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Safeta ObhodjasSafeta Obhodjas

Theorie und Praxis

Veröffentlicht am 10.03.2021

Warten auf den„man“-Messias

Wer kümmert sich um die muslimischen Frauen?

 

Seit etwa zwei Jahrzehnten sind viele wirkliche und selbsternannte Freidenker aufgetreten, die in der Medienlandschaft  als kompetente Islam-Experten und Kenner der gesellschaftlichen Zerwürfnisse fungieren. Sie arbeiten gewöhnlich in Hochschulen und tragen die höchsten akademischen Titel. Sie haben das Privileg, sowohl ihre Erfahrungen als auch ihre Analysen der Situation in den ghettoisierten muslimischen Gemeinden an die Öffentlichkeit zu bringen. Dafür stehen ihnen alle möglichen Medien zur Verfügung. Ihre Berichte registrieren übereinstimmend eine auf der Strecke gebliebene Integration (und fordern verstärkte Bemühungen). Man kann sie kaum voneinander unterscheiden. Sehr gefragt sind sie immer dann, wenn die Gesellschaft wieder einmal durch grausame Taten zugewanderter junger Männer erschüttert worden ist, handle es sich um Terrorattacken irgendwo in Europa oder um Vergewaltigungen und Ermordungen junger deutschstämmiger Mädchen und Frauen.

Die Liste solcher in der Öffentlichkeit stehenden Forscher und Analytiker ist nicht lang. Ich könnte ihre Namen rasch aufzählen. Aber das unterlasse ich, denn sie sind ohnehin gut bekannt.

Natürlich gibt es auch viele Forscher, Publizisten und Journalisten mit  deutschen Namen, die immer wieder das Scheitern der Integration feststellen, ganz ähnlich wie die eingedeutschten Denker und Analytiker.

Als Schriftstellerin versuche ich zum einen, die Situation der Menschen, die ihre Herkunft mit der Orientierung an den sogenannten Werten der deutschen Gesellschaft vereinbaren wollen, in meinen Werken kritisch zu erfassen. Zum anderen bemühe ich mich, aufklärende Kulturprojekte zu entwickeln und diese an die Alltagswelt der Zugewanderten und ihrer Nachkommen heranzutragen. Das liegt mir besonders am Herzen, zumal ich zeit meines Lebens immer wieder mit einem doppelten Dilemma der Zugehörigkeit konfrontiert war, nämlich dem meiner slawischen Herkunft und dem meiner muslimischen Wurzeln. Hinzu kam die Weiterbildung in der deutschen Sprache und Kultur – ich halte mich seit Jahren für ziemlich eingedeutscht. Ich fühle mich innerlich getrieben, etwas zu tun, um die verhängnisvolle Situation nicht nur zu beschreiben, sondern auch zu ihrer Überwindung beizutragen.

Deshalb versuche ich seit Jahren, solche oben erwähnten Forscher, Kenner, Analytiker, Journalisten, Publizisten zu kontaktieren, meist per E-Mail oder telefonisch, in der Hoffnung, dass sie meine Berichte, Vorschläge und Anregungen wahrnehmen. Wahrscheinlich bin ich ihnen lästig, zumal ich sie stets frage, was wir an der Basis unternehmen können, um endlich die Tür zur Integration zu öffnen, insbesondere für diejenigen, die schon jahrzehntelang in diesem Land leben. Auf meine Initiativen mit dem Schwerpunkt „Frauen und Nachwuchs“ erhalte ich nur sehr selten eine Antwort. Ab und zu landet in meinem Postfach ein Schreiben  mit einem knappen Dankeschön für meine Informationen: Sie seien sehr wertvoll. Manchmal gibt man mir auch das Versprechen, meine Werke weiterzuempfehlen, obwohl ich gar nicht darum gebeten habe.

 

Wer ist und wo befindet sich jenes „Man“, das alles richten soll?

 

Die Liste meiner Adressaten ist lang. Hier möchte ich nur einen meiner gescheiterten Versuche darstellen, in dem sich meine ganze Frustration wegen der Blockade an der Basis offenbart.

Nach dem grausamen Tod von mehreren Mädchen und jungen Frauen, ermordet durch junge Männer aus anderen Kulturen, wurde eine Islam-Expertin und Forscherin, Frau Dr. Sch., von vielen Medien um eine Beurteilung gebeten. Ich zitiere zwei Aussagen von ihr, die mich dazu bewegt haben, ihr zu schreiben:

„Viele junge arabische Männer sehen Frauen als ‚reine Sexobjekte‘, mit denen man tun kann, was man möchte.“

 Und dann erläutert sie, was aus ihrer Aussage folgt:

„Darüber hinaus geht es natürlich auch darum, dass all das, was ja bei uns auch in langen und zähen Auseinandersetzungen schwer erkämpft worden ist, nämlich die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, beileibe keine Selbstverständlichkeit ist, auch nicht in unserer eigenen Geschichte, dass das jetzt natürlich auch verteidigt werden muss gegenüber Zuwanderern, die nicht davon überzeugt sind, dass Frauen und Männer die gleichen Rechte haben.“

Ihre Aussagen haben mich nicht nur erschüttert, sondern auch empört, zumal Frau Dr. Sch. nur die deutschen Frauen, die von arabischstämmigen Männern als „Sexbeute“ wahrgenommen werden, im Sinn hatte. Ich konnte das nicht einfach auf sich beruhen lassen. Deshalb schrieb ihr die folgende E-Mail:

 „Sehr geehrte Frau Sch.,

ich bin eine eingedeutschte Schriftstellerin mit slawisch-islamischen Wurzeln. [….]  Ich schreibe Ihnen bezüglich Ihrer Äußerung, dass es jetzt sichtbar geworden sei, was für ein Frauenbild die jungen zugewanderten Männer aus anderen Kulturen hätten.

Ich bin ganz Ihrer Meinung, jetzt weiß jeder, nicht nur die AfD, wie sie ticken, sich untereinander schlagen, null Respekt vor allem haben, wie sie prügeln und töten. […]

Wenn Sie aber als Forscherin in diesem Gebiet tätig sind, wissen Sie sicher, dass alle diese Grausamkeiten gegenüber Frauen schon vorhanden waren, aber unsichtbar, in den Parallelgesellschaften, wo die deutsche Öffentlichkeit sie sehr selten wahrnahm oder komplett ignorierte.

 Sie wissen sicher, wie viele Mädchen gezwungen werden, ihre Cousins zu heiraten, um dann von denen vergewaltigt zu werden. Wie viele Mädchen sich umbringen, weil sie nicht so leben wollen. Oder sie wurden von der eigenen Familie umgebracht, nur weil sie einen Freund aus anderen Kulturen hatten. Vor einigen Jahren hat Dr. Meryam Schouler-Ocak eine Aktion in Berlin gestartet: ‚Beende Dein Schweigen, nicht Dein Leben.‘ Das hat nicht viel geholfen, die deutsche Gesellschaft hat sich wenig darum gekümmert, die Rechte der zugewanderten Frauen zu stärken. Zu den ewig Gestrigen, die schon vorhanden sind, kommt vielleicht noch eine Million junge Männer dazu, die von dieser Kultur keine Ahnung haben. Ich lebe an der Basis und ich bin sicher: Ihre Sozialisation kann nicht nur durch Forscher, durch Sichtbarmachung oder die Diskussionen in den Talkshows stattfinden. Welche Krankheit könnte man nur durch Diagnosen, aber ohne passende Medikamente heilen? Diese Frage habe ich persönlich an zahlreiche deutsche Institutionen und Redaktionen gestellt und wurde immer wieder mehr oder weniger unfreundlich abgewiesen. Besonders grob und herablassend von den engagierten deutschen Frauen.

     Mit vielen freundlichen Grüßen und auch Wünschen für eine Zusammenarbeit.

     Um der jungen Menschen auf beiden Seiten willen.

             Safeta Obhodjas“

 

Ein paar Tage später erhielt ich folgende  Antwort von ihr:

 

„Liebe Frau Obhodjas,

haben Sie vielen Dank für Ihre Rückmeldung. In der Tat haben wir dieses Problem seit vielen Jahren. Ich hoffe, dass man es endlich mal angeht.

Beste Grüße S. Sch.“

 

Meinen Wunsch nach einer Zusammenarbeit hat sie übersehen. Das war zu erwarten. Von solcher Ignoranz kann ich seit Langem ein Lied singen. Aber ihre Hoffnung, dass man “es endlich mal angeht“, hat mich wirklich niedergeschlagen. Seit Jahren suche ich nach diesem „Man“, das die Versäumnisse von mehreren Generationen wiedergutmachen kann! Wo steckt es, wie können wir es finden? Wessen Job ist das, wer soll es endlich angehen?

Ich gebe gern Auskunft über die Institutionen, bei denen ich nach diesem „Man“ gesucht habe. Früher, bis vor sechs, sieben Jahren noch, waren das Schulen, die meine Lesungen und Theaterworkshops organisierten, auch weil ich mit den Schülern über die Problematik der Integration diskutierte. Dann gaben die Schulen ihre aufklärerische Rolle auf, überfordert von den Schülern, die von ihrer Weltanschauung und der Ablehnung der deutschen Gesellschaft in ihren traditionstreuen Familien und radikalen islamischen Moscheen geprägt waren. In den Schulklassen bin ich seit mehreren Jahren nicht mehr willkommen, weil ich mit meinen Themen nur Unruhe stifte.

 Ich gab nicht auf und schrieb an viele Gleichberechtigungsstellen der Universitäten, in denen auch viele Studenten aus zugewanderten Familien studieren. Ich schlug Ihnen Workshops zum Thema „Die Lage oder die Rolle der Musliminnen in den Familien und der Gesellschaft“ vor. Einige Gleichberechtigungsstellen ignorierten mich, andere teilten mir kurz mit, dass sie über keine Logistik für einen solchen Workshop verfügten. Dann sprach ich mehrere politische Stiftungen an, mit der Bitte, mein Vorhaben logistisch zu unterstützen. Sie bedankten sich für meine Informationen über die Situation an der Basis und waren so höflich, mir zu versichern, dass sie meine Werke weiterempfehlen wollten. Hätten Sie das ernstgemeint, wäre ich heute längst eine literarische Berühmtheit.

 Dann schrieb ich an Dutzende Institutionen und Vereine in Städten und Gemeinden, die sich auf ihre Integrations- und Bildungsarbeit viel zugutehielten. Bei den ersten Kontakten fanden die betreffenden Leiter meine Initiativen und Themen sehr verdienstvoll: Ja, man müsse unbedingt in aller Offenheit über die Emanzipation der Frauen aus anderen, insbesondere islamisch geprägten Kulturen sprechen, das Selbstbewusstsein der Frauen stärken, Männer und Frauen gemeinsam aufklären. Nach so viel Offenheit hoffte ich, zu irgendeiner Art von Zusammenarbeit eingeladen zu werden – und wurde wieder enttäuscht. Wenn ich nachhakte und nach dem Grund für ihr Schweigen fragte, antworteten sie mir, dass sie kein Personal für so ein breit angelegtes Projekt hätten. Manchmal waren die Mitarbeiter ehrlich und schrieben, dass sie mit einem so heiklen Thema die türkische Gemeinde, mit der sie gut kooperierten, nicht konfrontieren wollten. Ja, ich weiß, sie kooperieren bei den Feiern der kulturellen Vielfalt, wenn die Jungs Fußball spielen und die türkischen Frauen ihre Spezialitäten auftischen …

Ich habe dann einige türkische, alevitische und kurdische Kulturvereine angeschrieben, ohne große Hoffnung. Aber es war mir wichtig zu erfahren, ob sie für Anregungen von außen aufgeschlossen waren. Die alevitischen und kurdischen Vereine haben mich fast völlig ignoriert. Nur aus einem türkischen Kulturverein kam ein positives Signal. Sie wollten mich einladen, zumal die Türken die Bosnier sehr schätzten. Man hieß mich im Verein Anadolu willkommen – aber nicht bedingungslos. Die dort engagierten Frauen sagten mir im Vorgespräch, dass eine Kritik an den türkischen Verhältnissen tabu sei. Ich sei doch keine deutsche Besserwisserin, sondern eine von ihnen. Sie wünschten sich einen Vortrag über die Verbundenheit zwischen Bosnien und der Türkei, im Sinne der guten alten Zeiten des Osmanischen Reiches. 

Seit mehr als zwanzig Jahren stehe ich auf verlorenem Posten und suche nach jenem „Man“, das im Namen der Integration agiert. Deshalb bitte ich alle prominenten Islam-Experten, Forscher, Analytiker, Publizisten und Journalisten, mir zu erklären, wessen Job es ist, die weitere Ghettoisierung zu verhindern und die bestehenden Parallelgesellschaften abzubauen. 

 

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