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Safeta ObhodjasSafeta Obhodjas

Mein Schreiben auf Bosnisch

Veröffentlicht am 01.01.2021

Frau und Feder – weibliche Charaktere in der mündlichen Literatur der Muslime in Bosnien

 

Meine erste Heimat, Bosnien und Herzegowina, hat anfangs der neunziger Jahre einen schrecklichen Krieg durchgemacht. Hunderttausende Menschen, überwiegend Muslime, wurden umgebracht und vertrieben und ihre Kultur wurde vernichtet. Mit den zerstörten Dörfern, Ortschaften, Stadtteilen und historischen Gebäuden verschwanden auch zahlreiche sowohl private als auch öffentliche Bibliotheken.

Nach dem Inferno hat man allmählich angefangen, Verlage und Bibliotheken zu erneuern. In der Stadt Tuzla, in Zentralbosnien, entstand der Verlag Bosnisches Wort – Schönes Wort, der meine Bücher auf Bosnisch publiziert. Zu meiner großen Freude haben viele Büchereien meine Werke erworben. Ab und zu erreichen mich sehr positive Feedbacks der Leser. Sie schreiben mir, dass sie manchmal monatelang warten müssen, um ein Buch von mir zum Lesen zu bekommen. Die Zahl der Exemplare ist begrenzt und deshalb entstehen Wartelisten derjenigen, die meine Bücher ausleihen möchten.

Vor einer Weile habe ich das Buch Frau und Feder, im Original: Žena i kalem, publiziert. (Das Wort Kalem hat die bosnische Sprache aus dem Türkischen übernommen und es bedeutet Feder oder Stift). In unserer volkstümlichen Literatur, in Poemen, Balladen oder Epen, wurden Frauen mehr oder weniger negativ dargestellt. Als junge Mädchen verfügen sie über eine verführerische Magie, mit der sie den Männern die Köpfe so verdrehen, dass sie sich ihretwegen ins Unglück stürzen. Manchmal sind die weiblichen Charaktere böse, manchmal gute Mütter, die ihre Söhne vergöttern oder anstacheln, böse Dinge zu tun. Einmal verheiratet, sind Frauen nur im Besitz ihrer Männer, die entweder durch ihre Heldentaten glänzen oder wegen ihrer Untaten verdammt werden.

In meinem Buch habe ich mich mit so einer Darstellung der Frau in der mündlichen Dichtung auseinandergesetzt. Aufs Korn nahm ich auch immer dieselben Analysen und Auslegungen dieser Literatur der gegenwärtigen Wissenschaftler. In meinen Essays versuchte ich darauf aufmerksam zu machen, wie diese nicht enden wollende, unkritische Wiederholung der veralteten Mythen in den Schulbüchern unter anderem dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft so rückständig bleibt, besonderes bezüglich der Geleichberechtigung der Frauen.

Natürlich weiß ich nicht, ob meine Sicht und Absicht ein Umdenken bei den Lesern bewirken können. Aber das folgende E-Mail einer Studentin aus Sarajevo lässt mich hoffen, dass das doch manchmal stattfindet.

 

Sehr geehrte Frau Safeta Obhodjaš,

Vor einem Jahr habe ich Ihr Buch Žena i Kalem in der Bibliothek der Stadt Sarajevo gelesen und seitdem kann ich einfach nicht aufhören, darüber nachzudenken. Ich bin zufällig darauf gestoßen und um ehrlich zu sein, habe ich nicht viel erwartet.
Ich dachte, Sie würden sich an die grundlegenden Volkslieder und Geschichten halten, die in Schulen wie dem Lied über Omer und Merima gelehrt werden, und Ihre Einstellung zum Leben von Frauen wird so sein, wie man es erwarten würde.
Ich bin eine Person, die Lieder singt, ohne viel darüber nachzudenken, was gesungen wird. Wenn das Lied fröhlich klingt, muss auch das Thema des Liedes fröhlich sein.
Dein Buch hat mir die Augen geöffnet. Die Art und Weise, wie Sie diese Frauen beschrieben haben, von denen einige nicht einmal in den Liedern mitspielen, hat mich sprachlos gemacht. Ich würde die Sätze zweimal lesen, dann würde ich aufhören, zur Besinnung zu kommen, weil ich nicht glauben konnte, dass ich etwas so Großartiges las.
Ich bin keine Person, die normalerweise viel liest. Als ich Ihr Buch aus der Bibliothek nahm, war es der Beginn meiner neuen Phase, Bücher zu finden. Vorher habe ich vielleicht ein Jahr oder länger keine Bücher gelesen (außer denen, die ich für das College brauche). Meine Frau und Kalem haben meinen Buchstandard so stark erhöht, dass ich kein anderes Buch in der Bibliothek damit vergleichen konnte. Kein anderes Buch war für mich so gut genug wie Woman and Coil.
Vielen Dank, dass Sie dieses Buch geschrieben haben, denn ich habe gelernt, dass ich mit den Büchern, die ich lese, den Liedern, den Stücken, die ich sehe, etwas kritischer sein muss. Ich weiß, wie ich Filme und Serien sehen soll, aber ich habe nie viel darüber nachgedacht wie man andere Medien akzeptiert.
Außerdem habe ich noch nie ein Buch gelesen, in dem der Autor einige Lebensweisen und die Art und Weise, wie das Leben einer Frau in den Medien gesehen wird, so scharf kritisiert hat. Es war so erfrischend zu lesen. Sie würde laut sprechen Ja! Das stimmt! JA! WAHR !!
Alles in allem musste ich Ihnen eine E-Mail senden, um Ihnen zu sagen, wie sehr dieses Buch mein Leben verändert hat.

Schöne Grüße,
D. D.
(Wirtschaftsstudent in Sarajevo, 22 Jahre alt)

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