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Safeta ObhodjasSafeta Obhodjas

Zwiegespräch am Wupperufer mit Helene Stöcker

Veröffentlicht am 10.04.2021

Ketten reißen nie von selbst

Dr. Helene Stöcker, Frauenrechtlerin, Publizistin und Philosophin, kam 1869 in Wuppertal zur Welt. 1933 trieben die Nazis diese überzeugte Pazifistin ins Exil.  Danach wurde sie ausgebürgert und man erkannte ihr den Doktortitel ab. Sie starb 1943 in New York, im Exil.

 Ich musste Bosnien und Herzegowina wegen der Vertreibung der nicht serbisch stämmigen Bevölkerung verlassen, die 1992 die serbischen Nationalisten in meinem Heimatland durgeführt hatten. Nach der Ankunft in Deutschland fand ich ein Refugium in der Geburtsstadt von Helene Stöcker. Eines Tages entdeckte ich bei einem Spaziergang ein Ufer, das ihren Namen trug. Das weckte meine Neugier. Wer war diese Frau, die man in Wuppertal nur durch die Namensgebung einer kurzen, einsamen Strecke entlang der Wupper geehrt hatte?

Beim Erforschen ihres Lebenslaufs und ihrer Werke in der Stadtbibliothek entdeckte ich, wie wichtig ihre Mission sowohl für die Frauenbewegung als auch für Menschenrechte war. Fast unbewusst begann ich einen Dialog mit ihr, indem ich unsere persönlichen Schicksale im Rahmen der Weltumwälzungen der jeweils erlebten Zeiten nebeneinander stellte. Irgendwann zeichnete ich unser Zwiegespräch am Wupperufer auf und gab ihm den Titel Ketten reißen nie von selbst. Hier lade ich meine Leser ein, ein bisschen an unserem Austausch teilzunehmen.

 

Helene S. trifft Safeta O. Ein Zwiegespräch am Wupperufer

Musik – Einleitung

 SZENE 1

Safeta sitzt am Laptop, tippt. Sie ist konzentriert, murmelt etwas vor sich hin. Dann nimmt sie ein Buch, blättert darin Das kann nicht sein! Helene, die Zeit ist wie im Flug vergangen. Vor fünfzehn Jahren haben wir mit unseren Zwiegesprächen angefangen, Helene.

Helene kommt aus dem Halbdunkel, mürrisch Darf ich dich fragen, von welcher Tarantel du jetzt gestochen bist, um wieder mal meine Gesellschaft zu suchen? Damals hast du dich über Einsamkeit beklagt und in einer Kiste … deutet auf den Laptop, überrascht Warte, damals hattest du eine große Kiste vor dir, nicht so ein kleines Ding wie jetzt. Du hast auch in einem Buch gelesen, ein Buch voller Frauennamen, die ich sogar kannte … Wie hieß das Buch noch mal? Ach ja, „Lexikon der Rebellinnen“. 

Safeta ironisch Du hast ja ein langes Gedächtnis! Das stimmt! Blättert im Buch Durch dieses Lexikon habe ich auch von der ersten promovierten Philosophin Deutschlands erfahren. Jetzt ist dein ganzes Leben in meiner kleinen Kiste aufgezeichnet: Helene Stöcker, geboren vor genau 150 Jahren in Wuppertal. Höhere Töchterschule. Studium der Literaturwissenschaft in Berlin.  Gründerin des Bundes für Mutterschutz … Frauenrechtlerin, Friedenskämpferin, Vermittlerin zwischen den Geschlechtern, Herausgeberin von Zeitschriften. Flucht vor den Nazis über die Schweiz, Schweden, Russland nach Amerika ... 

Helene Stopp! Was willst du heute von mir, an meinem Geburtstag? Führ  deine Monologe mit dir selbst!

Safeta Das sind keine Monologe sondern Zwiegespräche. Siehst du, ich lebe immer noch in deiner Geburtsstadt Wuppertal ...

Helene Ich bin aber in Elberfeld geboren.

Safeta Das weiß ich, das ist jetzt Wuppertal, seit länger als hundert Jahren schon.

Helene energisch Elberfeld, Wuppertal, was auch immer, ich habe nicht lange in dieser Stadt gelebt.

 Safeta Das weiß ich auch. Aber deine Stadt erinnert sich ab und zu an dich. Und ich, eine Eingedeutschte, tanke bei dir meine Kraft auf … Wie kann ich dir das erklären? Du warst eine großartige Theoretikerin, aber gleichzeitig auch eine Praktikerin. Zum Beispiel beim Mutterschutz hast du Menschen zum Umdenken bewogen ...

Helene Aber mein Engagement als radikale Pazifistin nach dem Ersten Weltkrieg erwähnst du kaum, und zwar ohne parteiliche und weltanschauliche Bindung ... Darauf lege ich großen Wert!

 Safeta Entschuldigung ... Aber um dir die Wahrheit zu sagen, deinen radikalenPazifismus kannst du dir heutzutage in die Haare schmieren …

Helene Wie kannst du so etwas behaupten? Ich hatte so viele Gleichgesinnte nach dem Ersten Weltkrieg …

 Safeta Ach ja. Einige Namen deiner Gleichgesinnten kenne ich sogar, aber ihr habt nicht einmal den Zweiten Weltkrieg verhindern können ...

Helene irritiert Gibst du uns die Schuld dafür? ...

Safeta Es ist ja gut … nein! Ich beneide dich, du hattest deine Prinzipien. Ironisch Du wolltest die Welt retten. 

 Helene Und was willst du? Bist du etwa auch eine Rebellin geworden? Und in einem modernen „Lexikon der Rebellinnen“ gelandet?

Safeta Ach, nein! Ich habe dir schon gesagt, auf dem Balkan wachsen nur brave Frauen auf. Ist das nicht traurig? Und ich ...

 Helene ironisch Ach, und deswegen weckst du mich immer wieder, weil du immer noch keine lebendige Zuhörerin gefunden hast für deine Klagen? Aber ich weigere mich, immer demselben Jammer der Frauen zuzuhören.

Safeta gekränkt Ich muss mit jemandem reden. Ich bin es leid, immer alleine an meinem Schreibtisch zu hocken.

Helene Was ist aus dir geworden? Keine Philosophin, keine Rebellin, keine ...

 Safeta Das weißt du ja schon. Seit unserem Zwiegespräch vor vielen Jahren hat sich  meine Bibliografie nur verlängert. Stolz Schau mal hier, auf dem  Bildschirm … Das sind meine neuen Werke.

Helene Bildschirm? Hmm  … Du meinst dieses kleine Ding da?Liest Safeta Obhodjas stammt aus Bosnien und Herzegowina. Überlegt Wo ist dieses Land? Ach ja, auf dem Balkan ... Ihre slawische Herkunft und ihre muslimischen Wurzeln brachten sie in ein doppeltes Dilemma der Zugehörigkeit, die sich in ihren ersten Werken widerspiegelt. Ende 1992 muss sie aus ihrer Heimat fliehen, um der von den serbischen Politikern gesteuerten „ethnischen Säuberung“ zu entgehen. Seither lebt sie in Wuppertal. Schreibt zweisprachig, Deutsch und Bosnisch. Deutsch? Donnerwetter!

 Safeta lacht Ja, ich bin eingedeutscht, wie man heutzutage sagt, auch durch deine Texte und deine Lehre. Wollen wir nicht unser Zwiegespräch fortsetzen?

HeleneTja, was es nicht gibt in dieser Welt. Eine Philosophin aus dem vorigen Jahrhundert und eine Literatin von heute können nicht aufhören, sich auszutauschen. Aber hier, in deiner Bude ist es so eng und langweilig.

Safeta Ich schlage vor, einen Spaziergang durch Wuppertal zu machen.  Komm Helene, ich zeige dir deine und meine erneuerte Stadt. Du bist hier geboren, ich habe hier meine deutsche Heimat gefunden. Lacht Und meinen Laptop nehmen wir mit.

Helene Warte, warte, nicht so schnell! Mein Hut sitzt ja schon auf dem Kopf. Aber wo ist meine Pelerine, wo ist mein Regenschirm?

Safeta Brauchst du nicht! Im Moment scheint die Sonne. Wir lieben den Klimawandel, wenn wir die mediterrane Wärme  genießen dürfen, und verfluchen ihn, wenn sintflutartige Gewitter über Europa toben.

Helene verlegen Klimawandel? Was redet diese Frau?

Safeta Komm, heute scheint die Sonne! Du wirst sehen, wie lebendig unsere Stadt geworden ist.

 

Szene 2 kommt gleich

 

Musik

 SZENE 2

 Helene verlegen Jetzt erkenne ich noch weniger wieder als das letzte Mal! Wo sind wir? Schwanenstraße? Das kann nicht sein … das ist doch nicht mein Elberfeld!

Safeta Wann warst du zum letzten Mal hier?

Helene Wann? Was weiß ich? Rechne selbst! Du kennst meine Biographie besser als ich.

Safeta leicht ironisch Nachdem du in die Großstadt Berlin gezogen warst, hast du deine kleine Provinzstadt selten besucht.

Helene hört nicht zu Schwanenstraße … Poststraße! Da muss irgendwo das Geschäft meines Vaters sein. Das war Nummer 5. Ich erinnere mich. Ja, vor einem Jahrhundert stand hier sein kleiner Betrieb.

Safeta Es tut mir leid, Helene, aber das Gebäude steht nicht mehr. Du kannst das nicht wissen. In der Zeit, als Deutschland zerbombt wurde, warst du im amerikanischen Exil. Während des Zweiten Weltkrieges haben die Flieger der Alliierten viele deutsche Städte in Schutt und Asche verwandelt. Die Bevölkerung wurde hart bestraft für das, was die Nazis dem Rest der Welt angetan haben. Wuppertal wurde mit Brandbomben übersät. Sogar der Asphalt auf den Straßen brannte.

Helene erinnert sich Gut dass du mich erinnerst!Ich  habe noch im Gedächtnis, dass es hier schon am 1. April 1933 brannte.  Am 1. April 1933 brannten hier die ersten Bücher, sechs Wochen vor der reichsweiten Bücherverbrennung. Tja, in dieser Stadt hatte man es eilig. Scheiterhaufen mit Büchern von “undeutschen Schriftstellern“. Ich bin Deutsche, wie konnte ich undeutsche Bücher verfassen? Kurze Zeit später ging ich ins Exil. Die Nazis vernichteten mir alles. Mein Archiv. Meine Werke. Außerdem wurden mir 1937  Reichzugehörigkeit und Doktorwürde aberkannt.

 Safeta ungeduldig Helene, hör bitte auf. Ich kann und will jetzt nichts vom Krieg hören. In meiner Heimat erlebte ich Krieg am eigenen Leibe. Seitdem ist es noch schlimmer geworden, es brennt weltweit. Im Mittelmeerraum passiert ein menschliches Desaster … Reden wir nicht darüber.

Helene Worüber sollen wir reden?

Safeta Zum Beispiel überdeine Jugend hier in Elberfeld.

Helene Bist du sicher, dass wir in Deutschland sind, in Elberfeld?

Safeta Ja, die Schwanenstraße ist immer noch ...

Helene Ich fühle mich so komisch. Wer sind diese Leute, die sich dort herum treiben? Wer sind diese Frauen, die wie Nonnen … nicht  Nonnen … Ich meine, die so befremdlich gekleidet sind?

Safeta nachdenklich Darüber wollte ich eigentlich auch nicht reden. Das ist politisch zu kompliziert. Weißt du, in den letzten zwanzig Jahren hat sich die Welt komplett verändert.

Helene Wer sind diese Menschen?

Safeta Das sind meist Migranten.Das muss ich dir politisch korrekt erklären. Lacht Aber das ist sehr schwierig, weil ich keine politisch korrekte Autorin bin.

Helene Mein Gott, bist du kompliziert! Korrekt oder nicht korrekt, was soll das? Ich war nie politisch korrekt!

Safeta Diese Menschen sind aus ihren Heimatländern geflüchtet. Sie bringen ihre fremde Kultur und Tradition mit. Diese Frauen haben nie etwas von deiner neuen Ethik gehört, von deiner Lehre über das Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper und ihre Sexualität. Sie hatten nie Aufklärerinnen deines Formats. Warum kannst du nicht noch ein paar Mal wiedergeboren werden und das weltweit?

Helene lacht Ach, wirklich? Wer kennt in Deutschland meine Schriften?Wurde in Wuppertal eine Straße nach mir benannt? Gibt es eine „Helene-Neue-Ethik-Straße?“

Safeta schmunzelt Nein.Aber nach dir wurde ein Wupperufer benannt. 

Helene Oh, ein Ufer?!.. Ein Ufer … immer schön abseits. Kennt denn überhaupt jemand dieses Ufer?

Safeta verlegen Vergiss das Ufer! Du hast vor ein paar Jahren ein Denkmal bekommen. Nicht so groß, aber sehr philosophisch, mit Hut und … eine Plastik aus Bronze, entworfen von der berühmten Bildhauerin Ulle Hees. Komm, das ist nicht weit weg, wir verneigen uns vor Helene Stöcker in Bronze.

Helene Warte, nicht so schnell … Ich bin so alt. Das kann nicht meine Stadt sein, hier ist alles so fremd, so komisch!

Safeta Nehmen wir einen Kaffee TO GO?

Helene Ich möchte nur eine Tasse guten deutschen Kaffees.

Safeta Dann setzen wir uns hier unter den Sonnenschirm.Und ich nehme einen Latte Macchiato...

Helene Schon wieder diese komischen Namen. Das soll ein  Kaffee sein, diese braune  Brühe mit Schaum?

Safeta Meckere nicht. Das ist mein Kaffee. Erzähl mir von deiner Kindheit! Jahrgang 1869 ... Heute würdest du hundertfünfzig Jahre alt.

Helene lächelt Sieht man mir nicht an, oder?

Safeta Hast dich gut gehalten … geistig, meine ich. Über achtzig Jahre älter als ich, und immer noch so jung, so aktuell ... Erzähl mir von deiner Kindheit und Jugend! Du hattest Glück mit deinem Elternhaus, nicht wahr? Erzähle mir jetzt, wovon du als Mädchen geträumt hast.

Musik

SZENE 3

Helene sentimental, Monolog über ihre Kindheit in Wuppertal Schwanenstraße 5. Heinrich Ludwig Stöcker, mein Vater, besaß ein Kurzwarengeschäft mit Werkstatt. Es gab viel Trauer in meiner Familie, weil die Buben jung verstarben. Die Töchter überlebten. Unser Vater gab dann uns Mädchen, was er den Söhnen nicht geben konnte. Meine Eltern waren strenggläubig. Zuhause wurde viel gelesen, meist christliche Literatur. Die konservative Zeitschrift ”Daheim" war unsere Pflichtlektüre. Für mich wie für alle meine Zeit- und Standesgenossinnen war die Zukunft bereits festgelegt. Nach dem Abschluss der Mädchenschule würde ich im Elternhaus bleiben und dort gut behütet auf einen Bräutigam warten. Ich  konnte mich mit dieser Rolle nicht abfinden. Ich wollte über meine Zukunft selbst entscheiden. Heimlich las ich Bücher und Zeitschriften, die nicht meinem Alter entsprachen. Meine Gier nach mehr Wissen konnte ich nur durch viel Lesen stillen. Zum Glück hatte mein Vater Verständnis für meine Strebsamkeit und meinen Wunsch, nicht zu heiraten. Mit Vaters Segen und seiner finanziellen Unterstützung verließ ich 1892 das Tal. Berlin zog mich seit jeher an, zumal es in der Hauptstadt den Frauen erlaubt war, zu studieren. unterbricht plötzlich ihre Erzählung, erinnert sich ... Ach, was erzähle ich da! Es war gar nicht erlaubt. Wir mussten das erkämpfen! spöttisch laut Wir wurden in dieser Zeit an der Universität nur geduldet! Verstehst du, geduldet als Zuhörerinnen, wobei wir von Professoren und Studenten immer wieder verspottet wurden. Ihrer Meinung nach hatten Weiber in akademischen Gefilden nichts zu suchen. Das war kein richtiges Studium, aber immerhin konnte ich dort Gleichgesinnte finden, die bereit waren, zu kämpfen. Zu kämpfen für die Rechte der Frauen, zu kämpfen für das Recht auf ein Studium! Für das Frauenwahlrecht!

Safeta Beruhige dich, Helene, bitte. Du bist hier nicht auf einer deiner Tribünen. Die Leute schauen uns schon komisch an.

Helene Ach was! Schaue dich doch ein bisschen um! Was für Frauen treiben sich denn hier herum? Guck mal dort, diese Frau mit dem Kinderwagen! Warum trägt sie denn um Gottes Willen mitten im Sommer solche schwarzen Gewänder? Eine Nonne ist sie nicht, sie hat doch ein Kind im …

Safeta Helene, das erkläre ich dir ...

Helene Komisch, sagst du, ja die sind komisch. Gleich daneben stehen einige fast nackte Mädchen  … Was tragen sie da? Shorts, Badekostüme … Auf der Straße.

Safeta Nicht so laut, sie drehen sich zu uns um.

Helene Ach was. Ich war immer laut. Das sollen alle hören! Ihr jungen Damen, ihr mit euren nackten Beinen und Bäuchen und großzügigen Ausschnitten, wisst ihr überhaupt … und auch ihr, mit ganzen Ballen Stoff auf euren Köpfen, wisst ihr, dass es euren Großmüttern verboten worden war, zu studieren?

Safeta Ach, Helene, die Zeiten haben sich geändert. Jetzt würde dir niemand mehr folgen. Zu viel Freiheit, oder zu wenig … Du blamierst mich. Gehen wir. Ich möchte dir unsere schönen Anlagen auf der Hardt zeigen ...

Helene Jetzt bergauf? Ich will lieber hier sitzen bleiben.

Safeta Ich weiß, du brauchst das Publikum für deine Predigten. Komm, du musst dich auch ein bisschen bewegen.

 

 

Wenn die Leser sich wünschen, weiter zu lesen, können sie von mir das ganze Stück erhalten.

 

 

 

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