(C) Safeta Obhodjas

Scheherazade in einem kosmopolitischen Winterland (Arbeitstitel)
Roman

Fortsetzung der Romane:
Rache und Illusion - ein bosnisches Gastmahl, 
Scheherazade im Winterland und
Die Bauchtänzerinnen

Emin, wir müssen reden!“ Reden? Emin, ich will reden, Emin, hör zu, ich will reden. Du plapperst immer dasselbe, wie ein Papagei. Worüber willst du reden? Schiess endlich los!“ Sie setzte den Kaffee auf und gab sich Mühe, ruhig zu bleiben. In all den Jahren unseres Zusammenlebens haben wir nie gelernt, miteinander zu reden. Ich schlage vor, das wenigstens einmal zu probieren. Hör zu, bitte, was ich zu sagen habe.“

Seine kleinen Augen unter der gewölbten Stirn erleuchteten böse.
Was willst du? Eine Besprechung? Wie bei den echten Deutschen. Wo ist dein Terminkalender? Was sagt er, wann du eine Minute Zeit hast für mich?“ Jetzt schaute er sie belustigt und siegessicher an, weil er einen Punkt verbuchen durfte.

Zuerst erledige ich den Abwasch. Gegen 15 Uhr. Einverstanden?“ Hast du schon eine Tagesordnung?“Ja, nur ein Thema. Wann und wie beenden wir unseren Alptraum?“ Das Telefon klingelte und sie war schneller als er. Emin huschte an ihr vorbei und verschwand ins Schlafzimmer. Am Apparat war Herr Wölker, der Hausmeister. Er war froh, sie erreicht zu haben und fragte, warum ihr Mann nicht Deutsch lerne. Schon drei Mal hätte er angerufen, Herr Otaš habe aber nur „nichts verstehen“ gesagt. Er rufe an, weil er ihm einen Job anbieten möchte. Der Garten müsse gepflegt werden und er selbst habe keine Zeit dazu und würde gerne ihren Mann als Helfer engagieren. 12 DM pro Stunde, alle Geräte und Werkzeuge seien vorhanden. Diese Arbeit könne er ihm eventuell in der Nachbarschaft vermitteln. „Frau Zmaic, Sie arbeiten so viel. Ihr Mann muss sich auch ein bisschen bemühen.“ Danke, Herr Wölker, danke, dass Sie an mich denken. Ich werde mit Emin reden, dann rufe ich Sie an.“

Sie reinigte die Küche und kochte sich einen Kaffee. Das Telefon klingelte wieder. Die Chefin der Wäscherei „Edelweiß“ teilte ihr mit, dass ihre Gruppe am Samstag arbeiten müsse. In der Wäscherei jobbte Nadira zwei Tage pro Woche, dienstags und donnerstags, von 8 bis 14 Uhr. Ab und zu blieb sie länger oder sprang für eine fehlende Mitarbeiterin ein. Dies Mal war die Heißmangel einige Tage außer Betrieb, nun musste die Arbeit nach der Reparatur nachgeholt werden. Jawohl, kein Problem, sogar in der Wäscherei war es ihr angenehmer als in dieser Dachwohnung.

Frau, deine Telefonate nerven.“Ich habe einen Namen, ich heiße Nadira. Vergessen?!“ Nadira, diesen Namen habe ich in meinen jungen Jahren so geliebt.“ Von früherer Liebe können wir nicht leben.“ Ja, ja, ich weiß schon, Liebe spielt keine Rolle in deinem Leben. Nadira, dein Telefon hat mich geweckt!“ Es tut mir Leid, wenn du nicht mitbekommen hast, ich arbeite und meine Arbeitgeber müssen mir Bescheid sagen, wenn sich etwas geändert hat. Weißt du überhaupt, wie hoch unsere Miete ist?“

Ihre Sticheleien zeigten keinerlei Wirkung. Er nahm eine Tasse Kaffee, schlürfte einmal und wurde nostalgisch. Meine Güte, wenn ich daran denke, wie hart ich damals gearbeitet habe. Als Personalchef hatte ich wirklich eine große Verantwortung in der Firma. Kannst du dich noch erinnern, wie gefragt und respektiert ich war? Meine Mitarbeiterinnen haben mich vergöttert und du warst immer eifersüchtig auf sie. Ich habe dir so ein schönes Leben ermöglicht. Die Wohnung kam von meiner Firma, und mein Gehalt war immer höher als deiner. Die Mädchen haben mich ebenfalls geliebt, sogar mehr als dich. Nur du ...“

Emin, hör zu! Von deinem alten Ruhm können wir im Moment keine Miete bezahlen. Sag mir, wie lange hast du noch vor, liebem Gott die Tage zu stehlen?“ Wie viele Leute haben in meiner Abteilung gearbeitet? Warte, im Büro links saßen sie zu viert, im Vorraum meine Sekretärin und ihre Helferin ... und in einem weiter die ganze juristische Schar. Ich war auch für die Abteilungen: Stipendien, Praktikum und Fortbildung zuständig. In Gesamt mehr als dreißig Mitarbeiter: Slavko, Brane, Erna, Fatima, Ibrahim, Jagoda … Alle, alle haben mich respektiert. Meine Fabrik war mein zweites Zuhause.“

Emin drehte sich um und wischte verstohlen die Tränen, als schämte er sich seiner Traurigkeit. Nadira öffnete das Fenster und eine Brise von dem frischen Frühlingswind strömte in den Raum hinein. Er erzitterte, als ob draußen ein winterlicher Sturm getobt hätte. Wo sind meine Leute jetzt? Was machen sie? Hoffen sie wie ich, dass wir eines Tages wieder zusammenkommen? Ich kann einfach nicht glauben, dass das alles vorbei ist, für immer.“

Emin, würdest du uns dein pathetisches Geschwätz ersparen? Ob du das glauben kannst oder nicht, spielt hier keine Rolle. Diese Zeiten sind vorbei, und du weißt das, für immer! In unserem Ort leben zurzeit nur die Serben und deine Firma ist längst vor die Hunde gegangen.“ Warum musst du mir alles kaputt machen? Von dieser Hoffnung lebe ich ...“

Im früheren Leben war ich auch als Journalistin, Schriftstellerin und Angestellte an der Uni tätig. Statt dieser drei, habe ich aktuell zwei andere Berufe. Ich arbeite als Putzfrau hier und Aushilfe in einer Wäscherei. Dir wurde eine Gartenarbeit angeboten. Willst du sie annehmen oder nicht? Du musst dich aktivieren und damit kannst du mir helfen, uns über Wasser zu halten.“

Ich lasse mich nicht versklaven wie du, nicht von diesem Volk, dessen Führer einmal Hitler hieß. Ich habe mehr Schule als dieser, ja, dein Liebling, der Hausmeister, wie heißt er noch mal?“

Wenn sie mehr Kraft hätte, hätte sie mit den beiden Fäusten gegen seinen Brustkorb getrommelt. „Wie du willst. Bald gehe ich weg, und dann bist du obdachlos“, dachte sie und dieser Gedanke erheiterte sie. Trotzdem versuchte sie noch einmal ihm die Realität klar zu machen.

Meines Erachtens, Herr Wölker will uns helfen. Dank einigen Menschen sind wir nicht in einem Asylwohnheim gelandet. Erinnerst du dich nicht, wie wir dieses Dach über den Kopf bekommen haben? Wir hatten Glück, wirklich viel Glück. Marija, die Kroatin, die wir zufällig am Bahnhof getroffen haben, hatte Mitleid mit uns. Sie hat uns hierher gebracht, weil sie einige Bekannten in dieser Gemeinde hatte. Zufällig stand diese Wohnung leer und die Pfarrerin … sie hat den Vorstand überzeugt, zwei Gestrandete vor dem Asylantenheim zu retten. Emin, bitte, komm unter, dein Posten als Personalchef ist vorbei, für immer, Mensch, das kann ich nicht mehr hören!“

Mach das Fenster zu, es zieht. Der Durchzug macht mich krank, und du weißt das. Meine Sekretärin Jagoda, sie war ein Schatz, sie achtete immer darauf, dass Fenster und Türe nie gleichzeitig auf standen. Sie beschützte mich auch vor der Raucher-Bande im Büro. Sie bekamen ihr Fett weg, wenn sie ...“

Nadira drückte die Hände gegen die Ohren. Es reicht mir! Schluss, aus! So können wir nicht miteinander reden. Emin, Hotel Nadira ist passé. Ich tue nichts mehr für dich. Deine Mahlzeiten kannst du in der Küche vorbereiten, aber nur wenn ich nicht hier bin. Ich will nicht, dass du unter einer Brücke landest, deshalb überlasse ich dir das Schlafzimmer. Sprich mich nie mehr an, ich will nie mehr mit dir reden. Basta!“ Was quatschst du da?! Du hast einen Vogel, wirklich?!“

Es ist mir egal, was du denkst oder tust! Ich habe keine Angst mehr vor dir. Nimm jetzt was du brauchst und verschwinde aus meinem Raum!“ Du bist reif für eine Klapsmühle!“ Sie legte sich auf ihre Matratze hin, weil sie kaum Luft bekam. „Ist es schon so weit? Das darf nicht sein! Bitte nicht, ich habe noch nichts geregelt. Gib mir bitte nur noch ein paar Tage, nur ein paar, das kostet dich nichts … Nad, wir müssen uns beeilen, ich habe nicht viel Zeit.“ Sie schaute die Bilder ihrer Töchter an. „Nad, Ich bedaure nicht, diese hässliche Welt bald zu verlassen? Meine Mädchen werden zum Glück eine andere Nadira in Erinnerung behalten.“

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