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Safeta ObhodjasSafeta Obhodjas

Schwesternliebe - eine Halal-Seifenoper

Veröffentlicht am 16.10.2021

Auszug aus dem Hörspiel. Auf diesem Hörspiel basiert mein Roman Schwseternliebe-eine Halal-Seifenoper

Link zu dem Roman

https://www.epubli.de/shop/buch/Schwesternliebe---eine-Halal-Seifenoper-Safeta-Obhodjas9783750277472/94909

Szene 2

 Es klingelt an der Tür

Meryam (ein bisschen außer Atem, vor sich hin) : Es war blöd, mit diesen zwei Zeugen Jehovas über Jesus zu diskutieren. Jetzt kommen sie immer wieder und ich werde sie nicht mehr los.

 Es klingelt aufdringlich. Dann klopft es an der Tür. Geräusch, wie beim Fallen eines Körpers.

Meryam (hat sich wehgetan, jault) :Auuuu, verdammt!

Anne : Meryam, ich weiß, dass du zuhause bist, ich habe das Licht gesehen. Mach auf, bitte, bitte. Sei nicht so stur ...

 Meryam (genervt) : Anne, ich habe dir vor paar Tagen gesagt: nein, und nochmals nein, ich will das nicht! Komm herein, wenn du willst, aber kein Wort über deine Rettungsaktion!

Anne : Machst du jetzt Yoga? Hab ich dich unterbrochen?

Meryam : Jaaa! Du hast mich beim Kopfstand gestört. Bin runter geknallt und hab mir wehgetan. Komm in die Küche, ich muss den Ellbogen kühlen …

Anne : Du übertreibst mit Sport.

Meryam : Yoga ist kein Sport. Das ist zum Entspannen.

Anne : Deine Wohnung gefällt mir, sie ist so hell, geräumig … Wozu hast du so eine große Wohnung gemietet?

Meryam (lacht, traurig) : Jan und ich haben sie gemeinsam gemietet, um eine Familie zu gründen. Ich war so weit, aber er nicht … Er haute ab und ließ seine Penelope in so einer schönen Umgebung auf ihn warten. Anne, sag mir, was sucht er in Afrika?

 Anne : Das ist seine Mission … Er will sie ausleben. Wir haben unsere hier. Ich versuche jetzt deiner Schwester unter die Arme zu greifen.

Meryam : Langsam gehst du mir auf die Nerven!

Anne : Lass mich dir die Situation erklären!

Meryam : Ich will nicht zuhören … Möchtest du einen Tee, oder nicht?

Anne : Ja, gerne, der duftet so angenehm. Aber ich möchte, dass du mir wenigstens fünf Minuten zuhörst. Denk doch mal zurück, wie … wie hilflos du warst, damals … Was wäre ohne meine Familie und unseren Verein aus dir geworden? Wohin hättest du dich verstecken können vor deiner gewalttätigen Sippe? Und nun ist deine kleine Schwester in einer ähnlichen Situation … Obdachlos. Meryam, bitte!  Ich glaube nicht, dass du so herzlos sein kannst. Willst du deine kleine Schwester wirklich dem deutschen Sozialsystem überlassen?

Meryam : Warum denn nicht? Was ist schlimm daran? Mir hat dieses System gut getan. Im Frauenhaus war ich sicher, und die WG-Jugendgruppe, samt unserem Betreuer, erwies sich als eine echte Ersatzfamilie, bis zum Abitur … 

Anne : Du hast wirklich Glück gehabt! Heutzutage findet man selten so etwas … Im Moment gibt es keinen Platz im Frauenhaus, das Mädchen muss in einem Jugendheim auf dem Sofa im Wohnraum schlafen ...

Meryam : Irgendwann findet ihr eine Unterbringung für sie.  Eine gute, wo man sie, wie einst mich, zu einem starken Individuum therapieren kann. Nicht zynisch gemeint … Ich bin eure Erfolgsstory!

Anne : Ich bin echt stolz auf dich!

Meryam (zynisch) :Stolz? Jetzt plötzlich? So etwas höre ich das erste Mal …  Als ich mit dem Jurastudium begann, sagte mir meine beste, einzige deutsche Freundin Anne ...

Anne (empört) :Musst du mir das immer wieder aufs Brot schmieren?

Meryam : Meryam, warum geradeJurastudium? Hast du deine Latte nicht zu hoch gelegt? …. War es dir wirklich nicht bewusst, wie sehr du mich damit gekränkt hast?

Anne : Okay, das war unsensibel von mir, ich habe mich mehrfach dafür entschuldigt. Aber Meryam, es geht jetzt nicht um dich und mich, wir sind auf der sonnigen Seite des Lebens … Privilegiert. Es geht um dieses Mädchen, das zufällig deine Schwester ist. Das Mädchen wurde auf der Straße aufgelesen. Ihre Schwägerin, die Witwe deines großen Bruders, hat sie vor die Tür gesetzt. Deine Mutter hat, nach dem Tod des Sohnes, einen Schlaganfall erlitten, sitzt jetzt im Rollstuhl …

Meryam (erfreut) Einen Schlaganfall? Ich hoffe, ihre Gift-Zunge wurde endlich gelähmt.

Anne : Vergiss sie, es geht um das Mädchen … Eine Verwandte pflegt deine Mutter, aber das Mädchen … Sie hatte keinen Platz für Latifah. Hast du gar kein Mitleid mit ihr?

Meryam (zynisch) :  Sie braucht mich nicht! Sie hat dich, und deinen Verein "Frieden und Gerechtigkeit", lauter Samariterinnen.

Anne  (verliert die Nerven) :Meryam, was ist los mit dir?

Meryam : Mit mir?Seit einer Woche bedrängst du mich mit deinen hehren Wünschen. Ich schulde meiner Familie nichts ...

Anne : Aber der Gesellschaft, die so viel in dich investiert hat, schuldest du viel. Was denkst du, wie viel du dem Gemeinwesen gekostet hast?

Meryam : O.k., ich gebe zu, ich habe Schulden bei euch Deutschen. Gib mir ein Mädchen aus einer anderen Familie, aber nicht aus dieser!

Anne (ein bisschen müde) :  Meryam, sei bitte nicht so verbissen. Sie ist nur ein harmloses, verstörtes Wesen. Latifah war auf dem Balkon, und hat gesehen … wie ihr großer Bruder das Leben verlor. Das war ein  Unfall … Reden wir jetzt nicht darüber.

Meryam : Anne, hör auf mein Herz zu massieren! Warum kann sie nicht auf diesem Sofa im Jugendheim warten, bis ein Zimmer frei wird?

Anne : Aber dort ist es gefährlich! Eine Mädchenclique hat versucht, sie zu zwingen, Alkohol zu trinken. Und zwei Jugendliche haben sie bedrängt, begrabscht … Meryam, willst du deine Schwester wirklich im Stich lassen? Ich erwarte ein bisschen Solidarität von dir ...

Meryam (ungeduldig) : Spare mir dein Blabla. Wir können das Mädchen nur retten, wenn es selber will. Viele Frauen aus diesem Milieu wollen das gar nicht, das erlebe ich tagtäglich in meiner Kanzlei … Anne, ich weiß, wie diese Clan-Frauen ticken, sie wollen ihre Unterwelt nicht verlassen. Schick sie zurück ins Ghetto.

Anne : Deine Schwester wurde aus dem Ghetto  geworfen. Meryam, eine gute Tat wird dir nicht schaden. Hier hast du genug Platz!… Durch die Unterstützung deiner kleinen Schwester hast du wirklich eine Chance, mit deiner Vergangenheit abzuschließen.

Meryam : Oder sie von Neuem zu öffnen. Anne, dir zuliebe nehme ich sie für ein paar Wochen auf. Bis du einen Platz für sie gefunden hast!

 

Begegnung zwischen Meryam und ihrer Schwester folgt unter

 

Szene 3

Meryam und ihre Schwester Latifah

Meryam (betont kühl und zurückhaltend) :Jetzt zeige ich dir die Wohnung. Hier ist mein Büro, an einem Tag wöchentlich arbeite ich home-office. Gegenüber befindet sich mein Gästezimmer. Hier kampierst du, bis Anne etwas anderes für dich hat. Das Badezimmer ist neben dem Schlafzimmer. Es gibt noch eine Toilette, neben der Eingangstür. Und … Hmmm, geh bitte gleich duschen, dein Körpergeruch ist unerträglich … Hier hast du einen Kulturbeutel, mit einem Deo darin. Warum starrst du mich so komisch an? Ich will dich nicht beleidigen, aber von diesem Geruch aus meiner Kindheit wird mir übel. 

Latifah (unsicher) : Wer lebt noch hier, in dieser Wohnung, meine ich?

Meryam : Ich lebe hier, das ist mein Zuhause.

Latifah :  Nur du, alleine? Kein Mann, keine Kinder? Du lebst wie eine Deutsche!

Meryam :Ich lebe so, wie ich will! Gott weiß, was deine Mutter dir noch erzählt hat! Aber es ist vorbei mit dieser Familie! Deine Schwägerin hat dich vor die Tür gesetzt, so hat mir Anne erzählt … Die Polizei hat dich auf der Straße aufgelesen  …

Latifah (schluchzt) :Nicht die Polizei. Eine Frau in Zivil. Ich hasse die deutschen Bullen. Sie haben meinen Bruder umgebracht … Die Deutschen haben ...

Meryam : Darüber reden wir später. Jetzt geh duschen und nimm das Deo … Hier hast du Wäsche und Kleider, deine Sachen, alles in die Mülltonne klopfen! Morgen gehen wir einkaufen. Ja, das ist das Badezimmer … Danach komm in die Küche, für das Abendbrot habe ich etwas Leckeres vorbereitet. (Für sich)  Oh, Gott, dieser Schweißgestank ihrer Mutter … Und sie sieht ihr so ähnlich. Und wahrscheinlich tickt sie wie sie ... Ach, was geht es mich an, wie sie tickt? Jetzt kannich ihr zeigen, was ich bei den Deutschen erreicht habe. Sie hängt jetzt von meiner Hilfsbereitschaft ab! Ich zeige ihr, wo es langgeht!

Szene 4

In der Küche, Geschirr klappert.

Meryam : Käse, Humus, Oliven … Das Fladenbrot habe ich aufgewärmt … Latifah, kannst du bitte dieses Ding beiseite legen? Das nervt mich.

Latifah : Ich muss meinen Freundinnen mitteilen, wo …

Meryam (streng) : Latifah, vergiss deine Scheinfreundinnen in diesem Ding da! Wo waren sie, als du in der Gosse gelandet bist? Warum hat dich niemand von ihnen aufgenommen? Ich will nicht, dass deine Freunde und Verwandte erfahren, wo du jetzt wohnst. Kein Kontakt zum alten Leben! Verstehst du!

Latifah : Das kannst du mir nicht verbieten, du bist nicht meine Betreuerin. Das ist Annes Schwester.

Meryam : Ich habe dich nicht freiwillig aufgenommen.  Aber jetzt bin ich für dich verantwortlich. Du bist noch so jung. Die ganze Zukunft liegt vor dir … Und wir müssen überlegen, wo wir anfangen sollen … Ich denke, du kannst mit einem Therapeuten aus dem Verein deine Vergangenheit aufarbeiten, aber, wenn du möchtest, können wir, du und ich, zusammen deine Zukunft planen. Verstehst du, was ich meine?

Latifah : Nein. Ich weiß nicht, warum sie mich hierher gebracht haben ... Ich habe das nicht gewollt.

Meryam : Meine Freundin Anne hat das so gewollt. Auf dem Papier sind wir, du und ich, Schwestern. Du bist minderjährig und du musst zurück zur Schule.Ich hoffe, bei dir sind ein paar gesunde, graue Zellen  übriggeblieben.

Latifah: Was redest du da? Was für eine Schule?

Meryam : Setzt dich … Jetzt essen wir in Ruhe. Was möchtest du trinken? 

Latifah : Wo kaufst du ein? Gibt es hier einen Halal-Laden?

Meryam (ironisch) :Halal, mein Gott dieses Wort habe ich fast vergessen. Was ist "halal" überhaupt? Was bedeutet das?

Latifah : Es bedeutet … wie kann man das übersetzen? Das ist etwas Schönes.

Meryam : Etwas Schönes? So hab ich das nie erlebt. Halal ist sehr grausam. Euer "halal" erlaubt, Schwächere zu unterdrücken, ungehorsame Töchter und Schwestern totzuschlagen, jedem zu diktieren, wie er zu leben hat!

Latifah : Halal ist, bei unseren Leuten einzukaufen.

Meryam : Weißt du, was mir eine Bosnierin gesagt hat, die bei uns in der Kanzlei aushilft … Sünden gehen nicht in den Mund, sondern aus dem Mund. Sie erzählte mir, dass ihre fromme Schwiegermutter den Pascha-Sohn angestiftet hat, sie zu verprügeln … Frauen gehen harsch mit den schwächeren Frauen um … Was ist mit dir, hast du auch viel Prügel bekommen, von deiner Mutter oder deinem großen Bruder?

Latifah (empört) : Nein, was redest du da? Mein Bruder war mein Idol! Meine Mutter … vergötterte uns Kinder.

Meryam : Nur mich hatte sie gehasst, weil ich nicht zuließ, mir mein Gehirn herauszuoperieren. Weil ich normal leben wollte. Pause Lassen wir die Vergangenheit ruhen. Auf dem Tisch steht das Abendbrot. Was isst du da?

Latifah : Datteln, sie sind halal … Die habe ich in einem arabischen Laden gekauft, wie meine Mutter.

Meryam : Okay, du hast gesiegt! Ich kann dich nicht verhungern lassen. Auf dem Weg zu meiner Kanzlei gibt es einen arabischen Laden, der heißt "Halal".  Morgen gehen wir dorthin einkaufen.

         

 

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