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Safeta ObhodjasSafeta Obhodjas

Meine Realität heute

Veröffentlicht am 03.11.2020

Die Wahrheit, mit der ich die Gefühle der jungen Menschen als Muslime verletzte

Eine Lesung an einer Gesamtschule im Ruhrgebiet

 

Das war einmal: viele Gastarbeiter, überwiegend aus der Türkei, wurden in das Ruhrgebiet, einst ein riesiger Ballungsraum der Stahl- und Kohleindustrie, geholt, damit sie durch die Verrichtung von schwierigsten Jobsdem deutschen Wirtschaftswunder beitragen. Damals machten sie sich keine großen Sorgen um die Zukunft ihres Nachwuchses; den Familien, die meist die Arbeitersiedlungen bevölkerten, schien eine schulische Bildung ihrer Jüngsten nicht so wichtig. Die schwere Industrie Deutschlands kam allen wie ein Gigant vor, der in der Lage war, ihre Kindeskinder zu ernähren. 

Die Stadtzentren in den Städten waren lebendig, bereichert durch zahlreiche Läden der Einzelhändler.  Obwohl die Abgase aus vielen Schornsteinen der Industrieanlagen die Luft verpesteten und die Väter schwer schufteten, war das Leben doch erträglicher als in ihrer alten Heimat voller Armut.

Und nun, einige Jahrzehnte später, stellen wir fest: die schwere Industrie aus den Zeiten des Wirtschaftswunders ist passé, die Schornsteine sind längst weggesprengt, wobei viele Autos auf den Straßen ihre Rolle übernahmen und Gifte in die Luft auspusteten.  Mit der Umwandlung verödeten die Fußgängerzonen, in letzter Zeit sehen sie oft wie ein Abbild der billigen orientalischen Bazare aus. Der Nachwuchs der ersten Gastarbeiter blieb meist dort, wo seine Eltern gelandet waren. Aber seine Kinder, die nächste, dritte Generation, und dann eine weitere, bekamen bessere Bildungschancen und damit auch mehr Hoffnung auf ein Leben auf einem höheren sozialen Niveau. Leider, solche Zukunftsaussichten kamen zu spät, nachdem sich die Parallelgesellschaften in den deutschen Städten bereits geformt und abgeschottet hatten.

 

 

 

Heutzutage gibt es jedoch sowohl viele soziale, politische und multikulturelle Einrichtungen als auch Individualisten, die sich mit der Mammutaufgabe befassen, die Prozesse der Spaltung der Gesellschaft hier im Lande zu stoppen. Als Autorin habe ich das Glück, oft mit solchen Menschen zusammenzuarbeiten, die mich auch als eine Vermittlerin zwischen den Kulturen unterstützen. Mehrfach halfen sie mir ebenfalls, meine Ausstellung Lange Schatten unserer Mütter, die ich mit der Essener Künstlerin und Fotografin Petra Göbel schuf, dem Publikum in mehreren Städten im Ruhrgebiet zu zeigen. So geschah es auch in dieser kleinen Stadt in der Nähe von Recklinghausen; eine kirchliche Integrationseinrichtung mit vielen engagierten Mitarbeiterinnen übernahm die ganze Organisation meiner Präsentation dort.

Die Ausstellung wurde in der Stadtbibliothek untergebracht, während ich mit den Dias unserer Exponate in die Gesamtschule ging, um den Schülern die Ziele unseres Integrationsprojekts zu erklären. Auf einer großen Wand wurden die Fotos von Töchtern und Müttern projiziert, die Töchter meist mit einer akademischen Ausbildung und einem guten Job, die Mütter überwiegend mit einer sehr traditionellen Weltanschauung,  Zwei vollkommen unterschiedliche Welten im Rahmen einer zugewanderten Familie; meine Mitstreiterin und ich haben versucht, beide Seiten zu Wort kommen zu lassen.

Im Saal saßen die Schüler aus mehreren zwölften Schulklassen: viele Mädchen mit Kopftuch, und noch mehr Jungs, die sehr gestylt aussahen, von den angesagten Frisuren bis zu Marken-Sneakers. Wie in vielen anderen Schulen im Ruhgebiet, stellten die Schüler deutscher Abstammung eine Minderheit dar. Ich hatte bereits einige sehr unangenehme Erfahrungen mit solchen Schülern gemacht wegen meiner authentischen Berichte aus dem Familienleben der Muslime. Deshalb entschied ich mich, dieses Mal sehr vorsichtig zu starten, um nicht schon am Anfang eine Auseinandersetzung herauszufordern.

Ich begann meinen Vortrag mit dem Porträt der Psychologiedoktorandin Aida, die im Vorschulalter als Kriegsflüchtling in Deutschland gelandet war. Ihre Geschichte handelte von dem Ehrgeiz einer Zugewanderten, die es geschafft hat, mit der Unterstützung ihrer Eltern, besonders ihrer Mutter, durch die ganze Schulbildung die Beste ihrer Klasse zu sein. Jetzt stand sie kurz davor, an der Universität in Aachen zu promovieren. Ihre Mutter erzählte, wie stolz sie auf ihre Tochter war, wie schwer sie die ganze Zeit arbeitete, um Aida unterstützen zu können. Die Mutter wollte ihr geben, was ihr selbst von ihrem Vater verweigert wurde.

Diese Geschichte provozierte keine Empörung im Saal. Die erste Unruhe entstand, als ich das Porträt einer Logopädin namens Lamia darstellte, deren Vater seine Töchter - sie hatte eine ältere Schwester - mit fester Hand einer überdimensionalen Autorität unter Kontrolle hielt. Er unterstützte ihre schulische Bildung, sogar den Gesang in einem Chor, aber nur wenn er sie zu einer Probe oder zu einem Auftritt begleiten konnte. Sie durften keine Freunde haben, ein Besuch bei ihren Mitschülern war strengstens untersagt, überhaupt war eine Freizeit außerhalb der Familie undenkbar. „Wir haben unsere Jugend verpasst, weil wir nichts durften, keine eigenen Erfahrungen machen. Nicht einmal die Luft zum Atmen hatten wir. Wir haben beruflich viel erreicht, aber meine Schwester und ich werden oft einsam und depressiv!“, dieser Text stand unter Lamias Foto. Noch etwas tat ihr weh, ihre Mutter hat dem Vater nie widersprochen, sie trug alles mit, was er von den Kindern verlangte. Ihre Mutter versuchte sich zu rechtfertigen. „Oft habe ich seine Einstellungen gegenüber den Kindern nicht befürwortet, aber er hatte keine bösen Absichten. Mein seliger Mann war ein guter Vater und Versorger, und nicht gewalttätig. Viele Leute draußen sind nicht freundlich und er wusste am besten, was für seine Familie gut war.“ Als ich die Äußerungen dieser Mutter vorlas, begannen einige Mädchen in den Reihen direkt vor mir, die ersten Tränen wegzuwischen aber wollten sich nicht äußern. Die Jugendlichen in den entfernten Reihen hielten die Meinung ihrer Mutter für richtig, eine Frau sollte sich zurückhalten, in einer Familie mussten die Entscheidungen des Oberhauptes respektiert werden.  Das lernten Mädchen in ihrem Elternhaus, um später keine Probleme in ihren Ehen zu haben. Die Schülerinnen mit Kopftüchern schlossen sich der Meinung dieser Schüler an, sie waren sogar lauter als die Jungs. Ich versuchte diesen jungen Menschen, fünfzig Jahre jünger als ich, beizubringen, dass sie für ihre Entwicklung mehr Freiheit brauchten. „Wenn ich meine Freiräume nicht erkämpft hätte, hätte ich meine Geschichten nie schreiben können.“ Es spielte keine Rolle, was ich sagte, sie wussten alles besser als ich.

Das Wort Islam war noch nicht gefallen und wir konnten eine Weile einigermaßen zivilisiert diskutieren, über Kindererziehung, über Mutterrolle, Vaterrolle usw ... Aber danach …

An dieser Stelle hatte ich das Dilemma, ob ich mich weiter selbst zensieren und Havas Geschichte auslassen sollte, weil ich einen schnellen Austausch unter den Kopftuchträgerinnen wahrnahm, der wie eine Empörung gegen meine Meinung klang. Dann kam mir meine Feigheit ein bisschen peinlich vor und ich setzte fort, was ich geplant hatte, obwohl ich ahnte, dass ich damit die Aggressivität der jungen Leute herausforderte. 

„Jetzt erzähle ich euch von einem sehr harten Schicksal. Dies ist ein Foto von Hava, einer taffen Frau, von der ich viel gelernt habe. Als Schülerin landete sie zuerst in einer Hauptschule, was es damals für mehr als 80 % Kinder der Gastarbeiter üblich war. Von Natur aus war sie fleißig und wissbegierig, beeindruckte damit einige Lehrer, die sie unterstützten und ihr verhalfen, zum Gymnasium zu wechseln, wo sie fast problemlos das Abitur machte. Hava war auch mehrsprachig und trat während des Studiums als Dolmetscherin auf. Sie konnte sich durchs deutsche Schulsystem durchkämpfen, aber sie war machtlos, um sich gegen die ständige Kontrolle ihres sozialen Umfelds zu wehren. Sie beugte sich den Wünschen ihrer Eltern und heiratete einen Mann, den sie gar nicht wollte und was sie nach einer glamourösen Hochzeit bitter bereute. Als sie sich entschied, diesen Mann, der sie schlug und unterdrückte, zu verlassen, begann die Schikane ihrer Familie. Die Mutter verfluchte sie: Bring dich um, aber ich will keine Schande einer geschiedenen Tochter in meiner Familie. Mit zwei Kindern ließ sich Hava scheiden und wurde von ihrer Familie verstoßen. Ihr Vater versuchte dies zu verhindern, aber konnte sich nicht gegen eine hartgesottene Traditionalistin, wie ihre Mutter das war, durchsetzen.“

Noch bevor ich diese Geschichte beendete, explodierte die Empörung in der entfernten Reihe.

„Warum reden Sie so schlecht über den Islam?“, rief ein Junge mit einer kecken Strähne über der Stirn mir zu. Um ihn zu beruhigen, fragte ich ihn, wie er hieß.

„Riad.“

„Riad, ich habe den Islam gar nicht erwähnt!“

Einige Mädchen in der ersten Reihe weinten und schauten mich wie eine Offenbarung an. Ich verstand das als: „Jemand redete laut über die Probleme, die sie in ihren Familien hatten!“

„Nicht direkt, aber alle diese Frauen, von denen Sie erzählen, tragen muslimische Namen, nicht wahr? Sie kritisieren islamische Erziehung …“, sprang eine Kopftuchträgerin hoch.

„Ich erzähle euch die Wahrheit, das, was mir diese Frauen, fast alle Akademikerinnen, anvertraut haben. Was denkt ihr, darf sich eine Frau von einem schlagenden Mann trennen oder nicht? Egal ob sie eine Muslimin ist oder nicht!“

„Aber das ist nicht islamisch, wenn einer seine Frau schlägt!“

„Entschuldigung, Riad, aber im Koran gibt es eine Sure, die einem Mann erlaubt, seine Frau zu schlagen.“

„Ja, aber nur wenn seine Frau ungehorsam ist. Er soll sie zuerst ermahnen, und wenn sie den Fehler wiederholt, soll er in ein anderes Bett schlafen gehen, und wenn sie wieder nicht vernünftig wird, dann …“

„Was dann …“

„Das ist nicht, wie sie sich das vorstellen. Islamisch ist, sie ein bisschen schubsen oder ihr eine kleine Ohrfeige verpassen, nicht prügeln …“, behauptete ein Mädchen. „Wenn sie seine Wünsche respektiert, darf er sie nicht schlagen.“

„Meinst du, sie muss gehorchen, egal was er von ihr verlangt?“, fragte die Lehrerin verwundert, um mich zu unterstützen.

„Wer kontrolliert, ob er sie nur schubst oder verprügelt. Wer entscheidet, ob sie etwas falsch gemacht hat, oder nicht. Darf sie mit ihm über ihre Eheprobleme diskutieren?“, fragte ich.

Die ganze Reihe sprang auf, sie wollten nicht weiter diskutieren, nicht mit so einer Feindin des Islam, wie sie mich einstimmig abstempelten, die solche Lügengeschichten über muslimische Frauen verbreitete.

„Sie haben meine Gefühle als Muslim verletzt“, schrie mich Riad an und die ganze Reihe verließ den Saal. Alles die Jugendlichen, die seit zwölf Jahren eine deutsche Schule besucht haben.

Dann fragte ich die Schülerinnen, die vor mir saßen, warum sie weinten. Eine von ihnen schaffte es zwischen den Schluchzern, ein paar Sätze darüber zu formulieren, wie sie unter dem Druck ihrer albanischen Familie litt. Seit ihrem vierzehnten Geburtstag lebte es wie in einem Käfig, wobei die Mutter, aber oft auch der Vater, ihr predigten, dass sie ein glückliches Mädchen war, von allen in der Familie geliebt. Alle hüteten sie wie eine Kostbarkeit, die sie vor Gefahren draußen schützen wollten. „Ich habe noch drei Brüder, denen alles erlaubt ist, sowohl mit ihren Cliquen durch die Stadt zu ziehen als auch Sport zu treiben, sogar ihre Freundinnen nach Hause zu bringen, die ich dann bedienen muss, wenn meine Mutter arbeitet.“

Ihre Geschichte jetzt und Havas vor zwanzig Jahren waren fast identisch.

Ein anderes Mädchen sagte, es weinte wegen ihrer Mutter, die von ihrer Familie verstoßen wurde, weil sie einen Cousin nicht heiraten wollte.

„Denken Sie bitte nicht, dass die Schule versagt“, sagte mir die Lehrerin nachdem wir den Saal verlassen hatten. „Wir tun, was in unserer Macht steht, aber das ist nicht viel, das weiß ich. Diese Kinder wurden von Kindesbein an so geformt, und wir können in ihren Köpfen wenig ausrichten. Einerseits sind ihre Gemeinden sehr empfindlich, wenn wir ihre Weltanschauung in Frage stellen, anderseits, die politischen Autoritäten hier in der Kommune mögen es nicht, wenn man in den Schulen hohe Wellen schlägt. Wir können versuchen, unsere Werte zu vermitteln, ob sie angenommen werden oder nicht, das können wir nicht beeinflussen. Sie, als Autorin, die nicht mit unserer deutschen Vergangenheit belastet ist, dürfen viel offener darüber reden, als wir Lehrer.“

„Ja, ich kann meine Selbstzensur ab und zu ausschalten, wie während dieses Vortrags, aber will jemand hören, was ich zu sagen habe“, dachte ich niedergeschlagen, auf dem Weg zur Eröffnung der Ausstellung Lange Schatten unserer Mütter in der Stadtbibliothek. Bis dahin musste ich mich wieder zusammenreißen, um nicht den Sinn meiner Arbeit aus den Augen zu verlieren.

 

 

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