Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Safeta ObhodjasSafeta Obhodjas

Mein Exil vor zwanzig Jahren

Veröffentlicht am 05.11.2020

Den folgenden Text habe ich unmittelbar nach den Terroranschlägen am 11.09.2001 in New York verfasst; es war mein erster Artikel auf Deutsch. Ich war damals kaum sieben Jahre in Deutschland, aber mein Interesse und meine Sprachkenntnisse waren schon so weit gediehen, dass ich die politischen Umwälzungen in meinem neuen Heimatland verfolgen konnte. Die Abschottung der Parallelgesellschaften war zu dieser Zeit bereits fortgeschritten und besorgniserregend. Im Jahr 2020 schrieb ich den Text „Die Wahrheit, mit der ich die Gefühle der jungen Menschen als Muslime verletzte“. Der kommt gleich nach diesem Artikel. Beide Texte basieren auf meinen Erfahrungen als Schriftstellerin. Ich überlasse meinen Lesern, sie zu vergleichen.

Safeta Obhodjas über Leben und Schreiben einer Exilautorin in Deutschland

 

Meine erste Heimat ist Bosnien und Herzegowina. Ich habe dieses Land nicht freiwillig verlassen, ich wurde 1992 in einer Welle der „ethnischen Säuberung“ wegen meiner islamischen Herkunft zusammen mit meiner Familie vertrieben. Ich landete in Deutschland, in einem mir bis dahin unbekanntem Land, wo ich das Glück erfahren durfte, eine neue Sprache zu erlernen, und mich dadurch als Schriftstellerin weiterentwickeln konnte.

Meine erste Heimat ist Bosnien und Herzegowina. Ich habe dieses Land nicht freiwillig verlassen, ich wurde 1992 in einer Welle der „ethnischen Säuberung“ wegen meiner islamischen Herkunft zusammen mit meiner Familie vertrieben. Ich landete in Deutschland, in einem mir bis dahin unbekannten Land, wo ich das Glück erfahren durfte, eine neue Sprache zu erlernen, und mich dadurch als Schriftstellerin weiterentwickeln konnte.

Meine erste Zeit in Deutschland, 1992–95, war eine Flüchtlingsagonie: Tagsüber hatte ich ein großes Programm zu bewältigen, ich hatte drei Stellen als Putzfrau, musste meine Familie versorgen, Sprachkurse an der VHS besuchen, mehrere Stunden Deutsch lernen. Dabei ständig diese Gedanken an die Kriegskatastrophe in Bosnien: das Morden und Sterben, der Hunger und das Elend meiner Landsleute. Bosnien war in allen Medien präsent, seine Tragödie wurde jeden Tag live in die Wohnzimmer weltweit übertragen. Viele Deutsche engagierten sich und sammelten für die Leidenden in Bosnien. Sie brauchten eine Stimme, die gerade dem Krieg entkommen war. Ich machte mit, wobei ich nach und nach begriff, wie wichtig Deutschkenntnisse waren, wie es mir gut tat, mich auf Augenhöhe zu Wort melden zu können.

Literatur aus Bosnien war damals gefragt, aber nicht die meine. Der Mainstream wollte der deutschen Öffentlichkeit sowohl das kosmopolitische Sarajevo als auch das harmonische Miteinander von Kulturen und Religionen in Titos Jugoslawien vorführen. Ich aber hatte keinen Roman, der das schöne multikulturelle Märchen meiner Heimat zum Thema hatte. Mein Stil des Erzählens gefiel einigen Lektoren, deshalb wollten sie bei mir einen Liebesroman bestellen. „Ich schreibe keine Liebesromane. Ich schreibe über bosnische Frauen, die im Namen der Liebe ausgebeutet werden, sogar von ihren eigenen Familien“, antwortete ich. Man sagte mir: „Keine Emanze jetzt. Die Liebe zwischen einem serbischen Jungen und einem muslimischen Mädchen kann man zurzeit gut verkaufen.“ Ich konnte keinen Roman mit diktiertem Inhalt schreiben und blieb lieber bei meinen Putzstellen.

Irgendwann fand sich ein kleiner Verlag, der die Werke aus den bedrohten Kulturen bevorzugte. Mit den ersten Publikationen, zwischen 1996–97, endete meine Flüchtlingszeit in Deutschland. Danach war ich Putzfrau und Exilschriftstellerin gleichzeitig. 1997 wurde ich durch das Engagement meines Verlages zu einem Symposium „Verlegen im Exil“ als Vortragende eingeladen. Es gab viele Referate und Diskussionen über die Situation des Schriftstellers in einer fremden Kultur. Ein Satz einer Referentin aber hat sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt: „Exilfrauen putzen Deutschland sauber, weil sie keine andere Chance bekommen.“ – Oder sie ihre Chance verpassen, wie ich.

1997–98 hatte ich das Glück, mehrere Arbeitsstipendien zu bekommen. Ohne existenzielle Sorgen und mit fortgeschrittenen Deutschkenntnissen konnte ich mehr Informationen über das Leben in Deutschland sammeln. Es war mir unverständlich, warum politisch-kulturelle Prominente das Problem Zuwanderung so oberflächlich behandelten. Man stellte fest, dass die Integration misslang und die Frauen im Exil kaum eine Chance hatten, sich zu emanzipieren. Viele Studien beweisen, dass die Migrantinnen in Deutschland dazu verdonnert sind, nicht nur als Putzfrauen zu arbeiten, sondern auch für ihre Familien Tradition und Bräuche aus der alten Heimat hüten müssen und jede Grausamkeit solcher Umstände ertragen. Immer wieder meldeten sich einige deutsch- und nicht deutschstämmige WegbereiterInnen zu Wort und versuchten, ein Umdenken zu bewirken. Meist aber blieben sie vereinzelt und konnten kaum Unterstützung unter den deutschen gesellschaftlichen Strukturen erhoffen. Diejenige, die politisch etwas zu sagen hatten, suchten keine Wege und Mittel, um die Entstehung von Parallelgesellschaften in den deutschen Städten zu verhindern. Sie nahmen die Umwälzungen in der Gesellschaft einfach nicht ernst. Entweder beriefen sie sich auf die Vielfalt der Kulturen, die man, ihrer Meinung nach, tolerieren müsse, oder sie lehnten es ab, Deutschland als ein Zuwanderungsland zu sehen. So oder so agierten die politischen Parteien an der Realität vorbei und ignorierten die wachsenden Probleme.

Der Terroranschlag am 11. September 2001 in New York erschütterte und veränderte die ganze Welt. Nach dem schmerzlichen Aufwachen sah sich die Öffentlichkeit mit der Tatsache „Islam in Europa“ konfrontiert. Aber nicht konstruktiv. Man behandelte dieses Thema entweder extrem feindselig oder wie ein rohes Ei auf der goldenen Waage der politischen Korrektheit. Die Korrekten dachten, um Gottes Willen, nur nicht die Fundamentalisten innerhalb der islamischen Gemeinschaft verärgern. Ihre Redaktionen überboten sich, den sogenannten Korankennern ein Forum zu schaffen. Immer wurden dieselben Personen zu den Podiumsdiskussionen eingeladen, und die Zeitungsseiten waren mit ihren Ansichten gefüllt. Mal belehrte uns eine junge, schick gekleidete und reichlich geschmückte Frau, wie wir uns entsprechend den Vorschriften des Islam kleiden sollten, ein anderes Mal predigte uns ein Mann, dass eine Selbstverwirklichung von Musliminnen eine Sünde sei, weil sie nur für das Wohl ihrer Familien leben sollten. Eine junge im Sozialbereich engagierte Kopftuchträgerin gab zu, dass es viel Gewalt gegen Frauen in den zugewanderten Familien gäbe. Sie versuche, dem Imam in der Gemeinde ans Herz zu legen, die gewalttätigen Männer bei seiner Predigt in der Moschee zu ermahnen: Man dürfe die Frauen nicht verprügeln, weil so was der Prophet nie getan hätte. Man fragte sich, wo lebten diese Musliminnen? In einem streng islamischen Land, wo die Scharia herrscht, oder in einem europäischen Staat, wo alle Gesetze zur Verfügung stehen, mit denen man die Rechte des Individuums schützen kann?

Einige einflussreiche Medien brachten überwiegend negative Schlagzeilen aus den Parallelgesellschaften: Zwangsheirat, Ehrenmorde an Schwestern und Töchtern, radikalisierte Jugendliche, Schulen des Schreckens. Viele Verlage folgten ihnen, weil sich mit den Büchern über misshandelte Allahtöchter gutes Geld verdienen ließ. Ich hatte wieder keine glaubwürdigen Referenzen, weder für die politisch Korrekten noch für die negativ eingestellten Redakteure. Für die ersten war meine Art des Denkens und Schreibens zu europäisch, für die anderen hätte ich mehr Unterdrückung erleiden müssen. Es mag das, was ich jetzt erzähle, sehr zynisch klingen, aber das ist eine wahre Geschichte:

Eine Journalistin wollte ein Filmporträt von mir machen. Der zuständige Redakteur sagte: „Das Porträt einer Muslimin, die keine Kopftuchträgerin ist, die nicht vergewaltigt oder misshandelt wurde und nicht in einem Frauenhaus gelandet ist? Eine solche Geschichte interessiert unsere Zuschauer nicht.“

Ich hatte ein mir sehr wichtiges Manuskript in der Schublade. Im Künstlerdorf Schöppingen lernte ich 1998 einen Schicksalsgefährten aus dem Irak, Sargon Boulus, kennen, der aus der assyrisch-christlichen Kultur stammte. Seine Heimatlosigkeit berührte mich, seine Kenntnisse des Nahen Ostens begeisterten mich. Durch den Austausch unserer Erfahrungen als Pendler zwischen den Kulturen entwickelten wir nun ein gemeinsames Projekt: das Mosaikbuch „Legenden und Staub – auf den christlich-islamischen Pfaden des Herzens“. Aber damals zeigten Verlage wenig Interesse an einem christlich-islamischen Dialog-Buch. „Die Geschichte Ihres Kollegen können Sie streichen, Ihre eigene vertiefen, wobei Sie Ihren Leidensweg als Muslimin beschreiben sollten. Wir geben Ihnen zwei Monate Zeit, den Vertrag können wir jetzt abschließen.“ Der Lektor war großzügig, ich aber zögerte, unser Buch zu ruinieren. Einige Jahre später entschied sich ein Verlag, das Buch in einer kleinen Auflage und ohne Werbung zu drucken. Zum Glück hatte meine durch Mundpropaganda entstandene Leserschaft eine vollkommen andere Meinung. Sie fand meine Literatur neu, erfrischend, bedeutend, beeindruckend. Aber das passierte mir sehr selten.

Cookie-Regelung

Diese Website verwendet Cookies, zum Speichern von Informationen auf Ihrem Computer.

Stimmen Sie dem zu?