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Safeta ObhodjasSafeta Obhodjas

Unterdrückung durch politische Korrektheit

Veröffentlicht am 30.04.2021

Eine vollkommene Kontrolle ist das Schicksal von vielen Musliminnen im Heute und Hier

 

Neulich erzählte eine Kollegin von mir in einer renommierten Kultursendung im Fernsehen von ihrem neuen Krimi dessen Inhalt ich teilweise kannte. Darin geht es nicht um das gegenwärtige Leben der menschlichen Spezies. Es scheint, dass die realistischen Problemedes Daseins keine Herausforderung für die Phantasie dieser Schriftstellerin darstellen. Das Buch handelt von einer Großstadt in Deutschland, wo eine ideale Gesellschaft aus der Zukunft lebt. Sowohl der öffentliche als auch der private Bereich sind vollkommen reguliert und überwacht, von wem auch immer, aber dieser jemand hat so viel Power, dass er die Grenzen schließen kann, wann immer er das will, und er ist fähig jedem Stadtbewohner alles zu schenken, was dieser zu einer gemütlichen Existenz benötigt. In dieser Stadt ist alles vorhanden außer Freiheit. Ein Kriminalfall in so einer idealen, geschlossenen Welt, das kann man sich schwer vorstellen.

Ich hörte sie reden und erinnerte mich an ein reales Treffen mit dieser Frau, an ein Gespräch, das viel absurder endete als das, was sie in der Sendung von ihrem futuristischen Roman präsentierte. Sie arbeitete auch als Lektorin in einem kleinen Verlag und deswegen kannte sie einige meiner Bücher. Vor diesem Treffen in Berlin hatte sie sich am Telefon als großer Fan meines literarischen Stils ausgegeben. Ich habe mich so gefreut, endlich einen richtigen Kontakt zu jemandem aus der Literaturwelt zu haben. Sie wünschte auch eine Begegnung live und bald bekamen wir eine Chance uns zu treffen, weil ich zu einem Festival nach Berlin eingeladen war. Ich träumte davon, ihr von meiner Arbeit an der Basis zu erzählen, von den Lesungen an den Schulen, von den Auftritten in den Multikulti-Vereinen, aus denen ich letztendlich mein Schreibmaterial schöpfte.

Ihre Begrüßung war jedoch viel distanzierter als ich es mir vorgestellt hatte. Es war ein sehr heißer Tag, und wir konnten nicht gleich ein Café mit einer Terrasse im Schatten finden. Sie hatte nicht viel Zeit, musste gleich zu einem anderen Termin, deshalb gaben wir die Suche auf und landeten in einer ungemütlichen Imbissbude. Unser Gespräch begann sehr holperig. Sie zeigte keinerlei Interesse an meiner Arbeit, viel lieber erzählte sie von ihrer, von dem Verlag, in dem sie ihr Geld verdiente. Dann begann sie mir den Inhalt ihres neuen Kriminalromans zu schilden. Ich fühlte mich in meiner Zuhörerrolle unwohl, ohnehin konnte mir dieses Genre gestohlen bleiben. Als sie begann von den Menschen zu reden, die bald unter vollkommener Kontrolle des digitalen, selbst erschaffenen Monsters würden leben müssen, entschied ich mich, sie zu unterbrechen, und ihr etwas von unserer kontrollierten Realität zu erzählen.

"So eine vollkommene Kontrolle ist das Schicksal von vielen Musliminnen im Heute und Hier. Zuerst kontrollieren sie sich gegenseitig, gerade Frauen haben diese Sozialkontrolle in den Parallelgesellschaften sozusagen perfektioniert. Es geht so weit, dass sie kontrollieren, wo ihre Nachbarinnen einkaufen: stammen ihre Halal-Lebensmittel in ihren Tüten aus den türkischen und arabischen Läden? Sie meinen, es sei Haram, in den deutschen Supermärkten einzukaufen. Die ständige Kontrolle innerhalb einer Familie ist eine noch höhere Stufe. Und es passiert oft, wenn Mädchen oder jung verheiratete Frauen dazu neigen, mit ihren eigenen Köpfen zu denken und sich "ungehorsam" aufzuführen, dass ihre Männer sogar geheime Kameras im Haus installieren. Jahrelang leben sie praktisch in einem Big-brother Käfig. Solche Umstände habe ich nicht erfunden; mehrere Sozialarbeiterinnen und Frauen, die sich in den Integrationszentren engagieren, haben mir davon berichtet."

Während ich redete, hielt meine Kollegin ihren Kopf gesenkt. Ich hatte das Gefühl, sie würde am liebsten ihre Ohren verstopfen, um mir nicht zuhören zu müssen. Als sie den Blick erhob, sah ich, dass mein Gerede sie aufgewühlt hatte.

"Ich rate dir aufzupassen, was du redest und schreibst. Ich habe einige deiner Texte im Internet gelesen, und fragte mich schon, was für eine Weltanschauung du hättest. Ehrlich, viele Leute werden denken, dass du mit der NPD sympathisierst, mit denen die jeden Tag gegen den Ausländer hetzen.  Als ob du mit einem Türken, der da nur rechte Propaganda verbreitet, unter einer Decke steckst."

"Aber du hast von Kontrolle gesprochen, von einer zukünftigen, hypothetischen, und ich wollte sagen, dass sie für viele Musliminnen in diesem Land eine Realität ist."

Sie wollte nichts mehr von mir hören, nicht dieses Mal und nie mehr später. Alle meine Versuche, ihr etwas nach unserem Treffen per E-Mail zu erklären, scheiterten.

 Am Ende dieser TV-Sendung, in der sie ihren futuristischen Roman vorstellte, erklärte sie, wie sie sich eine ideale Gesellschaft vorstellte:

"Eine Gesellschaft, in der es keine Diskriminierung und Gewalt gegen Schwächere gibt, in der Menschen ohne Rücksicht auf ihre Hautfarben, ihre sexuelle Orientierung oder politische, ideologische und religiöse Überzeugung, in Ruhe zusammenleben." Ich hätte meine Kollegin so gerne angerufen und ihr gesagt: "Du hast die erste Lektion aus dem Lehrbuch der linken Ideologen vorgetragen. Aber niemand von euch kann uns beibringen, wie sich eine Gesellschaft auf solchen Prinzipien aufbauen lässt. Das einzige Praktische, was ihr virtuos beherrscht, ist, die Augen vor der Realität zu schließen und eure Nazi-Keule zu schwingen, sobald jemand versucht, euch die Wahrheit zu offenbaren."

Aber natürlich, ich kann sie nicht anrufen, sie will mit einer Realistin wie mich, gar nicht reden.

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