. Wenn ich auch in Kauf nehmen muss, dass mir einige insbesondere deutsche Leserinnen und Kolleginnen, wegen meiner Kritik am Klima der Ignoranz in der Gesellschaft, eine rechte oder sogar nazistische Gesinnung attestieren.
Ich habe mich entschieden, wenigstens auf meinem Blog nichts politisch zu relativieren, egal wie viele negative Reaktionen und Bezeichnungen ich für meine Kritik der gescheiterten Integration kassieren muss.

 

Integration als absurdes Theater aus weiblich-traditioneller Rückständigkeit, undifferenzierter Empathie und blinder Egomanie

 

Erst viele Jahrzehnte nach der ersten Welle der Gastarbeiter verkündeten die demokratisch gewählten Vertreter des Volkes, nicht ganz freiwillig und ziemlich kleinlaut, dass Deutschland doch ein Zuwanderungsland geworden sei. Diesem Lippenbekenntnis der Politiker folgten jedoch keinerlei praxisorientierte Konsequenzen: Weder wurden Sprach- und Integrationskurse angeboten, noch wurde eine schulische und soziale Infrastruktur aufgebaut, mit der man  dem Nachwuchs aus den meist kinderreichen, aber nicht des Deutschen mächtigen Familien der Zuwanderer hätte unter die Arme greifen können. „Fördern und Fordern“ stand Ende der neunziger Jahre auf keinem der Programme der politischen Parteien. Diese Aufgabe wurde meist von Freiwilligen übernommen. Mit Unterstützung engagierter Lehrer oder Nachbarn schafften es einige aufgeweckte Jugendliche aus diesem Milieu, sich durch das Schulsystem bis zu einem Studienabschluss hindurchzuboxen. Dort dann standen sie vor einem weiteren Hindernis, ihrer sozialen Herkunft nämlich. Politische Maßnahmen im Interesse der „Chancengleichheit für die  Zugewanderten“ – Fehlanzeige. Sie wurden durch eine diffuse Toleranz ersetzt, deren Motto: „Jedem seine Religion und seine Kultur“ sich aus dem Weltbild der aufgeklärten Deutschen ableitete. Zu denen, die so dachten, gehörten Politikerinnen, Intellektuelle, Feministinnen und Aktivistinnen, die sich mit grünen und kosmopolitischen Weltanschauungen schmückten. Die Integration wurde zur Domäne der Frauen, zumal die Leitungspositionen in Schulen, Ämtern, Vereinen und Organisationen für Menschen- und Frauenrechte meist weiblich besetzt waren. Im Grunde genommen versteckte sich die Politik hinter solcher Scheintoleranz.

Nach und nach entstand eine Bühne für die „Integrationsfestspiele“, bei denen von Anfang an zwei völlig verschiedene Gruppen gegenüberstanden. Auf der einen Seite standen die kaum gebildeten Mütter, Großmütter, Großtanten und älteren Schwestern, die in den Familien und Sippen der Angekommenen das Sagen hatten; auf der anderen Seite hielten die deutschen Akademikerinnen das Zepter in der Hand, dazu meist auch den Schild eines Studiums im sozialen Bereich. Diese Frauen hatten ihre Kräfte schon im Kampf für ihre Gleichberechtigung erprobt, und das hat sie hart, aber nicht unbedingt solidarisch mit den schwächeren Zeitgenossinnen gemacht.

Zwischen diesen beiden Lagern türmten sich viele Barrieren, sprachliche, kulturelle, religiöse …

Die Frauen der ersten Gruppe leiteten ihre Macht von der Tradition und der Religion ab, sogar in noch größerem Ausmaß als die Männer. Als ich einige junge, gut gebildete, nicht deutschstämmige Frauen interviewt habe für mein Projekt „Lange Schatten unserer Mütter“, erzählten sie mir, dass ihre Ausbildung meist von den Vätern unterstützt und gefördert wurde, während ihre Mütter versuchten, sie an die Normen der Parallelgesellschaften zu binden. Zana Ramadani, eine engagierte Aktivistin und Aufklärerin, deren Buch Die verschleierte Gefahr derzeit hohe Wellen in den deutschen Medien schlägt, bestätigt in einem Interview die Aussagen meiner Gesprächspartnerinnen: Meine Mutter fand den Anschluss in Deutschland nicht. Sie telefonierte jede Woche stundenlang mit ihrer Familie zu Hause und blieb so in dieser Welt verhaftet. Die Werte und die Moral von dort, die mein Vater nie gemocht hatte, gegen deren Enge und Beschränktheit er sich gewehrt hatte, wurden immer wichtiger für sie. Weil die Deutschen als Ungläubige gelten und die deutschen Frauen als Schlampen, hatte sie, je älter ich wurde, desto mehr das Gefühl, mich kontrollieren zu müssen. Weil ich ja die Familienehre beschmutzen könnte (....) und sie daran schuld wäre.

Eigentlich kommt mir Ramadanis Buch wie eine Fortsetzung der Publikationen der beiden türkischstämmigen Aktivistinnen und Frauenrechtlerinnen vor, der Juristin Seyran Ateş (Der Multikulti-Irrtum – Wie wir in Deutschland besser zusammenleben können) und der Soziologin Nekla Kelek (Die fremde Braut), die vor zehn bzw. fünfzehn Jahren erschienen sind. Schon damals legten sie die Blauäugigkeit der Toleranzbefürworter offen und zugleich den Finger in die Wunde der türkischen Gemeinden. Es mag sein, dass viele Männer zu Gewalttätigkeit neigen, aber sie sind nicht ständig anwesend in der Familie. Mütter, Großmütter, Großtanten, haben den Nachwuchs unter Kontrolle. Sie unterdrücken die jüngeren weiblichen Mitglieder der Familie und erziehen ihre Söhne zu Paschas und Machos. Sie liefern ihre Töchter, die es wagen, aus der Reihe zu tanzen, männlicher Gewalttätigkeit aus. Sie beschützen ihre Töchter nicht, sondern stiften die Männer dazu an, die „Ungehorsamen zu bestrafen“. Viele Mädchen sind dazu verurteilt, sich von Kindheit auf  mit solch einem Leben von zu arrangieren. Sie heiraten brav und früh, bekommen Kinder und geben an sie weiter, was sie selbst erlebt oder vielleicht als fürchterlich empfunden hatten. Ich will jetzt nicht auch noch auf die Beschneidung der Mädchen eingehen, die ausnahmslos Frauen durchführen.

Trotz der Überwachung durch die Familie schaffen es einige Mädchen, zu rebellieren und aus diesem Käfig auszubrechen. Die Flucht bringt sie auf die  deutsche Seite, und danach beginnt ihre Odyssee durch das deutsche Sozialsystem, eine Odyssee voller Angst vor der Rache der Familie und Sehnsucht nach der Geborgenheit in ihr. Beratung und psychologische Betreuung können ihnen den Verlust des sozialen Umfelds kaum ersetzen. Sie bleiben in der Grauzone zwischen den beiden Bereichen der erwähnten Bühne. Ihre Seite haben sie verlassen, aber auf der anderen, der deutschen, sind sie nie richtig angekommen.

Oft haben die misshandelten Rebellinnen das Bedürfnis, über ihr Leid offen zu  sprechen. Unter den Akademikerinnen auf der deutschen Seite befinden sich viele Journalistinnen und Publizistinnen, die mit mehr oder weniger Empathie die Leidensgeschichten aufnehmen und zu Papier bringen. Die Leidenden laden ihre Pein bei den Ghostschreiberinnen ab, und diese verkaufen ihre Geschichten an die Lektorinnen und Redakteurinnen in den Verlagen, die solche Buchprodukte begehren, zumal die deutschen Leserinnen sie gerne kaufen und verschenken. Männer halten sich heraus aus diesem Schlamassel. Die Wirkung solcher Publikationen, wenn sie auch auf den Bestsellerlisten landen, verpufft schnell durch die fruchtlosen Debatten der Frauen in der deutschen Medienlandschaft., wie das damals mit Keleks und Ateş's Werken geschehen ist.

Es gibt keine Statistik, Bücher oder Studien darüber, was mit den Rebellinnen passiert, wenn die Zeit der sozialen Obhut vorüber ist, wenn sie irgendwie lernen müssen, auf eigenen Beinen zu stehen. Es kommt oft vor, dass die jungen Frauen ihre Flucht aus dem vertrauten sozialen Umfeld bereuen und versuchen, sich mit ihrer Familie zu versöhnen. Ich habe sie mehrfach sagen hören, dass es leichter sei, Schläge und Rückständigkeit der Familie zu ertragen, als die totale Vereinsamung in der deutschen Umgebung.

Eine Weile habe ich geglaubt, dass Vorreiterinnen wie Seyran Ateş und Nekla Kelek zusammen mit den jungen Frauen, die dem Käfig der konservativen, islamischen Werte entkommen sind, eine Frauenbewegung gründen würden, die die Problematik der gescheiterten Integration an den Wurzeln packt. Aber so etwas war einfach nicht möglich, vor allem aus zwei Gründen: Der Bereich der islamischen Gemeinden ist dermaßen abgeschottet, dass Anregungen von deutscher Seite keine Chance haben, akzeptiert zu werden. Es mag sein, dass die Autorinnen keine deutschen Namen tragen, aber ihre auf Deutsch verfassten Werke empfinden die ewig Gestrigen als ein Werk von Nestbeschmutzerinnen. Auf deutscher Seite herrscht aber oft ein Schein-Engagement: Feministinnen und Frauenrechtlerinnen neigen ebenfalls dazu, „öffentlich Wasser zu predigen und heimlich Wein zu trinken“. Die junge Rebellin und Analytikerin Zana Ramadani hat in einem Interview anlässlich ihres Buches Die verschleierte Gefahr kein Blatt vor den Mund genommen: Ich habe nur etwas gegen einen ganz bestimmten Schlag von Feministinnen. Und zwar gegen jene, die von Frauensolidarität reden, diese aber nicht leben. Die meinen, das einzige Übel sei der westliche weisse Mann, und diesen dürfe man ungehindert kritisieren, während sie Kritik an Angehörigen einer fremden Kultur, die genauso frauenverachtend ist, automatisch als rassistisch bezeichnen.

 

Diese Kategorie von Feministinnen sonnt sich darin, über Frauenrechte laut zu reden, zumal wenn die Kameras auf sie gerichtet sind, wobei sie sich gleichzeitig in ihrem Umfeld so verhalten, als gebe ihnen ihre Diagnose der Situation in der Öffentlichkeit die Befugnis, die Frauen auf den schwächeren Positionen zu unterdrücken, insbesondere dann, wenn diese viel geistiges Potenzial in sich tragen. Während sie den Schutzbedürftigen aus dem Lager der Rückständigen und aus den Kriegsgebieten in Europas Nachbarschaft mit viel Empathie begegnen, hindern sie die starken weiblichen Persönlichkeiten der Zugewanderten daran, ihre Fähigkeiten zu entfalten. Je schwächer das Opfer, desto mehr Glanz fällt auf ihre Prominenz, und desto höhere Zuschüsse der Steuerzahler fallen ab für ihre Institutionen. Die Starken könnten eine Konkurrenz sein, deshalb werden sie abgeblockt und weggedrängt.

Viele Mentorinnen und Helferinnen mögen es nicht, wenn ihre Schützlinge sich aus der Rolle der Schwächeren zu lösen versuchen. Wie schnell die Empathie der Aktivistinnen in Feindseligkeit umschlagen kann, erfuhr ich am eigenen Leib beim ersten Versuch, meine Kraft und meine Fähigkeiten einzusetzen. Viele Jahre, während des Krieges in Bosnien und Herzegowina und unmittelbar danach, habe ich als geduldeter Kriegsflüchtling in Deutschland verbracht. Diese Zeit füllte ich mit Deutschlernen, Weiterbildung und Schreiben aus, und, was sehr angenehm war, ich durfte auch die Zuwendung der deutschen Aktivistinnen genießen. Sie luden mich zu Kulturveranstaltungen als Leserin ein, und ich nahm an ihren Workshops zum Thema Krieg, Gewalt, Flucht teil, wobei sie mich  als Muster-Ausländerin  präsentierten. Solche  Erfahrungen ermutigten mich, selbst die Initiative zu ergreifen und mit der Unterstützung einer privaten Stiftung eine deutsch-bosnische Kulturwoche zu organisieren. Ich teilte diese phantastische Neuigkeit meinen Mitstreiterinnen aus dem multikulturellen Verein mit, den ich irgendwie für meine Lobby hielt. Schon am nächsten Tag begannen diese bis dahin wohlwollenden Frauen, echten Psychoterror auszuüben, um mich zu zwingen, die Organisation meines Projekts ihnen zu überlassen. Sie bezweifelten meine Fähigkeit, ein so wichtiges Projekt auf die Beine zu stellen. Die Vertreter der Stiftung erhielten einen Brief von ihnen, in dem stand, dass ich keine Befugnis besäße, die bosnische Kultur zu vertreten. Ich hielt durch, wobei mir meine deutschen Freunde, die wenig mit dieser direkt engagierten, kulturpolitischen Szene zu tun hatten, zur Seite standen.

Auf der deutschen Seite der Integrationsbühne treten oft Repräsentantinnen der Kulturpolitik auf, die aus der Schule des Relativierens kommen. Die präzisen Analysen der auf der Strecke gebliebenen Integration bezeichnen sie als „Fake-Diagnostik“, und sie verwenden immer dieselben Argumente, um das zu beweisen: „Bitte nicht alle Muslime über einen Kamm scheren, wir kennen viele moderate, die mit dem politischen Islam nichts zu tun haben, die ihre Kinder gleichberechtigt erziehen. Wie war es in Deutschland vor fünfzig Jahren? Ohne die Zustimmung ihres Mannes durfte eine Frau nicht arbeiten gehen und kein eigenes Bankkonto eröffnen. Die Deutschen müssen tolerieren und akzeptieren, dass die Befreiung von der Tradition in den anderen Kulturen langsamer vor sich geht.“

Ich persönlich habe weder mit den 'Diagnostik-Spezialistinnen' noch mit den 'Relativierungs-Meisterinnen' angenehme Erfahrungen gemacht. Mit der bildenden  Künstlerin und Fotografin Petra Göbel habe ich die  Ausstellung „Lange Schatten unserer Mütter“ samt dem gleichnamigen Theaterstück als Integrationsprojekt ins Leben gerufen. In dessen Rahmen haben wir gut ausgebildete Frauen aus Zuwandererfamilien in Bild und Wort porträtiert. Ebensolche selbstbewussten Vorbilder wollten wir sowohl der deutschen Öffentlichkeit als auch an der Basis vorstellen. In diesem Sinne haben wir unzählige Leiterinnen und Aktivistinnen von Frauenorganisationen angesprochen und ihnen diese Ausstellung als gemeinsames Integrationsprojekt vorgeschlagen. Einige mehr oder weniger prominente Talkshow-Teilnehmerinnen zeigten uns nicht nur die kalte Schulter, sondern unterstellten uns zwischen den Zeilen, dass wir von ihrer Prominenz hätten profitieren wollen. Unser Anliegen und die Botschaft dieses Projekts interessierte sie gar nicht. Diejenigen, die viele „moderate Muslime“ kennen, delegierten unseren Vorschlag weiter an wer weiß welche Adressen, die uns später abwimmelten.

Seit einem Jahrzehnt ist aus dem Projekt „Frauen für Frauen“ eine echte Industrie geworden. Im Internet tummeln sich auf vielen Webseiten Organisationen, Institutionen, Hilfswerke, Vereine, bei denen man den Opferkult der muslimischen Frauen hegt und pflegt. Es gibt aber kaum Beratungsstellen, wo Aktivistinnen bereitstehen, den Frauen mit Migrationshintergrund, die aus eigener Kraft eine höhere akademische Ausbildung erreicht haben, unter die Arme zu greifen. Sie müssen allein zurechtkommen, auf einem Freimarkt, wo die soziale Herkunft und ein bestimmtes Vitamin die Grundlage für Karrieren sind.

 

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