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Safeta ObhodjasSafeta Obhodjas

Hilde Domin (1909-2006) Leben und Dichtung

Veröffentlicht am 31.01.2021

Mit leichtem Gepäck auf der Suche nach der Heimat

 

Ich kann die Story über die Lyrikerin Hilde Domin nicht   beginnen, ohne Ihnen, liebes Publikum, die Situation zu beschreiben, in der mir ihr Name das erste Mal begegnet ist. Das geschah in der Zeit meiner Heimatlosigkeit, und das ist die Verbindung zwischen uns beiden, weil die Dichterin auch länger als zwei Jahrzehnte heimatlos war. Ein Merkmal aller Diktaturen ist, „Menschen wie wir, wir unter ihnen“, wie Domin dichtete, gnadenlos zu vernichten und zu vertreiben.  

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Ex-Jugoslawien als eine Föderation der Südslawen eingerichtet. Diese sozialistische Republik hat man im Westen oft politisch verklärt, indem man sie als ein gelungenes Konglomerat von Religionen und Kulturen bezeichnete. Es ist mir rätselhaft, wie dieses idealistische Bild meiner ersten Heimat entstehen konnte, weil sie im Prinzip eine Diktatur war, in der Ideologie, Zensur und Selbstzensur alle Freigeister – Denker und Künstler – lähmten und mundtot machten. Die Machthaber passten wohl darauf auf, welche Bücher man aus dem Westen, auch aus dem deutschsprachigen Raum, in unsere Sprache übertragen durfte. Die Herausgeber der marxistischen Schriften wurden reichlich unterstützt, und diese Werke stellten die Pflichtlektüre dar, an allen Schulen und Fakultäten. Deutsche Klassik war auch beliebt, von Goethe bis Thomas Mann. Die Werke des Nobelpreisträgers zum Beispiel lieferten eine Menge an Beweisen, dass die Kapitalisten seit eh und je eine verdorbene, dekadente Kaste bildeten, die Arbeiter ausbeutete.

Die Werke von Autorinnen wurden sehr selten übersetzt, außer denen der Sozialistin  Rosa Luxemburg, die mich persönlich nicht interessierten. 

Die Schriftstellerinnen und Denkerinnen der deutschen Sprache waren mir vollkommen unbekannt, und überhaupt hatte ich keine Ahnung davon, wie sich die Kultur in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hatte.

Anfang der Neunziger krachte der Sozialismus in Ex-Jugoslawien zusammen, besonders verheerend und blutig in Bosnie+n und Herzegowina. In einem fast vierjährigen Krieg registrierte die Kriegsstatistik etwa 150 000 Tote, meist Muslime, und eine Million Flüchtlinge. 

Meine Familie hatte mit viel Glück überlebt und Ende 1992 landeten wir in Deutschland, in einem uns total fremden Land. Einerseits waren wir, meine Töchter und ich, dem Schicksal dankbar, weil wir dem Inferno unversehrt entkommen waren. Anderseits aber geriet ich in ein geistiges Vakuum, das ich psychisch kaum ertragen konnte. Ich hatte keine Sprache zum Lesen und ohne Lesen konnte ich mir mein Leben nicht vorstellen. Ein paar absolvierte Deutsch-Kurse reichten aber gerade, um als Haushaltshilfe arbeiten zu können.

Niedergeschlagen und von meiner Sprachlosigkeit gehandikapt, wohnte ich eines Abends 1993 einem Kirchenkreis bei, der im Wohnzimmer einer engagierten, deutschen Familie stattfand. Es ging um humanitäre Hilfe für die Kriegsflüchtlinge in Bosnien. Die Gastgeber und ihre Freunde besprachen die Transportmöglichkeiten für die gesammelten Hilfsgüter in die belagerte Stadt Sarajevo.

Ich konnte kaum verstehen, worüber sie diskutierten. Auf einem kleinen Tisch zwischen zwei Sofas lag ein Gedichtband, den ich gedankenlos aufschlug. Plötzlich las ich Worte, die ich verstehen konnte: „Sisyphus“, das war der Titel eines Gedichts, darunter eine Zeile mit: Variationen, Imperativ, Mallarmé“. Für einige Sekunden fand ich mich in meiner Welt wieder und merkte mir den Namen der Dichterin: Hilde Domin. Ich überflog ihre Biographie und das Wort „Exil“ fiel mir auf. Exil war ein Code, der mir vertraut vorkam.

„Diese Dichterin ist jetzt sehr in“, sagte die Frau, die neben mir saß. „In“, verwundert sah ich mich um, weil ich das als „Hilde Domin ist unter uns“ verstand. Zum Glück sagte ich das nicht laut.

Beim Abschied schenkte mir die Gastgeberin Domins Gedichtband. Es dauerte eine Weile, bis sich mein Deutsch so weit entwickelt hatte, dass ich Domins Gedichte wirklich lesen und verstehen konnte. Aber von Anfang an hatten sie für mich eine heilende Wirkung. Sie weckten mein Interesse für die anderen Dichter, Schriftsteller und Denker Deutschlands, die in der Ära der Nationalsozialisten verfolgt und vernichtet worden waren. Das half mir, meine Probleme zu relativieren, mich aufzuraffen und das Exil als eine Bereicherung zu betrachten.

Nun beginne ich endlich mit ihrer Geschichte, die mich so tief berührt hat, genauso wie ihre Gedichte.

 

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Mein Erzählband "Das Geheimnis - die Frau"

Veröffentlicht am 21.01.2021

  Sarajevo, im Jahr 1982

 Die Freundin

Mein erster Erzählband auf Bosnisch „Die Frau und das Geheimnis“ entstand Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre in Pale, wo ich lebte, und in Sarajevo, wo ich arbeitete. Das waren die ersten Storys, die ich in den unterschiedlichen Kulturzeitschriften und manchmal auch im Rahmen der literarischen Radio-Sendungen publizierte. In dieser Zeit gab es im ganzen serbokroatischen Sprachraum – damals hieß unsere Sprache Serbokroatisch, die später in: Bosnisch, Kroatisch, Serbisch geteilt wurde -, gab es kaum Literatinnen, die die Prosa schrieben, nur ein Beispiel: in der ersten Anthologie der Kurzstorys in Bosnien und Herzegowina (1978) erschienen fast dreißig Geschichten, davon nur drei aus der Feder einer Frau. In den literarischen Werken unserer Männer wurden Frauenfiguren meist stereotypisch dargestellt: entweder als hingebungswolle Mütter, Schwestern, Ehefrauen oder als böse Femme Fatale, die den hilflosen Männern den Verstand raubten und sie ins Unglück verführten. Mit dem Leben unserer Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hatte unsere ganze Literaturszene nichts zu tun, insbesondere nichts mit der Lage der Frauen in der Gesellschaft.  

In meinen Geschichten wollte ich mich mit solchen Stereotypen auseinandersetzen und die Realität meiner Zeitgenossinnen darstellen. Aber bald habe ich begriffen, dass die modernen Themen voller Heimtücken waren; ich musste wohl aufpassen, nicht aus dem Rahmen der ideologischen Korrektheit zu fallen.

An vieles aus dieser Zeit meiner Anfänge als Schriftstellerin kann ich mich gut erinnern aber ein Moment hat sich besonders tief in mein Gedächtnis geprägt.  Als ich die Geschichte „Die Freundin“ schrieb, ist es mir klar geworden, dass es nicht egal war, welche Namen meine Protagonisten im Plot trugen. Die Erkenntnis von damals hat nie aufgehört, ihre Warnung in meinem Hinterkopf auszustrahlen, bis heute.

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Theorie und Praxis

Veröffentlicht am 16.01.2021

Warten auf den„man“-Messias

Wer kümmert sich um die muslimischen Frauen?

 

Seit etwa zwei Jahrzehnten sind viele wirkliche und selbsternannte Freidenker aufgetreten, die in der Medienlandschaft  als kompetente Islam-Experten und Kenner der gesellschaftlichen Zerwürfnisse fungieren. Sie arbeiten gewöhnlich in Hochschulen und tragen die höchsten akademischen Titel. Sie haben das Privileg, sowohl ihre Erfahrungen als auch ihre Analysen der Situation in den ghettoisierten muslimischen Gemeinden an die Öffentlichkeit zu bringen. Dafür stehen ihnen alle möglichen Medien zur Verfügung. Ihre Berichte registrieren übereinstimmend eine auf der Strecke gebliebene Integration (und fordern verstärkte Bemühungen). Man kann sie kaum voneinander unterscheiden. Sehr gefragt sind sie immer dann, wenn die Gesellschaft wieder einmal durch grausame Taten zugewanderter junger Männer erschüttert worden ist, handle es sich um Terrorattacken irgendwo in Europa oder um Vergewaltigungen und Ermordungen junger deutschstämmiger Mädchen und Frauen.

Die Liste solcher in der Öffentlichkeit stehenden Forscher und Analytiker ist nicht lang. Ich könnte ihre Namen rasch aufzählen. Aber das unterlasse ich, denn sie sind ohnehin gut bekannt.

Natürlich gibt es auch viele Forscher, Publizisten und Journalisten mit  deutschen Namen, die immer wieder das Scheitern der Integration feststellen, ganz ähnlich wie die eingedeutschten Denker und Analytiker.

Als Schriftstellerin versuche ich zum einen, die Situation der Menschen, die ihre Herkunft mit der Orientierung an den sogenannten Werten der deutschen Gesellschaft vereinbaren wollen, in meinen Werken kritisch zu erfassen. Zum anderen bemühe ich mich, aufklärende Kulturprojekte zu entwickeln und diese an die Alltagswelt der Zugewanderten und ihrer Nachkommen heranzutragen. Das liegt mir besonders am Herzen, zumal ich zeit meines Lebens immer wieder mit einem doppelten Dilemma der Zugehörigkeit konfrontiert war, nämlich dem meiner slawischen Herkunft und dem meiner muslimischen Wurzeln. Hinzu kam die Weiterbildung in der deutschen Sprache und Kultur – ich halte mich seit Jahren für ziemlich eingedeutscht. Ich fühle mich innerlich getrieben, etwas zu tun, um die verhängnisvolle Situation nicht nur zu beschreiben, sondern auch zu ihrer Überwindung beizutragen.

Deshalb versuche ich seit Jahren, solche oben erwähnten Forscher, Kenner, Analytiker, Journalisten, Publizisten zu kontaktieren, meist per E-Mail oder telefonisch, in der Hoffnung, dass sie meine Berichte, Vorschläge und Anregungen wahrnehmen. Wahrscheinlich bin ich ihnen lästig, zumal ich sie stets frage, was wir an der Basis unternehmen können, um endlich die Tür zur Integration zu öffnen, insbesondere für diejenigen, die schon jahrzehntelang in diesem Land leben. Auf meine Initiativen mit dem Schwerpunkt „Frauen und Nachwuchs“ erhalte ich nur sehr selten eine Antwort. Ab und zu landet in meinem Postfach ein Schreiben  mit einem knappen Dankeschön für meine Informationen: Sie seien sehr wertvoll. Manchmal gibt man mir auch das Versprechen, meine Werke weiterzuempfehlen, obwohl ich gar nicht darum gebeten habe.

 

Wer ist und wo befindet sich jenes „Man“, das alles richten soll?

 

Die Liste meiner Adressaten ist lang. Hier möchte ich nur einen meiner gescheiterten Versuche darstellen, in dem sich meine ganze Frustration wegen der Blockade an der Basis offenbart.

Nach dem grausamen Tod von mehreren Mädchen und jungen Frauen, ermordet durch junge Männer aus anderen Kulturen, wurde eine Islam-Expertin und Forscherin, Frau Dr. Sch., von vielen Medien um eine Beurteilung gebeten. Ich zitiere zwei Aussagen von ihr, die mich dazu bewegt haben, ihr zu schreiben:

„Viele junge arabische Männer sehen Frauen als ‚reine Sexobjekte‘, mit denen man tun kann, was man möchte.“

 Und dann erläutert sie, was aus ihrer Aussage folgt:

„Darüber hinaus geht es natürlich auch darum, dass all das, was ja bei uns auch in langen und zähen Auseinandersetzungen schwer erkämpft worden ist, nämlich die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, beileibe keine Selbstverständlichkeit ist, auch nicht in unserer eigenen Geschichte, dass das jetzt natürlich auch verteidigt werden muss gegenüber Zuwanderern, die nicht davon überzeugt sind, dass Frauen und Männer die gleichen Rechte haben.“

Ihre Aussagen haben mich nicht nur erschüttert, sondern auch empört, zumal Frau Dr. Sch. nur die deutschen Frauen, die von arabischstämmigen Männern als „Sexbeute“ wahrgenommen werden, im Sinn hatte. Ich konnte das nicht einfach auf sich beruhen lassen. Deshalb schrieb ihr die folgende E-Mail:

 „Sehr geehrte Frau Sch.,

ich bin eine eingedeutschte Schriftstellerin mit slawisch-islamischen Wurzeln. [….]  Ich schreibe Ihnen bezüglich Ihrer Äußerung, dass es jetzt sichtbar geworden sei, was für ein Frauenbild die jungen zugewanderten Männer aus anderen Kulturen hätten.

Ich bin ganz Ihrer Meinung, jetzt weiß jeder, nicht nur die AfD, wie sie ticken, sich untereinander schlagen, null Respekt vor allem haben, wie sie prügeln und töten. […]

Wenn Sie aber als Forscherin in diesem Gebiet tätig sind, wissen Sie sicher, dass alle diese Grausamkeiten gegenüber Frauen schon vorhanden waren, aber unsichtbar, in den Parallelgesellschaften, wo die deutsche Öffentlichkeit sie sehr selten wahrnahm oder komplett ignorierte.

 Sie wissen sicher, wie viele Mädchen gezwungen werden, ihre Cousins zu heiraten, um dann von denen vergewaltigt zu werden. Wie viele Mädchen sich umbringen, weil sie nicht so leben wollen. Oder sie wurden von der eigenen Familie umgebracht, nur weil sie einen Freund aus anderen Kulturen hatten. Vor einigen Jahren hat Dr. Meryam Schouler-Ocak eine Aktion in Berlin gestartet: ‚Beende Dein Schweigen, nicht Dein Leben.‘ Das hat nicht viel geholfen, die deutsche Gesellschaft hat sich wenig darum gekümmert, die Rechte der zugewanderten Frauen zu stärken. Zu den ewig Gestrigen, die schon vorhanden sind, kommt vielleicht noch eine Million junge Männer dazu, die von dieser Kultur keine Ahnung haben. Ich lebe an der Basis und ich bin sicher: Ihre Sozialisation kann nicht nur durch Forscher, durch Sichtbarmachung oder die Diskussionen in den Talkshows stattfinden. Welche Krankheit könnte man nur durch Diagnosen, aber ohne passende Medikamente heilen? Diese Frage habe ich persönlich an zahlreiche deutsche Institutionen und Redaktionen gestellt und wurde immer wieder mehr oder weniger unfreundlich abgewiesen. Besonders grob und herablassend von den engagierten deutschen Frauen.

     Mit vielen freundlichen Grüßen und auch Wünschen für eine Zusammenarbeit.

     Um der jungen Menschen auf beiden Seiten willen.

             Safeta Obhodjas“

 

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Scheinsolidarität

Veröffentlicht am 11.01.2021

 

Feministische Scheinsolidarität als Integrationshindernis

 


„In deinem Text hört man einen persönlichen Schrei danach, gehört zu werden“, so ungefähr lautet einer der Vorwürfe, die ich meist von Frauen höre, wenn ich offen über die Unterdrückung der Migrantinnen, nicht nur Musliminnen, in der Familie und in der Gesellschaft rede und meine Storys vorlese.
Ich gebe zu, ich wünsche mir, mehr gehört zu werden, aber das hat nichts mit meiner Person zu tun. Es ist allgemein bekannt, dass die Frauensowohl in den Parallelgesellschaften als auch den optisch gut integrierten Kreisen der Zugewanderten, ihre Unterdrückung im Namen der Tradition, der Nation und der Religion sehr oft schweigend erdulden. Meiner Meinung nach es ist meine Pflicht, als eine schreibende, nicht deutschstämmige Frau mit islamischen Wurzeln darüber Klartext zu reden. Wenn ich auch in Kauf nehmen muss, dass mir einige insbesondere deutsche Leserinnen und Kolleginnen, wegen meiner Kritik am Klima der Ignoranz in der Gesellschaft, eine rechte oder sogar nazistische Gesinnung attestieren.
Ich habe mich entschieden, wenigstens auf meinem Blog nichts politisch zu relativieren, egal wie viele negative Reaktionen und Bezeichnungen ich für meine Kritik der gescheiterten Integration kassieren muss.

 

Integration als absurdes Theater aus weiblich-traditioneller Rückständigkeit, undifferenzierter Empathie und blinder Egomanie

 

Erst viele Jahrzehnte nach der ersten Welle der Gastarbeiter verkündeten die demokratisch gewählten Vertreter des Volkes, nicht ganz freiwillig und ziemlich kleinlaut, dass Deutschland doch ein Zuwanderungsland geworden sei. Diesem Lippenbekenntnis der Politiker folgten jedoch keinerlei praxisorientierte Konsequenzen: Weder wurden Sprach- und Integrationskurse angeboten, noch wurde eine schulische und soziale Infrastruktur aufgebaut, mit der man  dem Nachwuchs aus den meist kinderreichen, aber nicht des Deutschen mächtigen Familien der Zuwanderer hätte unter die Arme greifen können. „Fördern und Fordern“ stand Ende der neunziger Jahre auf keinem der Programme der politischen Parteien. Diese Aufgabe wurde meist von Freiwilligen übernommen. Mit Unterstützung engagierter Lehrer oder Nachbarn schafften es einige aufgeweckte Jugendliche aus diesem Milieu, sich durch das Schulsystem bis zu einem Studienabschluss hindurchzuboxen. Dort dann standen sie vor einem weiteren Hindernis, ihrer sozialen Herkunft nämlich. Politische Maßnahmen im Interesse der „Chancengleichheit für die  Zugewanderten“ – Fehlanzeige. Sie wurden durch eine diffuse Toleranz ersetzt, deren Motto: „Jedem seine Religion und seine Kultur“ sich aus dem Weltbild der aufgeklärten Deutschen ableitete. Zu denen, die so dachten, gehörten Politikerinnen, Intellektuelle, Feministinnen und Aktivistinnen, die sich mit grünen und kosmopolitischen Weltanschauungen schmückten. Die Integration wurde zur Domäne der Frauen, zumal die Leitungspositionen in Schulen, Ämtern, Vereinen und Organisationen für Menschen- und Frauenrechte meist weiblich besetzt waren. Im Grunde genommen versteckte sich die Politik hinter solcher Scheintoleranz.

Nach und nach entstand eine Bühne für die „Integrationsfestspiele“, bei denen von Anfang an zwei völlig verschiedene Gruppen gegenüberstanden. Auf der einen Seite standen die kaum gebildeten Mütter, Großmütter, Großtanten und älteren Schwestern, die in den Familien und Sippen der Angekommenen das Sagen hatten; auf der anderen Seite hielten die deutschen Akademikerinnen das Zepter in der Hand, dazu meist auch den Schild eines Studiums im sozialen Bereich. Diese Frauen hatten ihre Kräfte schon im Kampf für ihre Gleichberechtigung erprobt, und das hat sie hart, aber nicht unbedingt solidarisch mit den schwächeren Zeitgenossinnen gemacht.

Zwischen diesen beiden Lagern türmten sich viele Barrieren, sprachliche, kulturelle, religiöse …

Die Frauen der ersten Gruppe leiteten ihre Macht von der Tradition und der Religion ab, sogar in noch größerem Ausmaß als die Männer. Als ich einige junge, gut gebildete, nicht deutschstämmige Frauen interviewt habe für mein Projekt „Lange Schatten unserer Mütter“, erzählten sie mir, dass ihre Ausbildung meist von den Vätern unterstützt und gefördert wurde, während ihre Mütter versuchten, sie an die Normen der Parallelgesellschaften zu binden. Zana Ramadani, eine engagierte Aktivistin und Aufklärerin, deren Buch Die verschleierte Gefahr derzeit hohe Wellen in den deutschen Medien schlägt, bestätigt in einem Interview die Aussagen meiner Gesprächspartnerinnen: Meine Mutter fand den Anschluss in Deutschland nicht. Sie telefonierte jede Woche stundenlang mit ihrer Familie zu Hause und blieb so in dieser Welt verhaftet. Die Werte und die Moral von dort, die mein Vater nie gemocht hatte, gegen deren Enge und Beschränktheit er sich gewehrt hatte, wurden immer wichtiger für sie. Weil die Deutschen als Ungläubige gelten und die deutschen Frauen als Schlampen, hatte sie, je älter ich wurde, desto mehr das Gefühl, mich kontrollieren zu müssen. Weil ich ja die Familienehre beschmutzen könnte (....) und sie daran schuld wäre.

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Mein Schreiben auf Bosnisch 1

Veröffentlicht am 09.01.2021

Ein Genre-Raster der politischen Korrektheit

Ich habe nicht gezählt, wie viele Male ich durch so ein Raster bei den deutschen Verlagen und Agenturen durchgefallen bin. Vielleicht war nicht immer dasselbe Raster im Spiel, aber die Durchfälle waren gleichermaßen schmerzhaft. Und jedes Mal, wenn ich mit meinem neuen Manuskript versucht habe, das Interesse eines Lektorats zu wecken, dachte ich an die dänische Schriftstellerin Karin Blixen (1885-1962) (Jenseits von Afrika), die einmal ihrer Sekretärin sagte: „Wir haben so lange allein gearbeitet, nun muss endlich etwas von außen kommen.“ Unter außen meinte sie: Aus der literarischen Welt, der Blixen sich verschrieben hatte, müssten endlich Interesse, Unterstützung, Anerkennung zu ihr kommen. Sie wäre müde, selbst nach ihnen zu suchen. Dieses Glück traf irgendwann ein, vielleicht als sie begann, ihre Manuskripte unter dem männlichen Pseudonym Isak Denisen an die Lektorate zu senden.

Lange Zeit dachte ich auch: nach so viel Arbeit in der Einsamkeit würde mir ein bisschen Interesse und Unterstützung aus der literarischen Welt guttun. Leider wurde das nie zur Wirklichkeit, fast nichts kam zu mir von außen. Irgendwann hörte ich auf, auf so ein Wunder zu hoffen und nach einem deutschen Verlag zu suchen. Trotzdem wollte meine literarische Berufung mich nicht loslassen, und drängte mich weiter zu schreiben, meist zweisprachig, zuerst auf Deutsch, danach folgte die Übertragung ins Bosnische. Gerade jetzt, mitten in der Corona-Pandemie, ist mein Roman Bitter waren die Früchte in Goethes Obstgarten im Verlag Bosnisches Wort – schönes Wort auf Bosnisch erschienen, dessen Veröffentlichung von einem Deutschen privat unterstützt wurde.

Bei demselben Verlag habe ich früher etliche Bücher publiziert, unter anderen die Romane Scheherezade im Winterland und Die Bauchtänzerin. Mein erster Roman Auf einem bosnischen Gastmahl ist nie auf Bosnisch erschienen, nur auf Deutsch. Die Hauptfiguren in diesen drei Romanen sind Amila, eine arbeitslose Biologin, Nadira, eine Journalistin und Schriftstellerin und Vildana, eine Designerin und Schneiderin. Alle drei Frauen kommen zusammen in meinem neuen Werk. Wegen des Kriegsinfernos mussten sie ihr Heimatland verlassen. Danach landeten sie in Deutschland, wo sie sich im Frauenzentrum Schwestern in Not kennenlernten und anfreundeten. Dieser neue Roman handelt davon, wie sie im Frauenzentrum auf die Idee kamen, natürlich mit der Unterstützung dessen deutscher Leiterin, ein multikulturelles Projekt ins Leben zu rufen, in dem auch Goethe selbst eine Rolle spielt.  

Hier der Link des Romans Bitter waren die Früchte in Goethes Obstgarten , wo Sie sein Cover auf Bosnisch sehen können.

https://bosanska-rijec.com/romani/opori-su-bii-plodovi-u-goetheovom-voćnjaku-detail.html

Weiterlesen die ersten Seiten des Romans auf Deutsch

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Mein Schreiben auf Bosnisch

Veröffentlicht am 01.01.2021

Frau und Feder – weibliche Charaktere in der mündlichen Literatur der Muslime in Bosnien

 

Meine erste Heimat, Bosnien und Herzegowina, hat anfangs der neunziger Jahre einen schrecklichen Krieg durchgemacht. Hunderttausende Menschen, überwiegend Muslime, wurden umgebracht und vertrieben und ihre Kultur wurde vernichtet. Mit den zerstörten Dörfern, Ortschaften, Stadtteilen und historischen Gebäuden verschwanden auch zahlreiche sowohl private als auch öffentliche Bibliotheken.

Nach dem Inferno hat man allmählich angefangen, Verlage und Bibliotheken zu erneuern. In der Stadt Tuzla, in Zentralbosnien, entstand der Verlag Bosnisches Wort – Schönes Wort, der meine Bücher auf Bosnisch publiziert. Zu meiner großen Freude haben viele Büchereien meine Werke erworben. Ab und zu erreichen mich sehr positive Feedbacks der Leser. Sie schreiben mir, dass sie manchmal monatelang warten müssen, um ein Buch von mir zum Lesen zu bekommen. Die Zahl der Exemplare ist begrenzt und deshalb entstehen Wartelisten derjenigen, die meine Bücher ausleihen möchten.

Vor einer Weile habe ich das Buch Frau und Feder, im Original: Žena i kalem, publiziert. (Das Wort Kalem hat die bosnische Sprache aus dem Türkischen übernommen und es bedeutet Feder oder Stift). In unserer volkstümlichen Literatur, in Poemen, Balladen oder Epen, wurden Frauen mehr oder weniger negativ dargestellt. Als junge Mädchen verfügen sie über eine verführerische Magie, mit der sie den Männern die Köpfe so verdrehen, dass sie sich ihretwegen ins Unglück stürzen. Manchmal sind die weiblichen Charaktere böse, manchmal gute Mütter, die ihre Söhne vergöttern oder anstacheln, böse Dinge zu tun. Einmal verheiratet, sind Frauen nur im Besitz ihrer Männer, die entweder durch ihre Heldentaten glänzen oder wegen ihrer Untaten verdammt werden.

In meinem Buch habe ich mich mit so einer Darstellung der Frau in der mündlichen Dichtung auseinandergesetzt. Aufs Korn nahm ich auch immer dieselben Analysen und Auslegungen dieser Literatur der gegenwärtigen Wissenschaftler. In meinen Essays versuchte ich darauf aufmerksam zu machen, wie diese nicht enden wollende, unkritische Wiederholung der veralteten Mythen in den Schulbüchern unter anderem dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft so rückständig bleibt, besonderes bezüglich der Geleichberechtigung der Frauen.

Natürlich weiß ich nicht, ob meine Sicht und Absicht ein Umdenken bei den Lesern bewirken können. Aber das folgende E-Mail einer Studentin aus Sarajevo lässt mich hoffen, dass das doch manchmal stattfindet.

 

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Kontrolle

Veröffentlicht am 23.12.2020

 Ein Transfer in die rechte Ecke

 

Neulich erzählte eine Kollegin von mir in einer renommierten Kultursendung im Fernsehen von ihrem neuen Krimi dessen Inhalt ich teilweise kannte. Darin geht es nicht um das gegenwärtige Leben der menschlichen Spezies. Es scheint, dass die realistischen Problemedes Daseins keine Herausforderung für die Phantasie dieser Schriftstellerin darstellen. Das Buch handelt von einer Großstadt in Deutschland, wo eine ideale Gesellschaft aus der Zukunft lebt. Sowohl der öffentliche als auch der private Bereich sind vollkommen reguliert und überwacht, von wem auch immer, aber dieser jemand hat so viel Power, dass er die Grenzen schließen kann, wann immer er das will, und er ist fähig jedem Stadtbewohner alles zu schenken, was dieser zu einer gemütlichen Existenz benötigt. In dieser Stadt ist alles vorhanden außer Freiheit. Ein Kriminalfall in so einer idealen, geschlossenen Welt, das kann man sich schwer vorstellen.

Ich hörte sie reden und erinnerte mich an ein reales Treffen mit dieser Frau, an ein Gespräch, das viel absurder endete als das, was sie in der Sendung von ihrem futuristischen Roman präsentierte. Sie arbeitete auch als Lektorin in einem kleinen Verlag und deswegen kannte sie einige meiner Bücher. Vor diesem Treffen in Berlin hatte sie sich am Telefon als großer Fan meines literarischen Stils ausgegeben. Ich habe mich so gefreut, endlich einen richtigen Kontakt zu jemandem aus der Literaturwelt zu haben. Sie wünschte auch eine Begegnung live und bald bekamen wir eine Chance uns zu treffen, weil ich zu einem Festival nach Berlin eingeladen war. Ich träumte davon, ihr von meiner Arbeit an der Basis zu erzählen, von den Lesungen an den Schulen, von den Auftritten in den Multikulti-Vereinen, aus denen ich letztendlich mein Schreibmaterial schöpfte.

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Sexuslkunde

Veröffentlicht am 14.12.2020

Sexuallehrer unter Kopftuch 

 

Seit langem schleppe ich diese Geschichte mit mir herum. Immer wieder, wenn ich die Äußerungen der mutigen Lehrer oder der Kritiker des Islamismus höre, dass viele gläubige Muslime gegen den Sexualkundeunterricht in Schulen protestieren und oft ihren Kindern verbieten, an solchen Aufklärungsstunden teilzunehmen, überfällt mich ein wütender Drang, diese authentische Story endlich allen im Netz zu erzählen, auch denjenigen, die das nicht hören wollen. Jetzt endlich hat mich die Frau, die sie mir anvertraut hatte, von meiner Schweigepflicht entbunden. Und die Ärztin, auch eine Bekannte von mir, lebt nicht mehr. 

Sie hatte eine Praxis für die innere Medizin, die sie mit ihrem Mann führte. Das Ehepaar war hochangesehen, besonders wegen seines humanitären Engagements. Sie sammelten Medikamente und Material für die Krankenhäuser in den armen und durch die Kriege zerstörten Ländern oder brachten kranke und verwundete Jugendliche zu einer medizinischen Behandlung nach Deutschland. Aber man konnte nicht sagen, dass sie selbst asketisch lebten, ganz im Gegenteil, sie genossen gerne ihren Wollstand. Privat ließ sich meine Bekannte im Wellness verwöhnen, trug meist Designerkleider und Schmuck, war wie eine Diva gestylt, wenn sie am Arm ihres Mannes an den humanitären, multikulturellen oder politischen Feierlichkeiten erschien, wo sie oft als Ehrengäste begrüßt wurden. Sie wussten nicht mehr, wie viele Auszeichnungen sich in ihrer Sammlung befanden.

Was wirklich hinter dieser glänzenden Fassade ablief, wird uns hier eine junge Frau erzählen, die sich in einem Sommer zufällig in ihre Praxis verirrte:

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Meine Schicksalsgefährtinnen

Veröffentlicht am 08.12.2020

In guter Gesellschaft mit Marina und Imgard

  Wuppertal, 1996 

 „Ein dunkles Loch. Konntest du nicht etwas Besseres finden?“, fragte mich meine Freundin und Unterstützerin Ingrid, als sie das erste Mal meine Wohnung in der Wiesenstraße betrat. Sie hatte recht, meine Behausung sah wirklich deprimierend aus, und das passte gut zu meinem seelischen Zustand. Tagsüber funktionierte ich irgendwie, ging zur Arbeit, manchmal in die Bibliothek, oder besprach mit der Übersetzerin Brigitte die Passagen aus meinen früheren Werken, deren Bedeutung ihr in meiner Muttersprache unklar war. Aber in den Abenddämmerungen fühlte ich mich elend einsam. Meine Deutschkenntnisse reichten zum Lesen solange das Schreiben in dieser Sprache noch in weiter Ferne lag. In dieser Zeit fiel mir das Buch „Die verbrannten Dichter“ von Jürgen Serke in die Hände, ein Lexikon mit vielen Schicksalen der deutschen Dichter und Denker, die während der Nazidiktatur vertrieben, ermordet oder in den Selbstmord getrieben worden waren. „Mir geht es im jetzigen Exil in Deutschland viel besser!“, ich bemühte mich positiv zu denken. Zwischendurch tauchte die russische Dichterin Marina Zwetajewa aus der Erinnerung auf. Über ihr Leben im Exil und ihre Tragödie im Heimatland hatte ich schon in Bosnien gelesen. Irgendwann, ich weiß wirklich nicht wie sich solche Prozesse im Gehirn entwickelten, begannen diese zwei, die russische Poetin und die Autorin Irmgard Keun, die zu den Verbrannten in Deutschland gehörte, einen Dialog miteinander zu führen. Ab und zu mischte sich auch meine Stimme in ihre Streitereien ein, und nach und nach begann ich aus ihren fiktiven Auseinandersetzungen ein Theaterstück zu machen, merkwürdiger Weise gleich auf Deutsch. Monatelang lebte ich praktisch mit diesen zwei Geistern in meinem "Wohnungsloch“. Das Theaterstück wurde erst zwanzig Jahre später, 2016, das erste Mal inszeniert. Diese zwei verlorenen Seelen besuchten mich immer wieder, wenn ich mich in einer Krise befand. Ich ließ sie noch einmal in meiner Novelle „Funken aus einem toten Meer“ wieder auferstehen, die ich im Jahr 2020 beim Verlag epubli veröffentlichte.

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Kurzstorys "Frauen aus der Karawane Sinais"

Veröffentlicht am 07.12.2020

 Alles gute Muslime

 

Die Weisheit des Literatur- Magiers  Luis Borges, es sei für die Religion leicht zu sterben aber recht schwierig für sie zu leben, traf auf meinen Vater nicht zu.  Er hatte keine Lust zu sterben, noch weniger, als Frömmler zu leben. Bereits in jungen Jahren war  ihm klar, dass er sich der Religion nicht unterwerfen konnte. Er wurde als Muslim geboren, glaubte an Gott, aber die vorgeschriebenen Pflichten des Islam konnte er nie erfüllen. Für seine Sünden stand er gerade und verabscheute jede Heuchelei.

Stellen wir uns vor, jemand hätte meinen Vater hierzulande zu einer türkischen Feier eingeladen. Schon auf den ersten Blick hätte er die Gäste mit seinem Humor erfreut: "Mein Sohn, bitte schenke mir keinen Schnaps aus dieser Aldi - Tüte ein. Der ist mir zu billig! Meinst du etwa, der liebe Allah ist blind und sieht nicht, was du da tust?! Oder diese Betrunkenen dort in der Ecke. Stell mein Glas auf den Tisch! Gottes Strafe dafür werde ich akzeptieren!"

Ich hatte aber eine sehr fromme Tante. Sie betete alle vorgeschriebenen Gebete, fünf Mal am Tag verneigte sie sich vor dem Allmächtigen. Und am Opfer- Kurban - Bajram gedachte sie ihres verstorbenen Mannes Mustafa. In seinem Namen ließ sie einen großen Schafsbock schlachten. Aber meine Tante war geizig und konnte diesem  Fluch nicht widerstehen. So verteilte sie an die Familie oder an arme Menschen nur ein Viertel des Kurbans, drei Viertel landeten in ihrem Kochtopf. Gerade umgekehrt sollte es sein.

Ich erinnere mich an unseren Nachbarn, Avdic hieß er, der die Böcke für den Opfer- Bajram züchtete. Er war ein Schlitzohr, konnte die kümmerlichsten Tiere zu den teuersten Preisen verkaufen. Und sich danach über die Dummheit seiner Kunden lustig machen.

Auch ich konnte meinem Laster nicht entkommen. Ich wurde  vomSchaitan selbst geritten, gerade diese schrägen Charaktere in meinen Geschichten darzustellen. Die Warnungen, das zu unterlassen, nahm ich nie wahr. Scheherazades Fluch ist mir zu einer Droge geworden, in deren Rausch ich keine Ängste kannte. Nur ich war nicht geschickt, um meine Geschichten märchenhaft zu schmücken. Als meine Charaktere wählte ich immer die Menschen aus, über deren Makel ich mich lustig machen konnte. Ernüchterung und Alpträume ließen nicht lange auf sich warten.

In der letzten Nacht träumte ich mir davon, ich wäre vor ein Gericht der Gerechten gestellt worden. Sowohl der Kläger als auch der Richter hatten vermummte Gesichter, aber dieselbe Stimme, die Stimme eines strengen Imam aus unserer Gemeinde.

"Wer hat dir das Recht gegeben, solche Karikaturen aus Muslimen zu machen?" zischte der Mann ohne Gesicht.

"Verehrtes Gericht, ich weiß nicht was Sie meinen?" ich mimte die Unschuld in Person.

 "Warum schreibst du nur über schlechte Muslime wie deinen Vater!" - erhob er seine Stimme.

"Aber mein Vater war ein guter Mensch. Er hat Tag und Nacht gearbeitet, um unsere Familie zu ernähren. Ich habe mit seiner Hilfe die Schule absolviert. Ab und zu ein Paar Gläschen, das ist doch keine Sünde, oder..."

"Was macht dieses Schlitzohr, Avdic, in deiner Geschichte?" - unterbrach der Richter mich.

"Avdic, den Kurban- Züchter meinen Sie? Er war auch ein guter Mensch. Er hat meinen Bruder aus dem Hochwasser führenden Bach gerettet", belehrte ich ihn.

"War diese Eule, diese Tante, die die Vorschriften der Religion nicht achtete, auch eine gute Frau?" lachte er, aber sein Blick bohrte mich durch.

"So schlimm war sie doch nicht. Sie konnte wunderschön singen, besonders unsere Volkslieder, so genannte Sevdalinken..."

Das war ein böser Traum. Nach dem Erwachen begriff ich, dass der Richter mich schon vor die Tür gesetzt und mir Hausverbot verpasst hatte. Ich durfte nie mehr in der Gemeinde erscheinen.

Jetzt frage ich mich, war das ein Traum oder Wirklichkeit!

 

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