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Safeta ObhodjasSafeta Obhodjas

Kontrolle

Veröffentlicht am 30.11.2020

Dieser Text kommt bald

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Sexualkunde

Veröffentlicht am 15.11.2020

Die Lehrer der Sexualkunde

 Seit langem schleppe ich diese Geschichte mit mir herum. Immer wieder, wenn ich die Äußerungen der mutigen Lehrer oder der Kritiker des Islamismus höre, dass viele gläubige Muslime gegen den Sexualkundeunterricht in Schulen protestieren und oft ihren Kindern verbieten, an solchen Aufklärungsstunden teilzunehmen, überfällt mich ein wütender Drang, diese authentische Story endlich allen im Netz zu erzählen, auch denjenigen, die das nicht hören wollen. Jetzt endlich hat mich die Frau, die sie mir anvertraut hatte, von meiner Schweigepflicht entbunden. Und die Ärztin, auch eine Bekannte von mir, lebt nicht mehr. 

 Sie hatte eine Praxis für die innere Medizin, die sie mit ihrem Mann führte. Das Ehepaar war hochangesehen, besonders wegen seines humanitären Engagements. Sie sammelten Medikamente und Material für die Krankenhäuser in den armen und durch die Kriege zerstörten Ländern oder brachten kranke und verwundete Jugendliche zu einer medizinischen Behandlung nach Deutschland. Aber man konnte nicht sagen, dass sie selbst asketisch lebten, ganz im Gegenteil, sie genossen gerne ihren Wollstand. Privat ließ sich meine Bekannte im Wellness verwöhnen, trug meist Designerkleider und Schmuck, war wie eine Diva gestylt, wenn sie am Arm ihres Mannes an den humanitären, multikulturellen oder politischen Feierlichkeiten erschien, wo sie oft als Ehrengäste begrüßt wurden. Sie wussten nicht mehr, wie viele Auszeichnungen sich in ihrer Sammlung befanden.

Was wirklich hinter dieser glänzenden Fassade ablief, wird uns hier eine junge Frau erzählen, die sich in einem Sommer zufällig in ihrePraxis verirrte:

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Mein Exil vor zwanzig Jahren

Veröffentlicht am 05.11.2020

Den folgenden Text habe ich unmittelbar nach den Terroranschlägen am 11.09.2001 in New York verfasst; es war mein erster Artikel auf Deutsch. Ich war damals kaum sieben Jahre in Deutschland, aber mein Interesse und meine Sprachkenntnisse waren schon so weit gediehen, dass ich die politischen Umwälzungen in meinem neuen Heimatland verfolgen konnte. Die Abschottung der Parallelgesellschaften war zu dieser Zeit bereits fortgeschritten und besorgniserregend. Im Jahr 2020 schrieb ich den Text „Die Wahrheit, mit der ich die Gefühle der jungen Menschen als Muslime verletzte“. Der kommt gleich nach diesem Artikel. Beide Texte basieren auf meinen Erfahrungen als Schriftstellerin. Ich überlasse meinen Lesern, sie zu vergleichen.

Safeta Obhodjas über Leben und Schreiben einer Exilautorin in Deutschland

 

Meine erste Heimat ist Bosnien und Herzegowina. Ich habe dieses Land nicht freiwillig verlassen, ich wurde 1992 in einer Welle der „ethnischen Säuberung“ wegen meiner islamischen Herkunft zusammen mit meiner Familie vertrieben. Ich landete in Deutschland, in einem mir bis dahin unbekanntem Land, wo ich das Glück erfahren durfte, eine neue Sprache zu erlernen, und mich dadurch als Schriftstellerin weiterentwickeln konnte.

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Meine Realität heute

Veröffentlicht am 03.11.2020

Die Wahrheit, mit der ich die Gefühle der jungen Menschen als Muslime verletzte

Eine Lesung an einer Gesamtschule im Ruhrgebiet

 

Das war einmal: viele Gastarbeiter, überwiegend aus der Türkei, wurden in das Ruhrgebiet, einst ein riesiger Ballungsraum der Stahl- und Kohleindustrie, geholt, damit sie durch die Verrichtung von schwierigsten Jobsdem deutschen Wirtschaftswunder beitragen. Damals machten sie sich keine großen Sorgen um die Zukunft ihres Nachwuchses; den Familien, die meist die Arbeitersiedlungen bevölkerten, schien eine schulische Bildung ihrer Jüngsten nicht so wichtig. Die schwere Industrie Deutschlands kam allen wie ein Gigant vor, der in der Lage war, ihre Kindeskinder zu ernähren. 

Die Stadtzentren in den Städten waren lebendig, bereichert durch zahlreiche Läden der Einzelhändler.  Obwohl die Abgase aus vielen Schornsteinen der Industrieanlagen die Luft verpesteten und die Väter schwer schufteten, war das Leben doch erträglicher als in ihrer alten Heimat voller Armut.

Und nun, einige Jahrzehnte später, stellen wir fest: die schwere Industrie aus den Zeiten des Wirtschaftswunders ist passé, die Schornsteine sind längst weggesprengt, wobei viele Autos auf den Straßen ihre Rolle übernahmen und Gifte in die Luft auspusteten.  Mit der Umwandlung verödeten die Fußgängerzonen, in letzter Zeit sehen sie oft wie ein Abbild der billigen orientalischen Bazare aus. Der Nachwuchs der ersten Gastarbeiter blieb meist dort, wo seine Eltern gelandet waren. Aber seine Kinder, die nächste, dritte Generation, und dann eine weitere, bekamen bessere Bildungschancen und damit auch mehr Hoffnung auf ein Leben auf einem höheren sozialen Niveau. Leider, solche Zukunftsaussichten kamen zu spät, nachdem sich die Parallelgesellschaften in den deutschen Städten bereits geformt und abgeschottet hatten.

 

 

 

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Frauen aus der Karawane Sinais

Veröffentlicht am 02.11.2020

Alles gute Muslime

 

Die Weisheit des Literatur- Magiers Luis Borges, es sei für die Religion leicht zu sterben aber recht schwierig für sie zu leben, traf auf meinen Vater nicht zu.  Er hatte keine Lust zu sterben, noch weniger, als Frömmler zu leben. Bereits in jungen Jahren war ihm klar, dass er sich der Religion nicht unterwerfen konnte. Er wurde als Muslim geboren, glaubte an Gott, aber die vorgeschriebenen Pflichten des Islam konnte er nie erfüllen. Für seine Sünden stand er gerade und verabscheute jede Stellen wir uns vor, jemand hätte meinen Vater hierzulande zu einer türkischen Feier eingeladen. Schon auf den ersten Blick hätte er die Gäste mit seinem Humor erfreut: "Mein Sohn, bitte schenke mir keinen Schnaps aus dieser Aldi - Tüte ein. Der ist mir zu billig! Meinst du etwa, der liebe Allah ist blind und sieht nicht, was du da tust?! Oder diese Betrunkenen dort in der Ecke. Stell mein Glas auf den Tisch! Gottes Strafe dafür werde ich akzeptieren!"

Ich hatte aber eine sehr fromme Tante. Sie betete alle vorgeschriebenen Gebete, fünf Mal am Tag verneigte sie sich vor dem Allmächtigen. Und am Opfer- Kurban - Bajram gedachte sie ihres verstorbenen Mannes Mustafa. In seinem Namen ließ sie einen großen Schafsbock schlachten. Aber meine Tante war geizig und konnte diesem Fluch nicht widerstehen. So verteilte sie an die Familie oder an arme Menschen nur ein Viertel des Kurbans, drei Viertel landeten in ihrem Kochtopf. Gerade umgekehrt sollte es sein.

Ich erinnere mich an unseren Nachbarn, Avdić hieß er, der die Böcke für den Opfer- Bajram züchtete. Er war ein Schlitzohr, konnte die kümmerlichsten Tiere zu den teuersten Preisen verkaufen. Und sich danach über die Dummheit seiner Kunden lustig machen.

Auch ich konnte meinem Laster nicht entkommen. Ich wurde vom Schaitan selbst geritten, gerade diese schrägen Charaktere in meinen Geschichten darzustellen. Die Warnungen, das zu unterlassen, nahm ich nie wahr. Scheherazades Fluch ist mir zu einer Droge geworden, in deren Rausch ich keine Ängste kannte. Nur ich war nicht geschickt, um meine Geschichten märchenhaft zu schmücken. Als meine Charaktere wählte ich immer die Menschen aus, über deren Makel ich mich lustig machen konnte. Ernüchterung und Alpträume ließen nicht lange auf sich warten.

In der letzten Nacht träumte ich mir davon, ich wäre vor ein Gericht der Gerechten gestellt worden. Sowohl der Kläger als auch der Richter hatten vermummte Gesichter, aber dieselbe Stimme, die Stimme eines strengen Imam aus unserer Gemeinde.

"Wer hat dir das Recht gegeben, solche Karikaturen aus Muslimen zu machen?" zischte der Mann ohne Gesicht.

"Verehrtes Gericht, ich weiß nicht was Sie meinen?" ich mimte die Unschuld in Person.

 "Warum schreibst du nur über schlechte Muslime wie deinen Vater!" - erhob er seine Stimme.

"Aber mein Vater war ein guter Mensch. Er hat Tag und Nacht gearbeitet, um unsere Familie zu ernähren. Ich habe mit seiner Hilfe die Schule absolviert. Ab und zu ein Paar Gläschen, das ist doch keine Sünde, oder..."

"Was macht dieses Schlitzohr, Avdić, in deiner Geschichte?" - unterbrach der Richter mich.

"Avdić, den Kurban- Züchter meinen Sie? Er war auch ein guter Mensch. Er hat meinen Bruder aus dem Hochwasser führenden Bach gerettet", belehrte ich ihn.

"War diese Eule, diese Tante, die die Vorschriften der Religion nicht achtete, auch eine gute Frau?" lachte er, aber sein Blick bohrte mich durch.

"So schlimm war sie doch nicht. Sie konnte wunderschön singen, besonders unsere Volkslieder, so genannte Sevdalinken ..."

Das war ein böser Traum. Nach dem Erwachen begriff ich, dass der Richter mich schon vor die Tür gesetzt und mir Hausverbot verpasst hatte. Ich durfte nie mehr in der Gemeinde erscheinen.

Jetzt frage ich mich, war das ein Traum oder Wirklichkeit?

 

          Eine Konvertierte - eine Geborene

 

Nachdem ich aus meiner Gemeinde verbannt worden war, fühlte ich mich elend und einsam. Ich bereute meine Missetaten und war bereit, vor den Gerechten in die Kniee zu gehen und die ganze Gemeinde um Verzeihung zu bitten. Aber diese Pein wurde mir erspart, weil jemand mir ein Rettungsanker schickte. Es war dies Mal eine wunderschön geschmückte, kaligraphisch geschriebene Einladung zu einem islamischen Fest mit Gebet, Musik und Gesang. Mein Herz raste vor Freude, weil mich "Fatimas Herz", so hieß das Zentrum der islamischen Frauen, zu sich bat. "Hatidze Schmückler" las ich den Namen der Vizepräsidentin des Zentrums. „Oho, das ist ein Volltreffer. Es ist eine Ehre, von diesen Schwestern eingeladen zu werden. Es sind dies keine armseligen Muslime wie mein Vater oder meine Tante, die immer Probleme mit ihrer Religion hatten. Es sind gesegnete Konvertierte, ihnen wurde der Islam nicht in die Wiege gelegt. Sie haben ihren Glauben gewählt, das ist die Religion sowohl ihres Herzens als auch ihres Unterbewusstseins. Mit denen kann ich sicher über meine Probleme diskutieren. Sie werden einen Rat für mich haben", schwärmte ich.

Selbstverständlich nahm ich diese Einladung wahr. Schwester Hatidze Schmückler begrüßte mich bei der Ankunft und versprach mir Unterstützung, wenn ich bei ihnen bleiben würde. Ich wusste nicht, was sie damit meinte. Natürlich wollte ich bei denen bleiben, deshalb kam ich zu ihnen.

Hatidze, die stolz den Namen der ersten Frau des Propheten trug, war eine hochgewachsene Dame, die viel von der vorgeschriebenen Kleidung des Islam verstand. Ihre Stiefel und die Kopfbedeckung mit den Spitzen und Perlen über der Stirn hatten dieselbe Eierschalfarbe. Und ihr Umhang, das war ein Traumstück des Orients: Moorgrün, mit Fledermausärmeln, filigran bestickt mit Seide. Die Dame erschien mir wie die phantasievolle Verkörperung einer Arabeske. Ich war beschämt und auch neidisch, weil ich, eine geborene Muslimin, so wenig repräsentativ aussah. Ich hatte ein westliches Kleid an, das ich gestern beim katholischen Hilfswerk "Schwester in Not" als Geschenk bekommen hatte. Ich verkroch mich in einer Ecke, um die selbstbewussten Religionsschwestern nicht durch mein Ungeschick  zu irritieren.

Ich dachte, ich sei bei den glücklichen Frauen gelandet. Aber trotz meiner Aufregung, merkte ich, dass die Schwester Hatidze einen großen Kummer am Herzen hatte. Ihre Mitstreiterinnen in ähnlicher Kleidung mussten sie trösten und beruhigen. Nach und nach verstand ich, worüber sie diskutierten.

Im nächsten Monat wollte sie ihr fünfjähriges "Musliminsein" feiern. Anlässlich dieses Jubiläums sollte ein hoch angesehener Scheich bei ihr zu Hause viele islamische Bräuche und Rituale abhalten. Aber bis jetzt habe sie nicht den Mut gefasst, dem Erhabenenihre große Sünde zu beichten, nämlich ihren Hund.  Muslimin hin oder her, aber sie hatte kein Herz, ihren Liebling ins Tierheim zu verbannen. Nicht einen einzigen Tag könne sie ihm dieses Trauma zufügen. Wie man weiß, sind im Islam Hunde unerwünscht, weil sie als unrein gelten. Ob der liebe Allah ihr verzeihen würde?

Ich konnte meinen Mund nicht halten.

"Ich wurde zwar in eine muslimische Familie hineingeboren, aber Ihr Problem verstehe ich nicht. In unserer Avlija, das ist der Vorhof, hatten wir immer Hunde, als Hüter und Spielkameraden für uns Kinder.  Ein Schäferhund- Mischling, den mein Vater als einen winzigen Welpen nach Hause mitgebracht hatte, war unser bester Freund. Niemand konnte unbemerkt in unsere Avlija eintreten. Einmal hat er einen Dieb erschreckt..."

Die ganze Frauenschar schaute mich verwundert an. Sie hatten erst jetzt meine Anwesenheit wahrgenommen und auch mein Kleid aus dem katholischen Hilfswerk. "Du solltest dich nicht über unsere Schwester Hatidze lustig machen. Es ist ein ernsthaftes Problem für sie, ihren Hund abzugeben."

"Aber ich habe mich gar nicht lustig gemacht ... ich wollte nur sagen, dass jede Sache zwei Seiten hat. Zwar soll man einen Hund nicht in den Raum lassen, wo man betet aber ..."

Aus dem "Fatimas Herz" wurde ich nicht vertrieben. Meine Schwestern dort beherrschten die ganze Kunst des deutschen Mobbings. Jedes Mal, wenn ich bei meinen Schwestern auftauchte, waren alle Stühle besetzt. Sogar diejenigen, auf denen keiner saß.

 

 

 

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In guter Gesellschaft, Irmgard und Marina

Veröffentlicht am 01.11.2020

  Wuppertal, 1996 

 „Ein dunkles Loch. Konntest du nicht etwas Besseres finden?“, fragte mich meine Freundin und Unterstützerin Ingrid, als sie das erste Mal meine Wohnung in der Wiesenstraße betrat. Sie hatte recht, meine Behausung sah wirklich deprimierend aus, und das passte gut zu meinem seelischen Zustand. Tagsüber funktionierte ich irgendwie, ging zur Arbeit, manchmal in die Bibliothek, oder besprach mit der Übersetzerin Brigitte die Passagen aus meinen früheren Werken, deren Bedeutung ihr in meiner Muttersprache unklar war. Aber in den Abenddämmerungen fühlte ich mich elend einsam. Meine Deutschkenntnisse reichten zum Lesen solange das Schreiben in dieser Sprache noch in weiter Ferne lag. In dieser Zeit fiel mir das Buch „Die verbrannten Dichter“ von Jürgen Serke in die Hände, ein Lexikon mit vielen Schicksalen der deutschen Dichter und Denker, die während der Nazidiktatur vertrieben, ermordet oder in den Selbstmord getrieben worden waren. „Mir geht es im jetzigen Exil in Deutschland viel besser!“, ich bemühte mich positiv zu denken. Zwischendurch tauchte die russische Dichterin Marina Zwetajewa aus der Erinnerung auf. Über ihr Leben im Exil und ihre Tragödie im Heimatland hatte ich schon in Bosnien gelesen. Irgendwann, ich weiß wirklich nicht wie sich solche Prozesse im Gehirn entwickelten, begannen diese zwei, die russische Poetin und die Autorin Irmgard Keun, die zu den Verbrannten in Deutschland gehörte, einen Dialog miteinander zu führen. Ab und zu mischte sich auch meine Stimme in ihre Streitereien ein, und nach und nach begann ich aus ihren fiktiven Auseinandersetzungen ein Theaterstück zu machen, merkwürdiger Weise gleich auf Deutsch. Monatelang lebte ich praktisch mit diesen zwei Geistern in meinem "Wohnungsloch“. Das Theaterstück wurde erst zwanzig Jahre später, 2016, das erste Mal inszeniert. Diese zwei verlorenen Seelen besuchten mich immer wieder, wenn ich mich in einer Krise befand. Ich ließ sie noch einmal in meiner Novelle „Funken aus einem toten Meer“ wieder auferstehen, die ich im Jahr 2020 beim Verlag epubli veröffentlichte.

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Die Freundin

Veröffentlicht am 31.10.2020

Sarajevo, im Jahr 1982

 Mein erster Erzählband „Die Frau und das Geheimnis“ entstand Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre in Pale, wo ich lebte, und in Sarajevo, wo ich arbeitete. Das waren die ersten Storys, die ich in den unterschiedlichen Kulturzeitschriften und manchmal auch im Rahmen der literarischen Radio-Sendungen publizierte. An vieles aus dieser Zeit meiner Anfänge als Schriftstellerin kann ich mich gut erinnern aber ein Moment hat sich besonders tief in mein Gedächtnis geprägt: Als ich die Geschichte „Die Freundin“ schrieb, ist es mir klar geworden, dass es nicht egal war, welche Namen meine Protagonisten im Plot trugen. Die Erkenntnis von damals hat nie aufgehört, ihre Warnung in meinem Hinterkopf auszustrahlen, bis heute.

Die Geschichte handelte von zwei Freundinnen, die versuchten, jede entsprechend ihren Möglichkeiten, eine Karriere zu machen. Die ganze Idee für die Handlung hatte wenig mit den nationalistischen Umbrüchen zu tun, die sich in dieser Zeit, gleich nach dem Tod des Kult-Präsidenten (1980), ringsum mich heftig bemerkbar machten. In meinem literarischen Focus standen weiterhin sowohl die Lage der Frauen in den Familien und in der Gesellschaft als auch die Art wie meine Zeitgenossinnen miteinander umsprangen. Ich erfuhr von einem drastischen Fall des Verrats in einer Frauenfreundschaft aus meinem Bekanntenkreis und ich bekam die Idee, daraus eine Geschichte zu machen. Ich brauchte lange, bis ich die Fakten in literarisches Material verwandelt hatte. Während der Überarbeitung der ersten Version wurde es mir plötzlich bewusst, dass die Verräterin einen muslimischen Namen trug und die Verratene einen serbischen. Im Nu versetzte ich mich in die Köpfe meiner zukünftigen Leser, die den unterschiedlichen Nationalitäten angehörten. Die Muslime würden mich bestimmt als eine Verräterin anprangern, weil ich eine Muslimin in so einem schlechten Licht dargestellt hatte. Den serbischen würde ich mit diesen Namen die Beweise liefern, dass die Muslime nationalistisch ticken und für Moral nichts übrig hatten; sie warteten nur auf den richtigen Zeitpunkt, um die Serben zu verraten. Es war eine Horrorvorstellung für mich, als eine Anstifterin des Nationalismus beurteilt zu werden. Auch ich selbst wollte nicht eine Muslimin so negativ darstellen. Ich änderte den Namen der Verräterin, gab ihr auch einen serbischen und damit eine ganz normale Motivation: Neid, Missgunst, Macht und einiges mehr, was man hier im Lande unter Stutenbissigkeit versteht.

Liebe Leserinnen und liebe Leser, wenn Sie möchten meine Story „Die Freundin“ lesen, die nicht an Aktualität verloren hat, schreiben Sie mir bitte. Ich werde sie dann in meinen Blog aufnehmen.  

 

 

 

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