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Safeta ObhodjasSafeta Obhodjas

Frauen aus der Karawane Sinais

Veröffentlicht am 02.11.2020

Alles gute Muslime

 

Die Weisheit des Literatur- Magiers Luis Borges, es sei für die Religion leicht zu sterben aber recht schwierig für sie zu leben, traf auf meinen Vater nicht zu.  Er hatte keine Lust zu sterben, noch weniger, als Frömmler zu leben. Bereits in jungen Jahren war ihm klar, dass er sich der Religion nicht unterwerfen konnte. Er wurde als Muslim geboren, glaubte an Gott, aber die vorgeschriebenen Pflichten des Islam konnte er nie erfüllen. Für seine Sünden stand er gerade und verabscheute jede Stellen wir uns vor, jemand hätte meinen Vater hierzulande zu einer türkischen Feier eingeladen. Schon auf den ersten Blick hätte er die Gäste mit seinem Humor erfreut: "Mein Sohn, bitte schenke mir keinen Schnaps aus dieser Aldi - Tüte ein. Der ist mir zu billig! Meinst du etwa, der liebe Allah ist blind und sieht nicht, was du da tust?! Oder diese Betrunkenen dort in der Ecke. Stell mein Glas auf den Tisch! Gottes Strafe dafür werde ich akzeptieren!"

Ich hatte aber eine sehr fromme Tante. Sie betete alle vorgeschriebenen Gebete, fünf Mal am Tag verneigte sie sich vor dem Allmächtigen. Und am Opfer- Kurban - Bajram gedachte sie ihres verstorbenen Mannes Mustafa. In seinem Namen ließ sie einen großen Schafsbock schlachten. Aber meine Tante war geizig und konnte diesem Fluch nicht widerstehen. So verteilte sie an die Familie oder an arme Menschen nur ein Viertel des Kurbans, drei Viertel landeten in ihrem Kochtopf. Gerade umgekehrt sollte es sein.

Ich erinnere mich an unseren Nachbarn, Avdić hieß er, der die Böcke für den Opfer- Bajram züchtete. Er war ein Schlitzohr, konnte die kümmerlichsten Tiere zu den teuersten Preisen verkaufen. Und sich danach über die Dummheit seiner Kunden lustig machen.

Auch ich konnte meinem Laster nicht entkommen. Ich wurde vom Schaitan selbst geritten, gerade diese schrägen Charaktere in meinen Geschichten darzustellen. Die Warnungen, das zu unterlassen, nahm ich nie wahr. Scheherazades Fluch ist mir zu einer Droge geworden, in deren Rausch ich keine Ängste kannte. Nur ich war nicht geschickt, um meine Geschichten märchenhaft zu schmücken. Als meine Charaktere wählte ich immer die Menschen aus, über deren Makel ich mich lustig machen konnte. Ernüchterung und Alpträume ließen nicht lange auf sich warten.

In der letzten Nacht träumte ich mir davon, ich wäre vor ein Gericht der Gerechten gestellt worden. Sowohl der Kläger als auch der Richter hatten vermummte Gesichter, aber dieselbe Stimme, die Stimme eines strengen Imam aus unserer Gemeinde.

"Wer hat dir das Recht gegeben, solche Karikaturen aus Muslimen zu machen?" zischte der Mann ohne Gesicht.

"Verehrtes Gericht, ich weiß nicht was Sie meinen?" ich mimte die Unschuld in Person.

 "Warum schreibst du nur über schlechte Muslime wie deinen Vater!" - erhob er seine Stimme.

"Aber mein Vater war ein guter Mensch. Er hat Tag und Nacht gearbeitet, um unsere Familie zu ernähren. Ich habe mit seiner Hilfe die Schule absolviert. Ab und zu ein Paar Gläschen, das ist doch keine Sünde, oder..."

"Was macht dieses Schlitzohr, Avdić, in deiner Geschichte?" - unterbrach der Richter mich.

"Avdić, den Kurban- Züchter meinen Sie? Er war auch ein guter Mensch. Er hat meinen Bruder aus dem Hochwasser führenden Bach gerettet", belehrte ich ihn.

"War diese Eule, diese Tante, die die Vorschriften der Religion nicht achtete, auch eine gute Frau?" lachte er, aber sein Blick bohrte mich durch.

"So schlimm war sie doch nicht. Sie konnte wunderschön singen, besonders unsere Volkslieder, so genannte Sevdalinken ..."

Das war ein böser Traum. Nach dem Erwachen begriff ich, dass der Richter mich schon vor die Tür gesetzt und mir Hausverbot verpasst hatte. Ich durfte nie mehr in der Gemeinde erscheinen.

Jetzt frage ich mich, war das ein Traum oder Wirklichkeit?

 

          Eine Konvertierte - eine Geborene

 

Nachdem ich aus meiner Gemeinde verbannt worden war, fühlte ich mich elend und einsam. Ich bereute meine Missetaten und war bereit, vor den Gerechten in die Kniee zu gehen und die ganze Gemeinde um Verzeihung zu bitten. Aber diese Pein wurde mir erspart, weil jemand mir ein Rettungsanker schickte. Es war dies Mal eine wunderschön geschmückte, kaligraphisch geschriebene Einladung zu einem islamischen Fest mit Gebet, Musik und Gesang. Mein Herz raste vor Freude, weil mich "Fatimas Herz", so hieß das Zentrum der islamischen Frauen, zu sich bat. "Hatidze Schmückler" las ich den Namen der Vizepräsidentin des Zentrums. „Oho, das ist ein Volltreffer. Es ist eine Ehre, von diesen Schwestern eingeladen zu werden. Es sind dies keine armseligen Muslime wie mein Vater oder meine Tante, die immer Probleme mit ihrer Religion hatten. Es sind gesegnete Konvertierte, ihnen wurde der Islam nicht in die Wiege gelegt. Sie haben ihren Glauben gewählt, das ist die Religion sowohl ihres Herzens als auch ihres Unterbewusstseins. Mit denen kann ich sicher über meine Probleme diskutieren. Sie werden einen Rat für mich haben", schwärmte ich.

Selbstverständlich nahm ich diese Einladung wahr. Schwester Hatidze Schmückler begrüßte mich bei der Ankunft und versprach mir Unterstützung, wenn ich bei ihnen bleiben würde. Ich wusste nicht, was sie damit meinte. Natürlich wollte ich bei denen bleiben, deshalb kam ich zu ihnen.

Hatidze, die stolz den Namen der ersten Frau des Propheten trug, war eine hochgewachsene Dame, die viel von der vorgeschriebenen Kleidung des Islam verstand. Ihre Stiefel und die Kopfbedeckung mit den Spitzen und Perlen über der Stirn hatten dieselbe Eierschalfarbe. Und ihr Umhang, das war ein Traumstück des Orients: Moorgrün, mit Fledermausärmeln, filigran bestickt mit Seide. Die Dame erschien mir wie die phantasievolle Verkörperung einer Arabeske. Ich war beschämt und auch neidisch, weil ich, eine geborene Muslimin, so wenig repräsentativ aussah. Ich hatte ein westliches Kleid an, das ich gestern beim katholischen Hilfswerk "Schwester in Not" als Geschenk bekommen hatte. Ich verkroch mich in einer Ecke, um die selbstbewussten Religionsschwestern nicht durch mein Ungeschick  zu irritieren.

Ich dachte, ich sei bei den glücklichen Frauen gelandet. Aber trotz meiner Aufregung, merkte ich, dass die Schwester Hatidze einen großen Kummer am Herzen hatte. Ihre Mitstreiterinnen in ähnlicher Kleidung mussten sie trösten und beruhigen. Nach und nach verstand ich, worüber sie diskutierten.

Im nächsten Monat wollte sie ihr fünfjähriges "Musliminsein" feiern. Anlässlich dieses Jubiläums sollte ein hoch angesehener Scheich bei ihr zu Hause viele islamische Bräuche und Rituale abhalten. Aber bis jetzt habe sie nicht den Mut gefasst, dem Erhabenenihre große Sünde zu beichten, nämlich ihren Hund.  Muslimin hin oder her, aber sie hatte kein Herz, ihren Liebling ins Tierheim zu verbannen. Nicht einen einzigen Tag könne sie ihm dieses Trauma zufügen. Wie man weiß, sind im Islam Hunde unerwünscht, weil sie als unrein gelten. Ob der liebe Allah ihr verzeihen würde?

Ich konnte meinen Mund nicht halten.

"Ich wurde zwar in eine muslimische Familie hineingeboren, aber Ihr Problem verstehe ich nicht. In unserer Avlija, das ist der Vorhof, hatten wir immer Hunde, als Hüter und Spielkameraden für uns Kinder.  Ein Schäferhund- Mischling, den mein Vater als einen winzigen Welpen nach Hause mitgebracht hatte, war unser bester Freund. Niemand konnte unbemerkt in unsere Avlija eintreten. Einmal hat er einen Dieb erschreckt..."

Die ganze Frauenschar schaute mich verwundert an. Sie hatten erst jetzt meine Anwesenheit wahrgenommen und auch mein Kleid aus dem katholischen Hilfswerk. "Du solltest dich nicht über unsere Schwester Hatidze lustig machen. Es ist ein ernsthaftes Problem für sie, ihren Hund abzugeben."

"Aber ich habe mich gar nicht lustig gemacht ... ich wollte nur sagen, dass jede Sache zwei Seiten hat. Zwar soll man einen Hund nicht in den Raum lassen, wo man betet aber ..."

Aus dem "Fatimas Herz" wurde ich nicht vertrieben. Meine Schwestern dort beherrschten die ganze Kunst des deutschen Mobbings. Jedes Mal, wenn ich bei meinen Schwestern auftauchte, waren alle Stühle besetzt. Sogar diejenigen, auf denen keiner saß.

 

 

 

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