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Safeta ObhodjasSafeta Obhodjas

Tanz auf Europas Pulverfass

Veröffentlicht am 26.06.2021

Das war einmal eine multikulturelle Čaršija

 Roman

 Tania Fajoli


Es sind die Frauen, die den Takt, die Stimmung und die Handlung in diesem
wunderschönen Roman ausmachen. Es sind Vildana und Sandra, die in einer erfundenen Stadt, in einem sehr realen Jugoslawien, bis zum Ausbruch des Bosnienkrieges leben.
Die Autorin Safeta Obhodjas lässt ihren großen Roman mit einem unerwarteten Aufeinandertreffen in Deutschland beginnen. Zwei Flüchtlingsfrauen in einer Kleiderkammer, den Schwestern in Not. Sandra, verzweifelt, hat ihren Koffer verloren, braucht dringend neue Kleidung, nichts passt, sie ist so dünn geworden. Es gibt Abhilfe, wird ihr beschieden, da hinten in einer Kammer sitzt eine Schneiderin, die kann gut nähen, die ändert die Kleidung, dass sie passen wird. So treffen sich Sandra und Vildana Mulić wieder, Kinderfreundinnen aus der kleinen Stadt Čaršija.
Die zeitliche Strecke, die in dem epischen Gesellschaftsroman zurück gelegt
wird, beginnt im Vielvölkerstaat Jugoslawien und endet nicht an der Schwelle des Bosnienkriegs, sondern dahinter. Das Städtchen Čaršija, nicht mehr Dorf, aber noch nicht Stadt, ist ein Schmelztiegel, die Menschen mögen sich, und wie in einer Kleinstadt nicht vermeidbar, wissen sie alles voneinander. Aber die verschiedenen Herkünfte produzieren keine unterschiedlichen Lebensgeschichten mehr, sie blitzen lediglich auf in Scherz- und Schimpfworten oder in Diskussionen, weil die Mädchen mit ihrer Rädelsführerin Vildana aus der folkoristischen Tanzgruppe serbische
Frauentänze ablehnen. Es hat den Anschein, als hätten die unterschiedlichen Nationalitäten und Glaubensbekenntnisse keinen realen Einfluss mehr auf die Menschen.
Aus zwei Perspektiven erfüllt sich die Geschichte um einen Ort und die
Menschen, die dort leben. Der Blickwinkel von Sandra, der Fotografin, ist
zurückgenommen, fast distant, so als wäre immer das Objektiv zwischen
Beobachtender und Abgebildetem. Sandras Hauptaugenmerk gilt Vildana, für deren hochfahrende Art sie eine Art Hassliebe empfindet. Sandra widmet, bevor sich die Blende für den Ort Čarsija endgültig schließt, lange
Augenblicke dieser kosmopolitschen Kleinstadt, erfasst Bewohner genau in
ihren Eigenheiten, schildert das Leben, das Besim, Vildanas Vater, zu dem
Ausspruch motiviert: „…-So was kann man nirgendwo in Europa finden.
Gemütlich lebt bei uns sogar ein Donauschwabe – wiederholte er in jedem Interview, dass er als Bürgermeister … gab. ….“
Die lebendigere Sicht gehört zu Vildana. Ihre Familie, die Mulićs, sind eine
alteingesessene, früher reiche Familie muslimischen Ursprungs. Besim, der
Vater ist  Bürgermeister, die Mutter Edina Leiterin der Volkshochschule,
Vildanas Bruder Amar, angehender Arzt. So weit, so toll. Vildana, die
Modeschöpferin werden möchte, ist stolz auf ihre Familie, sie gibt in der
Tanzgruppe und unter ihren Freundinnen den Ton an; sie genießt ganz offen die herausgehobene Position der Mulićs mit dem größten und schönsten Haus in der Stadt. Alle lieben Vildana. Meint sie.
Bedrückend genau dekliniert Safeta Obhodjas am Beispiel von Čaršija, wie
Miteinander auseinander brechen kann. Wie zuerst vermeintliche Gegensätze betont werden. Wie diese Gegensätze zu Formeln gerinnen, christlich, muslimisch, was immer. Jeder muss etwas sein. Tanz auf Europas Pulverfass zeigt am Beispiel von Vildana, wie Menschen durch Zuschreibungen separiert werden.
Dieser Roman spart nicht die Gewalt des sich anschließenden Bosnienkrieges aus, sondern zeigt erdrückenderweise auch, wie perfide
nebenbei Rechnungen beglichen wurden. Ein wichtiges Buch.

Link zum Buch:

https://www.epubli.de//shop/buch/Tanz-auf-Europas-Pulverfass-Safeta-Obhodjas-9783754131633/114877?utm_medium=emailutm_source=transactionalutm_campaign=Systemmail_PublishedSuccessfully

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